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Benedikt, der leidende Gottesknecht

Mit seiner Predigt bei der Totenmesse Benedikts XVI. hat Franziskus seinem Vorgänger ein Denkmal gesetzt, das eines Papstes würdig ist.
Papst Franzuiskus setzte seinem Vorgänger in der Predigt ein Denkmal
Foto: IMAGO/Domenico Cippitelli / ipa-agency (www.imago-images.de) | Papst Franziskus setzte seinem Vorgänger in der Predigt ein Denkmal.

So manchem klang noch die großartige Predigt Joseph Ratzingers am Sarg seines Vorgängers Johannes Paul II. im Ohr. Man erwartete vielleicht Ähnliches von Franziskus, als sich dieser anschickte, Benedikt XVI. mit seiner Predigt auf seinem letzten Weg zu begleiten. Doch nicht zum ersten Mal ist der amtierende Heilige Vater für eine Überraschung gut. Vielleicht auch für eine Enttäuschung, denn in der kurzen Ansprache scheint es auf den ersten Blick kaum um den Verstorbenen zu gehen. Das passt zu der kurz und verhältnismäßig schlicht gehaltenen Liturgie des Requiems am Donnerstagmorgen. Doch man kann es auch ganz anders sehen.

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Schweres Amt 

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“, beginnt Franziskus seine Predigt und spricht über die radikale Hingabe Christi in die Hände des Vaters und – gipfelnd in seinem Kreuzestod – in die Hände der Menschen. Es geht um Christus. Dass dem Zuhörer aber gleichzeitig Papst Benedikt XVI. vor Augen steht, ist sicher nicht unbeabsichtigt: Schließlich ist es die legitime Erwartung bei einer Totenmesse, dass es um den Verstorbenen geht.

So bezeichnet Franziskus die letzten Worte Christi auch nicht von ungefähr als „das Lebensprogramm, das der Herr einhaucht und welches das Herz des Hirten wie ein Töpfer formen will“. Hinter der darauffolgenden Beschreibung des Hirten scheint von Satz zu Satz für den aufmerksamen Zuhörer immer mehr auch das Bild Benedikts hervor. „Still zwischen den Kreuzungspunkten und Widersprüchen, denen sich der Hirte stellen muss“ und mit „betender Hingabe“ hat er „wie der Meister“ die „ermüdende Last des Eintretens für andere“ getragen. Unschwer lässt sich diese Last mit dem schweren Amt des Papsttums identifizieren, das Benedikt auch gegen Widerstände mit der „Sanftmut“ getragen hat, „die fähig ist, zu verstehen, anzunehmen, zu hoffen und alles zu wagen – über das Unverständnis, das dies hervorrufen kann, hinaus“. 

Nachfolge bis zum Ende

Papst Franziskus spricht schließlich mit Benedikts eigenen Worten, wenn er den Kern des Papsttums beschreibt: „Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden. Und lieben heißt: den Schafen das wahrhaft Gute zu geben, die Nahrung von Gottes Wahrheit, von Gottes Wort, die Nahrung seiner Gegenwart.“ Und so wird im Laufe der Predigt Benedikt selbst zum leidenden Gottesknecht, der durch sein Vertrauen und seine vollkommene Hingabe an den Willen des Vaters „unsichtbare und unbegreifliche Fruchtbarkeit“ entfaltet. Das ist wohl das wunderbarste Lob, das man einem Papst aussprechen kann.

Für die Nachwelt zu erklären, was das Papsttum für Benedikt bedeutete und wie er die Nachfolge Christi bis zum Schluss gelebt hat, damit hat Franziskus ihm ein Denkmal gesetzt, das eines Papstes würdig ist. Was wäre die Alternative gewesen? Nicht nur ist bereits so viel über das monumentale Lebenswerk Joseph Ratzingers gesagt worden, dass eine detaillierte Beschreibung desselben notwendigerweise unvollständig geblieben wäre. Auch hätte dieselbe durch ihre Schwerpunktsetzung möglicherweise Anlass zu neuerlichen Spekulationen darüber gegeben, wie Franziskus zu seinem Vorgänger steht. 

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Stil und Tiefe

Und noch viel wichtiger: Sämtliche herausragenden Lebensleistungen Joseph Ratzingers, so wegweisend und prägend sie auch für die Kirche im dritten Jahrtausend sein werden, sind doch letztlich Windhauch im Vergleich zu dem, worauf der demütige Arbeiter im Weinberg des Herrn sein Leben lang hingearbeitet hat, nämlich seinem geliebten Herrn ähnlich zu werden durch vollkommene Hingabe an den Willen des Vaters. Wegen Letzterem wird Benedikt XVI. einmal heiliggesprochen werden, nicht wegen seiner großen Leistungen. Unwillkürlich fühlt man sich an das Hohelied der Liebe erinnert, in dem der heilige Paulus sagt: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ (erster Korintherbrief 13, 2).

Es gehört eine gewisse Größe dazu, seinem Vorgänger ein derartiges Monument zu setzen. Er erinnert an den Maßstab, an dem auch er sich selbst einst messen lassen werden muss. Hatte Franziskus am Sarg Benedikts auch sein eigenes irdisches Ziel vor Augen – und die Zeit, die ihm bis dahin noch bleibt? Vielleicht sprach er gegen Ende der Predigt auch ganz persönlich über die Bedeutung des emeritierten Papstes an seiner Seite: „Inmitten der Stürme meines Lebens tröstet mich die Zuversicht, dass du mich auf der Planke deiner Gebete über Wasser hältst, und dass du mir, wenn die Last meiner Fehler mich niederzieht und demütigt, die Hilfe deiner Verdienste leihst, um mich emporzuholen.“ Vielleicht fühlt Franziskus die Last des ihm auferlegte Amt nun schwerer, da er es alleine weitertragen muss.

Auf jeden Fall zeugt seine knappe Ansprache von Stil und Tiefe. Vergelt’s Gott, Heiliger Vater.

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