Bamberg

Den Glauben singen bis zum Tod

Während der Herrschaft der Nationalsozialisten werden christliche Musiker zu Glaubenszeugen
Musiker in einem Vernichtungslager der Nationalsozialisten
Foto: UN | Wie beim Lied der Moorsoldaten gelang den Komponisten versteckte Kritik an den Verhältnissen in den Lagern. Häftlingsorchester in Janowska in Lviv.

Musik spielte in der Zeit des Nationalsozialismus eine kaum zu überschätzende Rolle. Joseph Goebbels, der ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Macht der Medien hatte, sorgte dafür, dass nicht nur Worte, sondern auch Klänge ganz bewusst im Sinne der NS-Ideologie zum Einsatz kamen. Besonders gut hörbar ist dies in dem Propagandafilm Hitlerjunge Quex aus dem Jahr 1933, dessen mitreißendes Titellied „Unsere Fahne flattert uns voran“, ebenso wie der die inhaltlichen Aussagen direkt ins Unbewusste einbettende Soundtrack, auch dann seine gefährliche Gemeinschaft stiftende Sogwirkung entfaltet, wenn der Film dezidiert in einem aufklärenden Ambiente gezeigt wird. Kein Wunder also, dass Musiker, die dem Regime kritisch gegenüberstanden, besonders im Fokus der NS-Schergen waren. Denn die wussten ganz genau, welchen Einfluss die scheinbar machtlosen, nur mit einem Klavier, einer Orgel und ein paar Sängern ausgerüsteten Tonkünstler auszuüben in der Lage waren.

Immer neue Zeugen für Christus im Licht der Öffentlichkeit

Umso bedauerlicher ist es, dass die meisten von ihnen inzwischen vergessen sind. Dies zu verändern ist die Aufgabe, der Prälat Helmut Moll sich verschrieben hat, der im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz ein Verzeichnis der Märtyrer und Glaubenszeugen erstellte, die Deutschland im 20. Jahrhundert zu verzeichnen hat. Als im Jahr 1999 im Schöningh-Verlag das zweibändige Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ in erster Auflage erschien, war nicht absehbar, welche Erfolgsgeschichte das fast 2 000 Seiten umfassende Werk schreiben würde. Tatsächlich hat Moll mit seinem steten, nie nachlassenden und immer neue Zeugen für Christus ins Licht der Öffentlichkeit stellenden Engagement maßgeblich dazu beigetragen, aufzuzeigen, wie umfassend das Spektrum der Glaubenszeugnisse ist und welch tiefe Wurzeln der Widerstand gegen die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus in der katholischen Kirche in Deutschland hatte.

Durch seinen Fokus auf den Bereich Musik zeigt Moll zudem auf, welch essenzielle Rolle die geistliche Musik für die Festigung des Glaubens und die Stärkung der Gabe der Unterscheidung hat. Aus dem Glauben heraus Antwort auf die Provokationen zu geben, die in den 1930er Jahren mehr und mehr lautstark aus den Reihen der Nationalsozialisten erklangen, ließ junge Katholiken zur Feder greifen und eigene Texte und Lieder kreieren, als die Hitlerjugend ihr entgegenschmetterte: „Die Zeit des Kreuzes ist nun vorbei, das Sonnenrad will sich erheben, nun werden mit Gott wir endlich frei, dem Volke die Ehre dir geben“ und sang stattdessen: „Sankt Michael, der vor Gottes Thron hält mit den Engeln Wache, du bist der Deutschen Schutzpatron, entscheide unsre Sache.“

„Geistliche Musik bildet das Gewissen“

Die Bezugnahme auf den Erzengel, den die jungen Katholiken als ihren Patron wählten, ist keine sentimentale Entscheidung, sondern eine bewusste Öffnung für die Mächte der geistigen Welt, die von den Nationalsozialisten so dezidiert angegriffen wurde. Und die katholische Jugend war nicht allein mit ihrer Ansicht, dass Musik eine wirkmächtige Waffe im Kampf gegen die falschen Grundsätze war, aus denen, für sie klar erkennbar, verheerende Taten erwachsen würden. „Viele Christen waren davon überzeugt: Geistliche Musik bildet das Gewissen und stärkt den Menschen (auch im Glauben an Gott). … Nicht nur als Ausdruck ihres göttlichen Lobpreises sangen sie, sondern auch als Resistenz gegen ein totalitäres und verbrecherisches System“, betont Prälat Moll.

Das Andenken an diejenigen wachzuhalten, die, gestärkt durch die Gesänge des Gottesdienstes, bewusst Widerstand leisteten, ist gerade heute essenziell. Denn sie sind spirituelle Vorfahren, die uns heute dabei helfen können, die notwendigen Unterscheidungen zu treffen und in Wort und Ton unsere Stimme zu erheben, wenn grundlegende Werte infrage gestellt und falsche Grundsätze plötzlich für richtig erklärt werden.

Auch Kirchenmusiker wurden hingerichtet

Lesen Sie auch:

Einige Beispiele: Ewald Huth wurde 1890 in Bad Hersfeld geboren. Er war schon früh von der Kirchenmusik fasziniert, nahm Privatunterricht, besuchte die St. Gregorius-Akademie der Benediktiner in Beuron, wo er auch seine Liebe zur Liturgie vertiefen konnte, die für die Ausübung des Kirchenmusikerberufes so essenziell ist, und ging schließlich zum Studium an die Kirchenmusikschule in Regensburg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Grenzen zwischen dem Lehrerberuf und dem des Kirchenmusikers noch fließend – ein Trend, der heute, wo Fans von Strukturdebatten die Pläne für die Abschaffung der professionellen Kirchenmusik schon längst in den Schubladen liegen haben – wieder aufgegriffen wird.

"Geradezu verbrecherisch kirchenhörig"

Huth ging daher zunächst als Musiklehrer ins Kloster Ettal, bevor er 1920 als Organist und Chorleiter ins badische Willingen wechselte. Hörbar war Huths Engagement, der in seiner Gemeinde eine viele begeisternde kirchenmusikalische Arbeit entfaltete, nicht nur in der Kirche. Die Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 kritisierte er öffentlich und hielt sich auch später mit Kommentaren nicht zurück. Die Folge: Ewald Huth wurde denunziert und verhaftet. Im Verfahren bezeichnete man den Kirchenmusiker als „geradezu verbrecherisch kirchenhörig“ und als „schwarze Wühlmaus“ , die aus Sicht der NS Schergen zu Recht wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt und am Fest Allerheiligen 1944 in Stuttgart erschossen wurde.

Der Kapuzinerpater Dionysius Hören wurde 1903 in Krefeld geboren, sang von seinem achten Lebensjahr an im Kirchenchor mit und lernte mehrere Instrumente. Bis er am 3. Februar 1943 im Konzentrationslager Dachau starb, widmete er sich dort der musikalischen Gestaltung der Liturgie und sang so viel wie möglich mit seinen inhaftierten Kameraden.

Widerstand gegen Euthanasie endet mit dem Tod

Maria Terwiel, am 7. Juni 1910 in Boppard geboren, war eine gebildete Katholikin, die ihren Glauben umso bewusster lebte, als sie als Halbjüdin im Fokus der Nationalsozialisten stand. Seit ihrem 14. Lebensjahr spielte sie, die zunächst das Klavierspiel erlernt hatte, die Orgel in den Gottesdiensten ihrer Gemeinde. Als sie dabei ertappt wurde, die Euthanasie-Predigten des Bischofs Clemens August Graf von Galen zu verbreiten, wurde sie verhaftet und am 5. August 1943 durch das Fallbeil in Berlin Plötzensee hingerichtet.

Kurt Huber ist 1893 in Chur geboren. Der Professor für Musikpsychologie und Volksliedkunde lehrte an der Universität München und war eng mit den Mitgliedern der Weißen Rose verbunden. Er wurde nach dem Abwerfen des sechsten Flugblattes verhaftet und am 13. Juli 1943 in München-Stadelheim hingerichtet. Diese vier Lebenszeugnisse, die zu ehren und an die zu erinnern uns gerade heute eine heilige Pflicht sein sollte, sind nur einige Beispiele aus der Schar der Märtyrer des Nationalsozialismus, deren Überzeugung nicht auf tönernen Füßen stand, sondern weithin tönende Wurzeln hatte. Ihr Gedenken bewusst zu pflegen verbindet sich auch mit der Verpflichtung, heute dafür Sorge zu tragen, dass in der Kirche die Gesänge des Glaubens erklingen. Gut ausgebildete Kirchenmusiker sind dafür unverzichtbar. Wer sie durch Selbstspielautomaten ersetzt, setzt eine geistliche, geistige und letztlich gesellschaftliche Abwärtsspirale in Gang, deren Folgen am Ende viele tragen müssen. Wer das verhindern will, kann seine Aufmerksamkeit für die Relevanz der musikalischen Glaubenszeugen an Helmut Molls wegweisendem Werk schulen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Wenn Sport zur Nebensache wird: Mit der U15-Nachwuchsmannschaft des 1. FC Köln in Auschwitz.
09.05.2022, 15  Uhr
Ulrike von Hoensbroech
In Berlin liegen in einem Massengrab die Überreste von 18 polnischen Priestern. Jetzt sollen wenigstens ihre Namen zu lesen sein.
08.09.2021, 11  Uhr
Josefine Janert
Kurt Flasch befasst sich mit der Haltung von Michael Schmaus, Joseph Lortz und Josef Piepers zur Machtergreifung.
06.06.2022, 07  Uhr
Manfred Gerwing
Themen & Autoren
Barbara Stühlmeyer Das dritte Reich Dionysius Geistliche Musik Hitlerjugend Jesus Christus Joseph Goebbels Katholische Kirche Kirchenmusiker Kurt Huber Märtyrer Nationalsozialismus Nationalsozialisten

Kirche

Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller
Die Mehrheit der Katholiken ist gegen sie. Die Abgabe ist längst nicht mehr zeitgemäß und schon gar nicht zukunftsfähig. Die jüngste Umfrage ist nur ein Warnschuss.
05.08.2022, 11 Uhr
Peter Winnemöller