Würzburg

Vatikanvertreter: Kritik von Liturgiewissenschaftlern ideologisch verzerrt

"Einheit in Vielfalt"? - Diskussion um Aktualisierung der "alten Messe" reißt nicht ab.

Alte Messe- Gottesdienst der Traditional Latin Mass Society in San Francisco
Durch die Flexibilisierung des Heiligenkalenders und neuen Präfationen für die „alte Messe“ werde es nicht zu Spaltungen kommen, meint Graulich. Im Bild: Ein Gottesdienst der Traditional Latin Mass Society in San Francisco. Foto: Traditional Latin Mass Society

„Mangelnde oder ideologisch verzerrte Kenntnis der Materie“ wirft Prälat Markus Graulich den 130 Theologen vor, die sich am Sonntag in einem offenen Brief gegen die von der Glaubenskongregation vorangetriebene Aktualisierung der außerordentlichen Form des römischen Ritus wandten, die bereits 2007 von Benedikt XVI. angekündigt worden war.

Graulich Keine Spaltungen, sondern Bereicherung

Graulich zufolge, der Untersekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte ist, wird es durch die Flexibilisierung des Heiligenkalenders und neuen Präfationen für die „alte Messe“ nicht zu Spaltungen kommen, sondern zu einer Bereicherung, von der immer mehr Gläubige überzeugt seien.

Dem Papst stehe es dabei frei, anstatt der Gottesdienstkongregation auch die Glaubenskongregation mit Fragen der Liturgie zu betrauen, wie das Benedikt XVI. hinsichtlich der traditionellen Liturgie getan habe. Inhaltlich sei die Glaubenskongregation auch kompetent, „sei es durch ihre Mitarbeitern, sei es durch ihre Konsultoren, die alle Fächer des theologischen Kanons abdecken", stellt der Kanonist heute gegenüber der „Tagespost“ klar.

Irritiert zeigte sich Graulich auch hinsichtlich des Vorwurfs einer Spaltung zwischen lex orandi (Gesetz des Betens) und lex credendi (Geset des Glaubens). Es sei eine Tatsache, „dass das Messbuch von 1962 Ausdruck des gleichen Glaubens ist, wie das Messbuch Paul VI.“ Es werde die von Benedikt XVI. verlangte gegenseitige Befruchtung der beiden Formen des römischen Ritus vorangetrieben.

Mahnt sich die Glaubenskongregation Kompetenzen an, die fachlich nicht gedeckt sind?

Unter Federführung des italienischen Liturgiewissenschaftlers Andrea Grillo kritisieren die Unterzeichner des offenen Briefes, dass die Glaubenskongregation an den Bischofskonferenzen und der Gottesdienstkongregation vorbei gehandelt habe, und sich damit eine Kompetenz anmaße, die fachlich nicht gedeckt sei. Es gebe einen ernsthaften Konflikt, der zu „zu einer signifikanten Spaltung im Glauben führe.“ Weiter führt das Schreiben aus, dass der Zustand, den das Motu Proprio Summorum Pontificum 2007 mit der Zulassung der ‚alten Messe‘ als „außerordentlicher Form des römischen Ritus“ schuf, zu überwinden sei: „Es macht keinen Sinn mehr, Dekrete zu erlassen, um einen Ritus zu "reformieren", der in der historischen Vergangenheit verschlossen, träge und kristallisiert, leblos und ohne Kraft“ sei. Eine Fortsetzung der momentanen Lage führe nur zur Zerstörung, Privatisierung und Verzerrung der Anbetung der Kirche, so der Verfasser.

Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards begründet gegenüber der „Tagespost“ seine Unterstützung des offenen Briefes damit, dass sich durch den „Alleingang der Glaubenskongregation … die innerkirchliche Spaltung eher vertieft.“ Der Liturgiewissenschaftler fürchtet eine Aufwertung der alten Liturgie. Daher habe er die Petition unterschrieben, auch wenn er nicht glaube, dass ihr Erfolg beschieden sein wird. Dabei stellte Gerhards klar, dass er grundsätzlich nichts gegen die Zelebration in der ‚außerordentlichen Form‘ habe. Er halte aber zwei unabhängige Ritensysteme auf die Dauer nicht für sinnvoll. Daher sei eine „ehrliche Diskussion über die Verteilung der Kompetenzen zur Ordnung der Liturgie der Kirche und darüber, wie Einheit in Vielfalt zu leben ist.“

Römischer Ritus kann sich organisch fortentwickeln

Für Graulich ist durch das Handeln der Glaubenskongregation dagegen klargestellt, dass die außerordentliche Form des römischen Ritus nicht in der Vergangenheit eingeschlossen ist, sondern sich organisch fortentwickeln kann: „Dass die außerordentliche Form weder leblos noch ohne Kraft ist, zeigt der Besuch einer Eucharistiefeier in der außerordentlichen Form des römischen Ritus allenthalben. Ob dies so genannten Liturgiewissenschaftlern passt, oder nicht“, so Graulich weiter.

DT/ska

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