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Die deutsche Politik im Katholikentags-Modus

Das Ampel-Berlin machte eine Art Betriebsausflug nach Erfurt. Das passt den Katholikentagsfunktionären ins Konzept. Aber es gibt auch noch das Katholikentags-Volk.
Eröffnung 103. Deutscher Katholikentag in Erfurt, Thüringen Bundeskanzler besucht Katholikentag Besuch bei den Helfenden
Foto: IMAGO/Chris Emil Janssen (www.imago-images.de) | Eröffnung 103. Deutscher Katholikentag in Erfurt, Thüringen Bundeskanzler besucht Katholikentag Besuch bei den Helfenden Bundeskanzler Olaf Scholz im Gespräch mit freiwilligen Helfern und HelferinnenEröffnung 103.

Bei nur noch rund 20.000 Teilnehmern kann man nicht mehr wirklich davon sprechen, dass der Katholikentag die Öffentlichkeit prägt. Trotzdem tut er es - allerdings in einem Bereich, in dem man es nicht unbedingt vermuten würde. Er ist stilbildend – und zwar für eine ganz bestimmte Art der politischen Rede.

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Es gibt Deutsch - und "Katholikentags-Deutsch"

Schon vor 30 Jahren spottete Klaus Rainer Röhl über das „Kirchentags-Deutsch“ oder auch „Weizsäcker-Deutsch“, wie er es nannte. Damals hatte er vor allem die Protestanten im Visier. Mittlerweile ist diese Welle aber schon längst zu den Katholiken herübergeschwappt. Beispiele: Es gibt nicht mehr das „Volk“, sondern nur die „Zivilgesellschaft“. Die Bürger teilen sich auf in „Hauptamtliche“ und „Ehrenamtliche“. Ständig geht es um irgendwelche „Bedarfe“, die für irgendwelche Gruppen erkannt werden. Schließlich das ständige Bemühen, nur ja niemandem in den Formulierungen weh zu tun (Ausnahme: lehramtstreue Katholiken, da kann es schon mal heftiger werden).

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Fast schon Realsatire: Als bei der Veranstaltung mit dem Kanzler im Erfurter Theater der Publikumsandrang so groß ist, dass nicht mehr alle hineinkommen, wird die Diskussion auch über Lautsprecher nach draußen übertragen. Es gibt ein wenig Unruhe. Was sagt der Ansager durchs Megafon: Er wünsche „gute Erfahrungen“ beim Zuhören. Vokabeln wie Valium. 

Die Besucher interessieren sich nicht nur für Politik-Talks

Die Ampel-Regierung hat in den letzten Tagen fast schon einen Betriebsausflug nach Erfurt gemacht. Und das hängt auch mit der Sprache zusammen. Olaf Scholz ist genauso verliebt in Nominalisierungen, phrasenhafte Stanzen und bemüht, ständig und gegenüber jedem, seinen Respekt auszudrücken. Für Varianten sind die Grünen zuständig. Robert Habeck steht für „Kirchentags-Deutsch, aber sexy“: Bei ihm kommt es etwas eleganter, tiefgründiger daher. Annalena Baerbock praktiziert eher „Kirchentags-Deutsch für Klassensprecher“. Kurz: Es gibt Varianten, aber die Basis ist gleich. Heimat ist dort, wo du dich nicht erklären musst: Die gemeinsame Sprache sorgt für den Wohlfühlfaktor. 

Trotzdem sollte man sich aber hüten, den Kirchentag auf dieses Klischee zu reduzieren. Das Problem ist tatsächlich, dass die Organisatoren in diesem Klischee eine Marke sehen, die ja auf ein bestimmtes Milieu ja auch durchaus Ausstrahlungskraft hat. Aber es gibt auch den anderen Katholikentag: Eine Kapelle in der Erfurter Innenstadt in der Nacht von Freitag auf Samstag, gegen 2 Uhr: Anbetung. Die Bänke sind gut gefüllt, vor allem mit jugendlichen Teilnehmern. Der Kirchentag besteht eben nicht nur aus den Politik-Talks. Es gibt viel Sehnsucht nach geistlichen Impulsen und vor allem nach Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Das macht den tatsächlichen Unterschied zum politischen Berlin. Und das ist gut so. 

Info: 103. Katholikentag

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Sebastian Sasse

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