Leipzig

„Das ist ein ganz normales, geerdetes Leben“

Plattenbau und Poesie: Bruder Andreas Knapp wünscht sich eine neue Sensibilität für die Kostbarkeit des Daseins. Ein Porträt.

Andreas Knapp
Andreas Knapp versucht mit religiös gefärbten Gedichten dem Glauben an Gott auf der Spur zu bleiben. Foto: Privat

Ein Poet, der im Plattenbau lebt. Ein Exerzitienbegleiter, der am Fließband arbeitet. Ein Priester und Ordensmann, der in einer säkularen Stadt eine neue Heimat gefunden hat. Bruder Andreas Knapp, bundesweit bekannt geworden als Lyriker und geistlicher Autor, vereint fast Unvereinbares in seinem Leben und Wirken. Doch einen Gegensatz zwischen diesen sonst so gegensätzlichen Welten sieht er selbst nicht. „Das ist ein ganz normales, geerdetes Leben, das ich führe“, versichert der charismatische Mann, der kürzlich erst wieder einen neuen Gedichtband vorgelegt hat, ganz bescheiden. „Ich habe ganz einfach Freude am Leben, an Menschen und kleinen Dingen, und diese Vielfalt macht das Dasein spannend und reich.“

1958 im nordbadischen Hettingen geboren, studierte Knapp in Freiburg und Rom Katholische Theologie und Philosophie und wurde 1983 zum Priester geweiht. 1988 wurde er mit einer Dissertation über das Menschenbild in der Soziobiologie promoviert. Im selben Jahr übernahm er die Stelle des Pfarrers der katholischen Freiburger Hochschulgemeinde, vier Jahre später wurde er Regens des dortigen Priesterseminars. Doch was nach einer großen kirchlichen Karriere aussah – möglicherweise wäre auf der nächsten Stufe die Aufnahme ins Domkapitel oder gar eine Bischofsweihe gefolgt –, bekam plötzlich einen Knick. „In Wirklichkeit war das allerdings kein Bruch, denn ich hatte schon im Studium die Sehnsucht danach, in einer kleinen Gemeinschaft zu leben“, berichtet er.

„Der sichere Status bedeutete mir nichts,
der Wunsch nach einem anderen Leben war viel größer“

Während seiner Zeit als Studentenpfarrer hatte er zudem die„Gemeinschaft der kleinen Brüder vom Evangelium“ in Frankfurt und ihre von Charles de Foucauld geprägte Spiritualität kennen und schätzen gelernt, und schon bald stand sein Beschluss, in diese Gemeinschaft einzutreten, fest. Auf Bitten des damaligen Freiburger Erzbischofs Oskar Saier stellte er sein Vorhaben allerdings zurück und ließ sich noch einmal in die Pflicht nehmen, fühlte sich aber in diesem kirchlichen Rahmen nicht wohl. „Der sichere Status bedeutete mir nichts, der Wunsch nach einem anderen Leben war viel größer“, urteilt er im Rückblick. Dem Ordenseintritt im Jahr 2000 folgten bewegte Jahre: ein Jahr als Putzkraft in einem Pariser Pflegeheim, ein Jahr als Hilfskraft auf einer Baustelle in Neapel und zwei Jahre als Joghurt-Verkäufer und Alphabetisierungs-Helfer im bolivianischen Cochabamba. „Diese Jahre waren wie eine Entziehungskur für mich, denn ich hatte vorher auch viel Anerkennung, Status und Macht“, räumt er freimütig ein. „Aber es war auch ein heilsamer Weg zurück ins Leben. Die Einfachheit des Lebens in einer kleinen Gemeinschaft, die Pflege von Stille und Gebet haben mich angezogen und bereichert.“

2005 zog er schließlich mit drei Mitbrüdern in eine Plattenbau-Wohnung im Leipziger Stadtteil Grünau, der von Hochhaussiedlungen geprägt ist. 85 Prozent der Einwohner gehören keiner Religion an, Armut, Alkoholismus und Atheismus prägen das Viertel, in dem viele Hartz IV-Empfänger und Alleinerziehende leben – genau die richtige Umgebung für die „Kleinen Brüder vom Evangelium“, die keine Pfarrei betreuen und keine herausgehobene Rolle spielen wollen, sondern im alltäglichen Leben der Menschen unauffällig präsent sind. Ihren Lebensunterhalt verdienen die vier Ordensmänner als einfache Arbeiter: So hat Bruder Andreas zehn Jahre lang in Leipzig am Fließband gearbeitet, außerdem war er als ehrenamtlicher Schulseelsorger und später als Gefängnispfarrer tätig.

Poesie aus einer ernüchternden Umgebung

Und ausgerechnet in dieser überaus prosaischen, ernüchternden Umgebung und nicht etwa in einem idyllischen Häuschen am Meeresstrand oder auf einer Hütte hoch in den Bergen entsteht Knapps Poesie. Bereits als Student hat er kleinere Texte für Gottesdienste, und für gute Freunde zu Festtagen Gedichte geschrieben. Eine kleine Sammlung war dann der Anlass zur Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes vor 20 Jahren. Wie seine Verse entstehen, ist schnell beschrieben: Einmal kommen die Worte aus seinem Innern, weil dort Erinnerungen aufsteigen, ein anderes Mal mehr als Echo auf etwas, was er wahrnimmt und was ihn anspricht, manchmal entstehen sie in der Stille, meist aber im Zug oder in der Straßenbahn. „Da unsere Gemeinschaft bewusst auf ein Auto verzichtet hat, bieten mir die öffentlichen Verkehrsmittel genügend Zeit und Raum, um zu träumen, nachzudenken, mich von Begegnungen inspirieren zu lassen“, erzählt er. „Und da ich immer mit meiner kleinen Bibel reise, ergeben sich auch von dorther manche Anregungen.“

Staunen über das Wunder des Lebens

Allerdings: Knapp schreibt seine geistlichen Gedichte nicht, um anderen den Glauben zu vermitteln; das wäre in seinen Augen eine unzulässige Instrumentalisierung. Er will stattdessen etwas von sich weitergeben,wie in jedem echten Dialog etwas Persönliches zu formulieren versuchen, „und weil ich religiös geprägt bin und versuche, dem Glauben an Gott auf der Spur zu bleiben, sind sehr viele meiner Gedichte auch religiös gefärbt“, erläutert er. „Gedichte sind für mich immer eine Weise, einen Dialog zu führen: mit mir selbst, mit anderen – oder mit Gott.“ Denn über Gott reden und sich seinem unfassbaren Geheimnis nähern, das kann seiner festen Überzeugung nach eigentlich nur in lyrischer Sprache geschehen, in einer Sprache also, die nicht de-finiert, sondern entgrenzt, und in der gerade die assoziative Offenheit zählt.

Und da Knapp (welch treffender Name!) nicht plappern, sondern etwas Wichtiges sagen will, haben sich seine Verse im Laufe der Jahre immer mehr verdichtet und verknappt. Zu welcher Meisterschaft er diese Verknappung inzwischen entwickelt hat, demonstriert sein neuester, sehr empfehlenswerter Gedichtband mit dem vielsagenden Titel „Ganz knapp“, in dem es ihm oft mit wenigen Zeilen geradezu beispielhaft gelingt, aus theologischen Begriffen, bekannten Bibelstellen oder gestanzten Redewendungen Funken zu schlagen und neue, überraschende Erkenntnisse herauszufiltern. Lyrik, so zeigt sich immer wieder, ist für Bruder Andreas nicht thematisch begrenzt, sondern alle menschlichen Erfahrungen, Empfindungen und Wahrnehmungen finden darin Platz, wie etwa Natur oder Erotik. Alle Erfahrungen, die den Menschen mit dem Größeren verbinden, die ihm helfen, über sich selbst hinauszusehen, hin-auszuwachsen, die ihm Verbundenheit mit dem Großen und Ganzen erlauben, haben für ihn eine religiöse Dimension.

Auch in seinem Leben gibt es Langeweile oder Ohnmacht

In den letzten fünf Jahren hat er allerdings nur noch wenige Gedichte verfasst, sondern schreibt vor allem für Jobcenter und die Ausländerbehörde, indem er umfangreiche und schwer verständliche Formulare für Flüchtlingsfamilien („ihre Begleitung macht mich reich“) ausfüllt. Gerade hat er im Kloster Roggenburg Exerzitien für junge Leute gegeben, und regelmäßig bricht er mit 15 jungen Erwachsenen zu einem Pilgerweg mit Rucksack und Iso-Matte nach Assisi auf. Dass es trotz allem auch in seinem Leben Langeweile, Öde, Ohnmacht und Lähmung gibt, leugnet der überzeugte und überzeugende Ordensmann, der so völlig mit sich identisch wirkt, nicht.

„Trotzdem ist das Wunder des Lebens für mich jeden Tag Anlass, um darüber zu staunen und dankbar zu sein“, unterstreicht er. „Zugleich steht mir die Zerbrechlichkeit des Lebens, von Lebensentwürfen und Beziehungen deutlich vor Augen.“ Wobei mit dem Stichwort „Zerbrechlichkeit“ oder „Verwundbarkeit“ die Corona-Krise in den Blick käme. Andreas Knapp wünscht sich, dass die Pandemie eine neue Sensibilität für die Kostbarkeit des Lebens und das Wunder des Lebendigen auf unserem Planeten bewirken möge. „Aber eine allzu große Hoffnung habe ich leider nicht.“ Gerd Felder


Andreas Knapp hat zuletzt veröffentlicht: Ganz knapp. Gedichte an der Schwelle zu Gott. Echter Verlag, Würzburg 2020, 112 Seiten, EUR 12,80

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