Speise für unterwegs

Andreas Knapps Meditationen zur Eucharistie sind trotz theologischer Unschärfen lesenswert.
Hände mit Hostie
Foto: KNA | Anbetung und geistliche Stärkung: Zur Eucharistie ließe sich noch mehr sagen, Andreas Knapp wählt eine lyrische Sprache, um sich dem Mysterium zu nähern.

Andreas Knapp, Mitglied der vom seligen Charles de Foucauld inspirierten Gemeinschaft „Kleine Brüder vom Evangelium“, ist ein ungewöhnlicher Ordensmann. Der promovierte Theologe lebt in einer stark säkular geprägten Plattenbausiedlung in Leipzig. Er war Hochschulseelsorger und Regens des Priesterseminars der Erzdiözese Freiburg und damit prädestiniert für höhere Aufgaben. Doch entschied er sich gegen die übliche kirchliche Laufbahn. Mehrere Jahre arbeitete er als Saisonarbeiter im Versanddienst, heute ist er als Gefängnisseelsorger tätig.

Knapp ist ein Sprach- und Gottsucher. Bekannt wurde er durch seine geistlichen Gedichtbände. Mehr als 50 000 Exemplare seiner Gedichtbände und spirituellen Schriften wurde bis heute verkauft. Sein Reisebericht „Die letzten Christen. Flucht und Vertreibung aus dem Nahen Osten“ (2016) wurde mit dem „Independent Publisher Book Award for Religion“ ausgezeichnet.

„Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie“ ist der Titel von Knapps Meditationen zum „spirituellen Grundwortschatz“ der Feier der Eucharistie. Die Meditationen, denen Vorträge zur Eucharistie zugrunde liegen, verbindet der Autor mit einer Auswahl von Gedichten aus fremder Feder (unter anderen Lothar Zenetti, Nelly Sachs, Hans Magnus Enzensberger und Hilde Domin) und eigenen Gedichten, die für ihre Verknappung bekannt sind.

Worin Knapp Grundworte der Eucharistie erkennt, zeigt schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis der Schrift: Erinnerung, Gabe, Dank, Wandlung, Versöhnung, Gemeinschaft und reale Gegenwart. Den Einstieg wählt Knapp bei einem persönlichen Erlebnis in Bolivien: Er schritt ein, als blutig geschlagene Jugendliche Gefahr liefen, Opfer von Lynchjustiz zu werden. Als Priester kann man nicht aus dem Kelch Christi kommunizieren, wenn man das Blut Christi losgelöst vom konkreten Leiden der Menschen betrachtet. Nur so machen wir ernst damit, „Anteil am Kelch Christi“ zu erhalten. Wenn wir den Leib und das Blut Christi empfangen, dann empfangen wir unsere Brüder und Schwestern. Dies ist der cantus firmus von Knapps eucharistischen Meditationen.

Die Spur legt das jüdische Sprichwort „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“. Erinnerung, die „Schwester der Hoffnung“, ist identitätsstiftend, auch und gerade für religiöse Menschen. Erinnerung bildet das pulsierende Zentrum des jüdischen und christlichen Gottesdienstes. Die Feier der Eucharistie ist memoria passionis et resurrectionis Christi. Christliche Spiritualität gibt es letztlich nicht ohne diese Erinnerung, sie ist im Kern eucharistische Spiritualität, zugleich ist sie eine Spiritualität der Solidarität, der compassion.

Mit der Gabe der Eucharistie, die wir wie ein Geschenk immer wieder empfangen, passt ein auf das Haben ausgerichtetes Leben nicht zusammen. Zur christlichen Spiritualität gehört das Loslassen, das Empfang und so Halt finden in dem, was wir nicht selbst sind und uns nicht selbst geben können. „Der Angelpunkt des christlichen Glaubens liegt darin, dass Gott uns in Jesus Christus nicht etwas, sondern sich selbst gibt: seine Liebe, sein Liebstes, seinen Sohn, sein eigenes Herz.“ „Und seine Liebe ist gratis, pure Gnade, gratuité.“ Und es ist die Haltung der gratuité, die uns frei macht.

Sehr schön zeigt Knapp sodann, dass der Gabe der Dank, die Danksagung (eucharistia) entspricht, sowie ein Leben in Dankbarkeit, trotz aller menschlicher Not; die Klage wird von Knapp nicht ausgeblendet. Die mit der Erinnerung verbundene Hoffnung setzt auf das Wunder und Geheimnis der Wandlung. Die in Gott gegründete Identität meint nicht etwas Statisches, sondern etwas Dynamisches, ohne dass es zur Identitätsdiffusion käme. So wie das Brot zum Leib Christi wird und der Wein zu Christi Blut, sollen auch wir verwandelt werden. Die Eucharistie ist das Sakrament der Wandlung: der Gaben von Brot und Wein, in denen sich Christus verschenkt, wie der eigenen Existenz. Dieser Zusammenhang wird von Andreas Knapp in einfachen, leicht verständlichen Worten entlang der Kernhandlung der Eucharistie, von der Epiklese bis zum „Geheimnis des Glaubens“, erschlossen.

Ohne Wandlung keine Vergebung. Wie einer roter Faden durchzieht die Bitte um Vergebung die Eucharistie. Knapp zeichnet ein realistisches Bild von Vergebung, bei der nicht selten offene Wunden bleiben, die nur schwer oder in unserem Leben gar nicht heilen. Die christliche Eucharistie, davon ist Knapp überzeugt, hilft uns, mit offenen Wunden zu leben, denn sie lenkt den Blick auf den, der durch seine Wunden neues Leben schenkt, der sein Blut vergossen hat zur Vergebung der Sünden. „Niemand kommt unverletzt durchs Leben.“ – „Versöhnung“ lautet der Titel eines Gedichts von Knapp, das er genau in der Mitte seiner Meditationen zur Eucharistie zitiert und das so beginnt:

denn immer
verwunden wir doch
zugleich auch
uns selber
und nur
am anderen
werden wir wieder
heiler uns selbst

In der zweiten Hälfte seiner eucharistischen Mediationen erschließt Knapp die Spiritualität des Brotbrechens und der Kommunion, die Gemeinschaft in Christus stiften, die Eucharistie als Opfer und Hingabe sowie die Eucharistie als Sakrament realer Gegenwart. Der Teil zur Spiritualität des Brotbrechens beginnt mit dem Gedicht „eucharistie“, das die Frage aufwirft, ob Knapp damit poetisch einholt, was beim letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jünger geschah. Die erste Strophe des Gedichts lautet:

viel zu zerbrechlich
für diese harte welt
du wolltest
dein letztes Stück brot teilen
und auf freundschaft anstoßen

Angemessener scheint hier Knapps Prosa zum „Segen der Zerbrechlichkeit“, etwa das bedenkenswerte Wort: „Das Zerbrechen kann eine Gabe Gottes sein, eine Gnade des Himmels, weil es uns aufreißt für eine andere Dimension.“ Tiefgründig ist, was er danach zur fragmentarischen Existenz des Menschen und zum Symbol der gebrochenen Hälften des eucharistischen Brotes schreibt, durch das unsere Existenz ganz und heil werden kann, wenn wir es in der Haltung gläubiger Empfänglichkeit tun.

Knapps nachfolgende Ausführungen zur Feier der Eucharistie in der Gemeinschaft fallen dagegen merklich ab. Mit dem Leib Christi empfangen wir zugleich unsere Schwestern und Brüder, den ekklesialen Leib, das wusste schon Augustinus. Aus dem Selbstverständnis der Kirche als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“, wie das Konzil in „Lumen gentium“ festhält, kann man nicht schließen, dass mir durch den Leib Christi „zugleich alle anderen Menschen einverleibt“ werden. Wenn Knapp die Eucharistie, als Symbol der Gemeinschaft, mit der geteilten Schokolade aus Kindertagen vergleicht, erinnert das ein wenig an Leonardo Boff, der mit Hilfe des letzten Zigarettenstummels seines verstorbenen Vaters erklären wollte, was ein Sakrament ist.

Theologisch fundierter wird es wieder, wo Knapp davon spricht, dass sich Jesus selbst sich in einem kleinen Stück Brot uns schenkt, von dem er sagt „Das ist mein Leib“ und von Knapp die Eucharistie als Symbol für unsere Bedürftigkeit erschlossen wird. Wo wir unsere Bedürftigkeit, ja gelegentlich sogar unser eigenes Zerbrechen erfahren, da kann Kommunion geschehen:

du brichst das brot nicht
mit deinen händen ...
das brot zerbricht dirvunter deinen händen,
ohnmächtig musst du es geschehen
und dich selbst wandeln lassen.

Souverän grenzt Knapp die christliche Rede vom Opfer von den Versuchen ab, durch das Opfer sich selbst vor Gott zu rechtfertigen. Opfer (sacrificium) ist Hingabe, Wachsen in der Liebe, nicht Selbstverachtung oder Selbstzerstörung. Das eucharistische Brot, das gebrochen wird, ist Zeichen der Hingabe Christi. Weil seine Existenz in Gott gründet, klebt er nicht an sich, sondern kann sich ganz und gar verschenken, kann er sich verbrennen, bis „in die dunkle nacht hinein“ wie es in Knapps Gedicht „opfer“ heißt.

leben
in der reinen
Gegenwart
sie ist Gottes

So lautet die letzte Zeile des Gedichts „Realpräsenz“. In der Eucharistie feiert die Kirche die reale Gegenwart Christi in den Gaben von Brot und Wein. In diesen Zeichen wird und bleibt Christus – in dem sich Gott „mit Haut und Haaren auf die Wirklichkeit unserer Welt eingelassen“ hat – „mit Fleisch und Blut gegenwärtig“. Gegenüber den Surrogaten von Leben und den Verlockungen der Illusion und Virtualität, besonders der digitalen Welt, empfangen wir im Sakrament der Eucharistie reale Gegenwart. Denn wir empfangen Christus mit seinem gekreuzigten und österlichen Leben. Die Eucharistie ermutigt uns dazu, uns selbst in unserer Leiblichkeit anzunehmen und mit dem wirklichen Leben zu kommunizieren.

Knapp verdeutlich dies an den Erfahrungen von Charles de Foucauld, dem die Eucharistie so viel bedeutete und der lernen muss, Christus in abgelegener Gegend auch ohne die Eucharistie den Menschen nahezubringen. Die Eucharistie ist und bleibt besonders: Denn in den „Zeichen seines Abschieds bleibt Jesus Christus wirklich gegenwärtig, real präsent“. „Die ,Sub-stanz‘, die ,dahintersteht‘, ist Christus selbst.“ Ausgehend von der eucharistischen Erfahrung erschließt Knapp die Brotworte der Bibel beider Testamente: vom ungesäuerten Brot (Exodus 12, 15) bis zur Speise, in der wir wie Jesus dem Willen Gottes begegnen (Johannes 4, 33).

Das Ende von Knapps theologischen Meditationen bilden Gedanken zur Eucharistie als „Speise für unterwegs“. Gemeint ist damit die Offenheit der Eucharistie für unseren Alltag, für die Welt und die Gesellschaft: „Am Ende jeder Eucharistiefeier werden wir ins Alltägliche zurückgeschickt“, das in der für die christliche Existenz zentralen Spannung von „Heimat“ und „Fremde“ steht (vgl. 1 Petrus 1,1; 1, 17), nämlich nicht von der Welt, aber in der Welt zu sein (vgl. Johannes 17, 15–18). „Nur wenn die Kirche mitten in der Welt lebt und zugleich an Jesus Christus und seine Botschaft zurückgebunden bleibt, kann sie Salz der Erde und Licht der Welt sein.“

Irritierend ist die Übernahme der Entsakralisierungsthese: Durch die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn sei „die Distanz zwischen Gott und Welt radikal aufgehoben“ worden, so dass es keine Trennung mehr gibt zwischen Sakral und Profan gebe, denn durch die Inkarnation „wurde die gesamte Welt zum Tempel Gottes“. Zugleich soll der „Abstand zwischen Gott und Welt bestehen“ bleiben. Doch nicht die Welt ist Tempel Gottes, sondern der Leib Christ, die Gemeinschaft der Gläubigen, in denen Gott wohnt.

Mag es Knapps Erschließung des spirituellen Grundwortschatzes der Eucharistie auch gelegentlich an theologischer Präzision fehlen, so lesen sich seine „Grundworte zur Eucharistie“ doch mit geistlichen und literarischem Gewinn.

Andreas Knapp: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie.
Echter-Verlag, Würzburg, gebunden, 184 Seiten, ISBN-13: 978-3429044510, EUR 14,90

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