Mütterliche Sorge als Motor der Ökumene

Die Tagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie (DAM) befasst sich mit dem Titel Maria, „Mutter der Einheit“. Von Annalia Machuy

Tagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie - Marienbild
Die Bezeichnung und Funktion Mariens als „Mater unitatis“ war kürzlich Thema einer Tagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie (DAM). Foto: IN

Maria, die „Mutter der Einheit“ – ein Titel, dessen Vielschichtigkeit wohl nur wenigen Gläubigen bewusst ist. Die Bezeichnung und Funktion Mariens als „Mater unitatis“ war kürzlich Thema einer Tagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie (DAM). Zahlreiche Referenten beleuchteten die Stellung Mariens aus unterschiedlichen Perspektiven und im Blick auf verschiedene Aspekte der Einheit. Regina Willi und Julian Backes eröffneten über das Johannesevangelium und die Texte des heiligen Lukas einen Zugang zur Thematik, Anton Ziegenhaus referierte über mariologisches Denken im Nestorianismus. Es folgten Beiträge zur Carl Feckes, John Henry Newman und Leo XIII., der in Maria die „beste Förderin der Einheit“ sah.

Die Einheit zwischen Jesus und Maria wurde in einem Vortrag Gertrud Pollaks über das „Cruz de la unidad“, bekannt aus der Schönstattbewegung, zum Gegenstand der Betrachtung. Professor Tobler referierte über „Maria in der mystischen Erfahrung Chiara Lubichs“, ein Beitrag über die „Verantwortung Marias für die Einheit der Christen bei Papst Johannes Paul II.“ war angedacht, musste jedoch entfallen. Der Karmelitenpater Ivan Podgorelec führte differenziert und sorgfältig seine Erkenntnisse zur Marienrede Karl Barths aus. Im umfangreichen Schaffen des reformierten Theologen finden sich zahlreiche Ausführungen zur Stellung Mariens im Heilsplan Gottes. Zu nahezu allen wichtigen mariologischen Themen, so Porgorelec, habe sich Barth geäußert und seine Auffassung von der Person der Gottesmutter sei auch heute noch wichtiger Forschungsgegenstand. Barth erkannte die Gottesmutterschaft Mariens an, sah in ihrer Bezeichnung als „Theotokos“ jedoch weniger eine mariologische als eine christologische Aussage. Seiner Idee nach beschränkt sich die Mutterschaft Mariens vor allem auf die physisch-biologische Dimension. Die katholische Auffassung von Maria als Braut Gottes, die durch ihr „Fiat“ entscheidend am Heilsplan der Erlösung mitwirkt, lehnte Barth vehement ab. Er bewunderte und betonte ihren außergewöhnlichen und vorbildlichen Glauben und Gehorsam, der in der Zustimmung zu Gottes Willen zum Ausdruck kommt, war aber bemüht, Maria als einen Menschen wie andere, auch in ihrer Sündhaftigkeit, darzustellen. Maria ist für Barth der größte Kontroverspunkt im katholisch-protestantischen Dialog. Auf die Frage nach dem größten Hindernis der Einheit habe er geantwortet: „Wo wir ,Christus‘ sagen, sagen die Katholiken ,Jesus und Maria‘.“

Seine scharfe Kritik an der katholischen Marienlehre erfährt kurz vor seinem Tod jedoch eine überraschende Wendung. „Man habe wohl doch die ganze Frage der Mariologie noch nicht aufgearbeitet und man müsse sie auf evangelischer Seite noch einmal von Anfang an durchdenken“, fasst Podgorelec die Gedanken zusammen, die Barth zwei Tage vor seinem Tod geäußert habe. Die tiefere Einsicht, um die zu beten Paul VI. dem Theologen einmal versprochen hatte, ist ihm also tatsächlich geschenkt worden, die Zeit, sie zur Sprache zu bringen, so der Referent, jedoch nicht.

Auch Hans Asmussen, der einige Zeit Barths Weggefährte gewesen war, sich dann jedoch von dessen Theologie abgrenzte, äußerte sich vielfach zur Rolle Mariens im Heilsgeschehen. Er sah in Maria zwar nicht die „Mutter der Kirche“, wohl aber den „Urtyp der Gläubigen“. Ähnlich Barth unterstreicht er, so der Referent Michael Stickelbroeck, „die volle und ungestützte Menschheit Mariens“. Im protestantischen Denken über Maria sah Asmussen Defizite, seine eigene Würdigung der Rolle Mariens bleibt jedoch auch vor allem einer ästhetisierenden Ebene verhaftet.

Einen anderen Zugang zur Thematik wählte Pater Johannes Nebel. Er stellte einen Ausschnitt seiner Untersuchungen zur Repräsentation Mariens als Mutter der Einheit in der römisch-katholischen Liturgie vor. Weitere Vorträge betrachteten marianische Aspekte bei Goethe, Augustinus, Scott Hahn, im Neo-Nestorianismus und dem deutschen Protestantismus im Allgemeinen. Die abschließende Besinnung zur geistlichen Mutterschaft Mariens von Tagungsleiter Professor Manfred Hauke fasste die Rolle Mariens als Mater unitatis gut zusammen, liegt doch in ihrem mütterlichen Wesen die „Sorge um die Einheit“ am stärksten begründet.