Glaubenszeugnis im Nationalsozialismus

Aus Glauben erwächst Kraft zum Widerstand bis zum Tod

Brachial gingen Nationalsozialisten gegen Kriegsdienstverweigerer vor: Sie wurden öffentlich verfemt, verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt - zum Teil zum Tode. Unter dem Titel „In Gottes Wahrheit leben“ bietet Helmut Kurz Lebensbilder von 22 Männern, die den Eid auf Hitler aus Glaubensgründen verweigerten.

Franziska Jägerstätter übergibt Bischof Ludwig Schwarz die Reliquien ihres Mannes.
Seligsprechung Franz Jägerstätters am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom. Franz' Ehefrau, die 2013 verstorbene Franziska „Fani“ Jägerstätter, übergibt Bischof Ludwig Schwarz die Reliquien ihres Mannes. Foto: Diözese Linz/Wakolbinger

Der Spielfilm „Ein verborgenes Leben“ (DT vom 30.1.2020) machte eine breite Öffentlichkeit mit dem seligen Franz Jägerstätter bekannt, auch wenn er bereits im Oktober 2007 seliggesprochen worden war. Jägerstätter gehörte zu den wenigen zum Wehrdienst Eingezogenen, die den Eid auf Adolf Hitler verweigerten. Sie zahlten nicht nur mit ihrem Leben. Darüber hinaus blieben sie jahrzehntelang „verborgen“, ja an ihnen haftete das Odium des „Feiglings, Drückebergers, Vaterlandsverräters“. Erst im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erhielten sie die lange verwehrte Anerkennung.

In rechtlicher Hinsicht brachte die Wende ein Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts vom 11. September 1991, das der Witwe eines hingerichteten Wehrmachtdeserteurs die Hinterbliebenenunterstützung zusprach. Dies führte zum „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege“ von 1998. Die meisten Katholiken unter ihnen wurden ab 1999 in das „Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ beziehungsweise in das Österreichische Martyrologium aufgenommen. Eine dritte Art der Anerkennung wird ihnen durch „Stolpersteine“ zuteil, im Boden verlegte kleine Gedenktafeln, die seit 1992 an die Verfolgten des Naziregimes erinnern.

Die meisten Kriegsdienstverweigerer waren Zeugen Jehovas, die ja den Wehrdienst überhaupt ablehnen. Manche Urteilsbegründung nennt sogar als Tatbestand nicht nur „Zersetzung der Wehrkraft”, sondern fügt in Klammern den Vermerk „Bibelforscher“ hinzu – die Zeugen Jehovas gingen aus der Bibelforscherbewegung hervor –, auch bei den Katholiken Michael Lerpscher, Josef Ruf, Franz Jägerstätter und Wilhelm Paul Kempa.

Bei den evangelischen und katholischen Christen kann von einer allgemeinen Militärdienst-Verweigerung nicht die Rede sein. Die Verweigerer stellen vielmehr eine verschwindend kleine Minderheit dar. Aber: „Wie viele Franz Jägerstätter hat es gegeben?“, fragte Josef Wallner im August 2019 in einem Artikel für die Kirchenzeitung der Diözese Linz. Wallner berief sich auf einen 2008 erschienenen Aufsatz von Annette Mertens, um „genau 14 Katholiken“ sowie vier evangelische Christen anzugeben.

„Gegen mein Gewissen kann
und will ich mit Gottes Gnade nicht handeln.“

Eine umfassende Darstellung über die Kriegsdienstverweigerung im Zweiten Weltkrieg aus religiösen Gründen gab es bislang nicht. Die Lücke schließt nun Helmut Kurz in seinem unter Mitwirkung von Helmut Donat erschienenen, 320 Seiten starken Buch „In Gottes Wahrheit leben. Religiöse Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg“, das Mertens' Angaben nach oben korrigiert. Kurz' vorläufige Bilanz: Verurteilt seien wegen Kriegsdienstverweigerung aus religiösen Gründen in den Jahren 1939–1945 sowohl 494 Zeugen Jehovas als auch 103 andere (davon 337 Todesurteile bei Zeugen Jehovas und 56 bei anderen, wobei jeweils 282 und 51 vollstreckt worden seien). Allerdings sei die genaue Anzahl „nicht zu ermitteln und bleibt auf ständige Ergänzungen und Korrekturen angewiesen“.

Zwischen Widerstand und Pflichterfüllung

Lebensbilder von 22 Kriegsdienstverweigerern machen den Mittelteil in Helmut Kurz' Abhandlung aus. Darunter befinden sich der Delegierte der Katholischen Jugend in Bozen Josef Mayr-Nusser, der 2017 seliggesprochen wurde, und Franz Reinisch, Pallotiner und Schönstatt-Priester, dessen Seligsprechungsprozess weit fortgeschritten ist. Wiederum andere, so etwa Alfred Andreas Heiß in Berlin oder Ernst Volkmann in Bregenz, führten ein bescheidenes Leben. Gemeinsam ist ihnen die Gewissensentscheidung, die Franz Reinisch so zusammenfasst: „Sooft ich auch mein Gewissen überprüfe, ich kann zu keinem anderen Urteil kommen. Und gegen mein Gewissen kann und will ich mit Gottes Gnade nicht handeln.“

 

Im ersten Teil behandelt der Verfasser theoretische Grundlagen, von Hitlers Hass auf Deserteure und Verweigerer über die Instrumentalisierung der NS-Militärjustiz bis zu Widerstand und Verweigerung. Besonderes Interesse dürfte das Kapitel über die Haltung der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg wecken. Nachdem Kurz an die Lehre vom „gerechten Krieg“ erinnert, behandelt er das „Dilemma katholischer Bischöfe“, die zwar wussten, dass dieser Krieg kein „gerechter“ war, andererseits aber in Anlehnung an Pauli Wort die Gläubigen „zu Gehorsam und treuer Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten“ aufforderten.

Die Freiheit persönlicher Gewissensentscheidung

Eine besondere Rolle habe auch der Kampf gegen den Bolschewismus gespielt. Ein Hinweis auf das Reichskonkordat hätte allerdings zusätzliches Licht ins „Dilemma“ gebracht: Weil in dessen Artikel 27 die Militärseelsorge geregelt wurde, konnte die Kirche schwerlich gegen die Militärpflicht Front machen.

Bezeichnend ist in dem Zusammenhang ein Wort des Pazifisten und Nazi-Gegners Max-Josef Metzger an die Mitglieder seiner Christkönigsgesellschaft von 1933, das der Verfasser auch zitiert: „Wer ... die grundsätzliche Kriegsdienstverweigerung als ein wirksames Mittel zur internationalen Bekämpfung des Krieges ansieht oder sonst aus Gewissensgründen die Kriegsdienstpflicht verweigert, wird in der Freiheit seines Gewissens anerkannt. Die Gesellschaft selbst hat ausdrücklich eine Stellungnahme dazu abgelehnt und lässt den Mitgliedern die Freiheit persönlicher Gewissensentscheidung.“ Schließlich widmet sich Helmut Kurz im dritten Teil seines Buch der Entwicklung nach Kriegsende, den „Stationen eines exemplarischen Meinungswandels“.

An der ersten umfassenden Abhandlung über die Männer, die den Eid auf Hitler verweigerten, wird gewiss in Zukunft keine Arbeit in diesem Bereich vorbeikommen können. Es steht zu hoffen, dass sie auch das Interesse einer breiten Öffentlichkeit findet.


Helmut Kurz, unter Mitwirkung von Helmut Donat: In Gottes Wahrheit leben. Religiöse Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg. Schriftenreihe Geschichte & Frieden, Bd. 47, hrsg. von Dieter Riesenberger und Wolfram Wette. Bremen, Donat Verlag 2021, 320 Seiten, EUR 18,–

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