Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Bischofsweihe in Wien

Bescheiden und volksnah

Kardinal Christoph Schönborn war ein theologisches Schwergewicht und ein kirchlicher Global Player. Sein Nachfolger auf der Wiener Kathedra, Josef Grünwidl, ist und bleibt einfacher Seelsorger.
Josef Grünwidl
Foto: Erzdiözese Wien / Stephan Schönlaub | Der neue Erzbischof von Wien Josef Grünwidl sage „aus ganzem Herzen Ja zu dieser Aufgabe“.

Drei Jahrzehnte hat Kardinal Christoph Schönborn die Erzdiözese Wien geleitet, vielsprachig und weitgereist, „urbi et orbi“ bestens vernetzt. Am Samstag legte er im Wiener Stephansdom seinem früheren Sekretär Josef Grünwidl die Hände zur Bischofsweihe auf. Grünwidl scharte vor der Liturgie im Erzbischöflichen Palais viele Jugendliche um sich und zog in deren Begleitung, vorbei an frierenden Menschen am Straßenrand, zum Stephansdom, wo er mit Blasmusik und vom Wiener Domkapitel begrüßt wurde.

Lesen Sie auch:

Zunächst betete Grünwidl still vor der in Österreich viel verehrten Marienikone „Maria Pócs“, dann wurde in der Vierung des Domes, der auch Wahrzeichen des Landes und Touristenmagnet ist, eine Übersetzung des päpstlichen Ernennungsschreibens verlesen, allerdings nicht vom anwesenden Nuntius, sondern von einer pastoralen Mitarbeiterin. Darin äußerte Leo XIV. die Erwartung, der neue Erzbischof möge ein Brückenbauer, Seelsorger und „socios in laboribus“ (übersetzt mit „Teamplayer“) sein. Christus habe die Hirten seiner Herde nicht berufen, weil sie „die besten und vollkommen in allen Tugenden waren, sondern vielmehr, weil sie bereit waren, das Evangelium Gottes zu verkünden“, heißt es in dem Ernennungsdekret.

Kein Interesse an Karriere, aber ein Herz für die Menschen

Kardinal Schönborn sprach von einem „Tag der Freude für die Erzdiözese, aber auch für mich persönlich“. In seiner Predigt erinnerte er, der die Erzdiözese Wien ab 1995 für 30 Jahre geleitet hatte, daran, dass Grünwidl dem Papst durch den Nuntius zunächst ein klares Nein gesagt und „das Amt wirklich nicht angestrebt“ habe.

„Eines ist sicher: An einer kirchlichen Karriere hattest du kein Interesse.“ Ein Seitenhieb des kundigen Kardinals auf jene, die sich die Wiener Nachfolge selbst schon zugetraut hätten? Ein Vierteljahrhundert lang sei Grünwidl „ein einfacher Pfarrer“ gewesen, sagte Schönborn, der selbst nie Pfarrer, sondern Pater und Professor gewesen war, bevor er zunächst Weihbischof, dann Koadjutor und Erzbischof von Wien wurde.

„Dein Nein zum Bischofsamt kam aus deinem Gewissen“, so Schönborn, schließlich aber habe Grünwidl auch auf die Menschen gehört, die ihn gedrängt hätten, Ja zu sagen, falls er gefragt werde. Der Vorgänger ermutigte den Nachfolger, auch in Zukunft „ein hörendes Herz für die sogenannten einfachen Menschen“ zu haben.

Grünwidl war Schönborns Wunschkandidat

In jedem Leitungsamt sei die „Gabe der Unterscheidung“ die wichtigste Aufgabe, und die beruhe auf der Weisheit, so Kardinal Schönborn. Der aktuell einzige österreichische Kardinal deutete auch eine eigene Rolle an, indem er sagte, viele Menschen hätten ihn gebeten, auf Grünwidl zu schauen, aber – gewiss – „der Papst hat es entschieden“. Dass Grünwidl Kardinal Schönborns Wunschkandidat für die Nachfolge war, ist in Österreich kein Geheimnis.

Nach der Weihe und der Übergabe von Bischofsring, Evangelienbuch und Mitra führte Schönborn seinen Amtsnachfolger zur Kathedra. Gläubige reichten den hölzernen Bischofsstab mit silberner Krümme quer durch den Dom weiter, bis ihn dann Schönborn an Grünwidl „als Zeichen des Hirtenamtes“ übergab. Beim Friedensgruß sandte Erzbischof Grünwidl – nun schon als Hauptzelebrant – Diakone aus, um allen Gruppen von Anwesenden im Dom den Frieden zu wünschen. Er selbst tauschte den Friedensgruß mit den Vertretern der anderen christlichen Konfessionen aus.

„Aus ganzem Herzen Ja zu dieser Aufgabe“

Seinem Stil entsprechend hatte der neue Erzbischof die bischöflichen Insignien im Vorfeld „möglichst einfach und schlicht“ gewählt, zugleich aber Zeichen gesetzt: So ist das Brustkreuz eine Nachbildung des silbernen Pektorale von Papst Franziskus. Der Bischofsring ist dem sogenannten Konzilsring nachgebildet, den Papst Paul VI. den bischöflichen Teilnehmern des Zweiten Vatikanischen Konzils schenkte. Der Bischofsstab stammt aus dem Nachlass des 2023 verstorbenen Wiener Weihbischofs Helmut Krätzl, dessen Zeremoniär Grünwidl in jungen Jahren war.

In Anspielung auf sein Orgelstudium wählte der neue Wiener Erzbischof seinen bischöflichen Wahlspruch, der nicht der Bibel, sondern einem Brief des Märtyrers Ignatius von Antiochien an die Gemeinde von Ephesus entstammt: „Melodiam Dei recipite“ (Nehmt Gottes Melodie in euch auf).
Erzbischof Josef Grünwidl zitierte am Ende der Liturgie den heiligen Augustinus: „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ.“ Er sage – auch das eine Anspielung auf sein ursprüngliches Nein – „aus ganzem Herzen Ja zu dieser Aufgabe“, danke Papst Leo XIV. und dem Apostolischen Nuntius, der es „in den letzten Monaten nicht immer ganz leicht gehabt“ habe mit ihm.

Die Partitur des Evangeliums zum Klingen bringen

Er wolle den Weg der „ökumenischen Neugier und Lernbereitschaft“ weitergehen und sich auch im interreligiösen Dialog einbringen. Auch die religiöse Landschaft Österreichs sei im Umbruch, meinte der neue Wiener Erzbischof: „Kirche definiert sich nicht durch Statistiken und Strukturen, und auch nicht bloß durch das Bodenpersonal Gottes. Kirche ist mehr.

Als Gottes Instrument sollen wir die Melodie Gottes zum Erklingen bringen.“ Die „Partitur des Evangeliums“ solle im eigenen Leben wie in vielen anderen Menschen zum Klingen gebracht werden, „inspiriert und begeistert durch unseren Dirigenten, den Heiligen Geist“, so Grünwidl. „Noch bevor ich an Gott glaube, glaubt er an mich.“

Bekenntnisstarke Politiker schwarz wie rot

Wenn das griechische „katholisch“ wörtlich mit „allumfassend“ zu übersetzen ist, dann war die Feier im Stephansdom überaus katholisch: Da saßen Bundespräsident Alexander van der Bellen, einst Chef der Grünen, ÖVP-Bundeskanzler Christian Stocker und der rote Wiener Bürgermeister Michael Ludwig friedlich beieinander, ebenso die grüne Parteivorsitzende neben schwarzen Ministern.

Nicht nur die christliche Ökumene – vom armenisch-apostolischen Bischof Tiran Petrosyan als Vorsitzendem des Ökumenischen Rates und dem orthodoxen Metropoliten Arsenios Kardamakis als Vorsitzendem der Orthodoxen Bischofskonferenz bis zur evangelischen Bischöfin Cornelia Richter – war in den Stephansdom geeilt, sondern auch der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural.

Mitbrüder aus Orts- und Weltkirche feierten mit

Auch Orts- und Weltkirche waren reichlich vertreten: Anwesend waren der Bischof von Passau als Mutterdiözese Wiens, Stefan Oster, und die Bischöfe der vier Wiener Partnerdiözesen, Pavel Kozbul aus dem tschechischen Brünn, Gustavo Adolfo Rosales aus San Jacinto in Ecuador, John Mbinda aus Lodwar in Kenia und Dave Dean Capucao aus Infanta auf den Philippinen.

Da der Erzbischof von Wien in Österreich zugleich Ordinarius für die katholischen Ostkirchen ist, kamen auch unierte Kirchenoberhäupter zur Bischofsweihe, darunter Großerzbischof Claudiu-Lucian Pop, das Oberhaupt der rumänisch-katholischen Kirche, Großerzbischof Fülöp Kocsis von der ungarisch-katholischen Kirche, Metropolit Jonas Jozef Maxim, das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Slowakei, und der unierte Bischof von Lemberg, Wolodymyr Hrutsa.

Christlicher Glaube als Kompas

Die gut eine Million Katholiken zählende Erzdiözese Wien umfasst nicht nur Österreichs Bundeshauptstadt, sondern auch das östliche Niederösterreich, also sprachen am Ende der Liturgie die politischen Spitzen beider Regionen. Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) überaus bekenntnisstark: „Der christliche Glaube ist für uns keine Folklore und kein Relikt der Vergangenheit, sondern unser Kompass und unsere Richtschnur.“

Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) zitierte breit aus dem Matthäus-Evangelium, um daraus zu folgern, „dass wir nicht furchtsam sein sollen, sondern die großen Herausforderungen unserer Zeit nach dem Vorbild Jesu souverän meistern müssen“. Die Vertreter der getrennten christlichen Konfessionen sprachen ein gemeinsames Segensgebet für den neuen Wiener Erzbischof – auch das ist keine überraschende Zeichenhandlung in Österreich, wo das ökumenische Klima seit Jahrzehnten freundlich ist.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Bischofsweihen Christoph Schönborn Erzbischöfe Erzbistum Wien Evangelische Kirche Jesus Christus Johanna Mikl-Leitner Katholikinnen und Katholiken Leo XIV. Michael Ludwig Papst Franziskus SPÖ Stefan Oster Österreichische Volkspartei

Weitere Artikel

Drei Jahrzehnte leitete Kardinal Schönborn die Erzdiözese Wien. Seit fast neun Monaten ist nun Sedisvakanz. Was dauert denn da so lange?
10.10.2025, 07 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Das Ausmaß bischöflicher Unlust am deutschen Synodalen Weg ist mit Zahlen belegbar: Zwei Drittel der deutschen Hirten haben nichts Positives über die Synodalversammlungen mitzuteilen.
29.01.2026, 19 Uhr
Regina Einig
„Keine Spaltung, nur Selbstisolierung von Einzelnen“: Bischof Georg Bätzing und Irme Stetter-Karp freuen sich über kirchlichen Kulturwandel – und schießen gegen Kardinal Woelki.
29.01.2026, 15 Uhr
Meldung
Danke, Boomer: Die großen Kirchen erfreuen sich trotz vieler Kirchenaustritte voller Kassen. Doch die Einnahmen befinden sich nur in einer Scheinblüte.
29.01.2026, 11 Uhr
Urs Buhlmann
Zwei Länder, zwei Verständnisse von Synodalität: In Paris geht es um Glaubensweitergabe und Umkehr, in Deutschland um Kontrolle und Geld.
29.01.2026, 19 Uhr
Franziska Harter
Wie eine Recherche des „Cicero“ enthüllt, haben Kardinal Marx und Bischof Voderholzer intern deutliche Kritik an Priester Wolfgang Rothe geübt.
29.01.2026, 10 Uhr
Meldung