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Joseph Ratzinger: Drei Texte zur Erinnerung

Die damaligen Kommentare des späteren Papstes zur "Würzburger Synode" treffen auch heute auf die Kirche in Deutschland zu.
Kardinal Joseph Ratzinger, damalige Präfekt der Glaubenskongregation,
Foto: epa ansa (ANSA)

„Der notwendige Prozess der Reform, das heißt der Brauchbarmachung der Kirche für ihren Auftrag in der veränderten Situation von heute, hat alles Interesse so sehr auf den Selbstvollzug der Kirche gerichtet, dass sie […] nur noch mit sich selbst beschäftigt scheint. Zweifellos kann der kommenden gesamtdeutschen Synode in der gegenwärtigen Situation der Kirche eine bedeutende Aufgabe zufallen; in vieler Hinsicht ist eine solche Synode wohl eine Notwendigkeit. Dennoch scheint ihre Vorbereitung so, wie sie mancherorts betrieben wird, den eben erwähnten Trend in ungesunder Weise zu verstärken. Man klagt darüber, dass die große Menge der Gläubigen im Allgemeinen zu wenig Interesse für die Beschäftigung mit der Synode aufbringe.

Ich muss gestehen, dass mir diese Zurückhaltung eher ein Zeichen von Gesundheit zu sein scheint. Christlich, das heißt für die eigentlich vom Neuen Testament gemeinte Sache, ist nämlich wenig damit gewonnen, wenn Menschen sich leidenschaftlich mit Synodenproblemen auseinandersetzen – so wenig man schon dadurch zum Sportler wird, dass er sich eingehend mit dem Aufbau des Olympischen Komitees beschäftigt. 
Dass den Menschen die Geschäftigkeit des kirchlichen Apparats, von sich selbst reden zu machen und sich in Erinnerung zu bringen, allmählich gleichgültig wird, ist nicht nur verständlich, sondern objektiv kirchlich gesehen auch richtig. Sie möchten gar nicht immer neu weiter wissen, wie Bischöfe, Priester und hauptamtliche Katholiken ihre Ämter in Balance setzen können, sondern was Gott von ihnen im Leben und im Sterben will und was er nicht will.

Damit aber sind sie auf dem rechten Weg, denn eine Kirche, die allzu viel von sich selbst reden macht, redet nicht von dem, wovon sie reden soll. Leider muss man in dieser Hinsicht (und nicht nur in dieser) heute einen beträchtlichen Verfall der Theologie und ihrer Vulgarisationsformen feststellen. Der Kampf um neue Formen kirchlicher Strukturen scheint weiterhin ihr einziger Inhalt zu werden. Die Befürchtung, die Henri de Lubac am Ende des Konzils geäußert hatte, es könnte zu einem Positivismus des kirchlichen Selbstbetriebs kommen, hinter dem sich im Grunde der Verlust des Glaubens verbirgt, ist leider ganz und gar nicht mehr gegenstandslos.“ (JRGS 12, 167 f.) „Man sagt: Es müsse endlich eine gesamtdeutsche (beziehungsweise nationale) Synode aus Bischöfen, Priestern und Laien (vielleicht in Drittelparität?) geben, die das oberste Regierungsorgan der einzelnen nationalen Kirchen sei, dem auch die Bischöfe unterworfen sein sollten. Eine derartige Idee ist dem Neuen Testament ebenso fremd wie der gesamtkirchlichen Überlieferung, und das ist für die Kirche, die auf Überlieferung beruht, nicht ebenso gleichgültig, wie es für staatliche Verfassungsentwürfe sein mag. […]

Unzulässige Trennung von Weihe- und Hirtengewalt

Die Idee der gemischten Synode als einer ständigen obersten Regierungsbehörde der nationalen Kirchen ist von der Überlieferung der Kirche wie von ihrer sakramentalen Struktur und von ihrem spezifischen Ziel her eine chimärische Idee. Einer solchen Synode würde jede Legitimität fehlen, und ihr müsste daher der Gehorsam entschieden und eindeutig versagt werden. Sie beruht sachlich auf einer schlechterdings unzulässigen Trennung von Weihe- und Hirtengewalt, bei der die eine ins Magische, die andere ins Profane abgedrängt wird: das Sakrament wird nur mehr rituell und nicht als Auftrag zur Leitung der Kirche durch Wort und Liturgie gefasst; das Leiten umgekehrt wird als ein rein politisch administratives Geschäft gesehen – weil man offenbar die Kirche selbst für ein politisches Instrument hält.

In Wahrheit ist das Vorsteheramt in der Kirche ein unteilbarer Dienst. Die Kirche, der vorzustehen ist, ist ihrem Kern nach Versammlung, diese Versammlung aber kommt zusammen, um Tod und Auferstehung Jesu Christi zu verkündigen. Das Vorstehen in ihr vollzieht sich daher nicht anders als in der Vollmacht der sakramentalen Verkündigung. […] Es berührt merkwürdig, dass man heute Fachtheologen, und nicht nur solche des dritten Gliedes, an solche Selbstverständlichkeiten erinnern muss. Die erwähnte sogenannte synodale Idee wirkt aber auch auf dem Hintergrund der allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung merkwürdig obsolet. In unserem Staatswesen geht heute die Tendenz dahin, den Raum des ausgesprochen Staatlichen mehr und mehr zu begrenzen zugunsten gesellschaftlicher Initiativen, die im Staat nur ihren Rahmen und ihren Schiedsrichter finden. Wir stehen vor einer zunehmenden Entlastung des Staates zugunsten der Gesellschaft, und ich halte dafür, dass diese Tendenz entschieden zu fördern ist. In der Kirche wird uns heute das genaue Gegenteil vorgeschlagen.

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Totale Integration aller Initiativen in ein umfassendes synodales Regiment hinein, das in der völlig integrierten Gemeinde alles reguliert vom Gottesdienst bis zum politischen Mandat, welches seinerseits alle übrigen Aufgaben in den Schatten zu stellen scheint. Dieses Programm, das uns als die Reformaussicht der Zukunft auf nationaler Ebene angepriesen wird, ist einstweilen in den Keimzellen solcher Ideen, in den Studentengemeinden, mit Eifer exerziert worden: Aktive Minoritäten, die sich unter dem Schweigen ihrer an solchen Experimenten desinteressierten Kommilitonen als Vollversammlung und so als demokratisch legitimierte Vertreter des Ganzen ausgeben konnten, erarbeiteten ,synodale‘ Verfassungen der Gemeinden, in denen die totalitäre Konsequenz dieser Konzeption erschreckend deutlich wurde. Kirche an der Universität bedeutete nun nicht mehr das freie Angebot von Wort und Sakrament, sondern die ungefragte Beschlagnahmung aller Christen an der Hochschule durch eine völlig unabhängig vom Glauben definierte Gruppe ,Engagierter‘.“ (JRGS 12, 173-176).

„Wenn wir ganz allgemein als Wesen von Demokratisierung Strukturen breiter Beteiligung an gemeinsamer Willensbildung und an gemeinsamer Verantwortung für ein Sozialgebilde ansehen dürfen und von da aus fragen, welche Elemente von Demokratisierung in der Kirche der letzten 30 Jahre zu finden sind, dann fallen zuallererst die Rätestrukturen von der Pfarrei über das Dekanat und die Diözese bis hinauf zu ihrer Bündelung im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ins Auge, dazu die Synoden von der gemeinsamen Synode der frühen siebziger Jahre bis zu den Diözesansynoden und Diözesanforen, die man in letzter Zeit bevorzugt hat, um der strengen Rechtsform der Synode auszuweichen und flexiblere Beteiligungsformen – freilich mit geringerem rechtlichen Anspruch – anwenden zu können. […]

Grenze zwischen Glaubenszeugnis und politischem Handeln verschwimmt

Das Problem der Mitwirkungsorgane wird am deutlichsten dort fühlbar, wo sich die einzelnen Elemente zu einer Art von oberster Instanz […] bündeln sollen: im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Im 19. Jahrhundert gegründet, hatte es zunächst die Aufgabe, gegenüber der Dominanz der protestantischen Kultur dem Katholizismus öffentlich eine Stimme zu geben, seine Ansprüche zu vertreten und ihm im Leben unseres Volkes den gebührenden Raum zu schaffen. Dass es zweimal – im Kulturkampf und im Dritten Reich – aufgelöst beziehungsweise  lahmgelegt wurde, zeigt, wie wichtig ein solches Bemühen war. 

In der konfessionell nahezu paritätisch aufgebauten Bundesrepublik Deutschland wandelte sich von selber und immer deutlicher die Aktionsrichtung dieses nach dem Zweiten Weltkrieg auch neu strukturierten Organs. In der Nachkonzilszeit hatte es seine Physiognomie grundlegend verändert. Zwei Aspekte sind dabei besonders herauszuheben. Während von der Gründung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Zentralkomitee überwiegend gegen die herrschende politische Klasse stand und freilich katholischen Politikern Raum zu schaffen suchte, ist in der Nachkriegszeit eine immer stärkere Verschmelzung mit der Politik vor sich gegangen. Nahezu alle be-kannteren Mitglieder des ZdK, die ihm sein Gesicht in der Öffentlichkeit geben, sind als Politiker tätig; die meisten Vorsitzenden des ZdK in den letzten dreißig Jahren waren beziehungsweise sind aktive Länderminister. Obgleich man sich mühte, auch SPD-Vertreter mit an Bord zu haben, ist damit eine Verschmelzung mit Parteiaspekten fast unvermeidlich. Vor allem aber verschwimmt die Grenze zwischen den spezifischen Formen politischen Handelns und dem Zeugnis des Glaubens.

Natürlich versucht man, in der Politik das Bestmögliche aus der Sicht des Glaubens zu erreichen, aber da gibt es in einem Staat mit abnehmendem Gewicht christlichen Glaubens Grenzen. Das politisch Erreichbare wird nun wie von selbst zum Maßstab; über dieses politisch Mögliche hinauszugehen, erscheint als eine Form von Fanatismus oder gar ,Fundamentalismus‘. Die Debatte um den Beratungsschein hat dies sehr deutlich gezeigt. Was politisch das äußerst Erreichbare war, darf von der Kirche nicht in Frage gestellt werden. Dass Politiker nur mit einer Seele denken und nicht im ZdK gegen Lösungen auftreten können, die sie in der Politik durchzusetzen halfen, ist klar. Aber dass hier eine gefährliche Vermischung von Glaube und Politik vor sich geht, ist ebenso offenkundig. 

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Damit hängt eine zweite Änderung in der Aktionsrichtung des ZDK zusammen, auf die ich hier hinweisen möchte. Hatte man früher kritisch und auch kämpferisch in den Raum von Politik und Gesellschaft hineingesprochen, so besteht dazu jetzt kaum noch eine Notwendigkeit, weil man ja die entsprechenden Initiativen selber im politischen Raum ergreifen kann. So dominieren automatisch innerkirchliche Auseinandersetzungen. Man nimmt Stellung zu den seit dem Konzil beträchtlich vermehrten innerkirchlichen Streitigkeiten. Das bedeutet, dass die Kirche, soweit sie sich im ZdK darstellt, immer mehr um sich selber kreist, immer mehr mit sich selbst beschäftigt ist, anstatt ihre Energien darauf zu verwenden, das Evangelium verständlich und wirksam zu den Menschen zu bringen. In einer Zeit, in der in verschiedenen Regionen Deutschlands die Mehrheit der Bürger ungetauft ist und auch viele Getaufte nur noch sehr vage Vorstellungen vom Glauben haben, eine wahrhaft dringliche Aufgabe. Aber das apostolische Element verschwindet fast hinter dem Strukturellen. 

ZdK als „eine Art Gegenlehramt“

Diese Stoßrichtung hat nahezu unvermeidlich zur Folge, dass sich das ZdK immer mehr als eine Art Gegenlehramt, weniger gegen die Bischöfe als gegen das Lehramt des Papstes darstellt. Es gibt wohl in den letzten zwanzig Jahren wenig römische Lehrentscheide, denen nicht prompt eine schroffe Gegenerklärung des ZdK folgte. Das gefällt dem deutschen Selbstbewusstsein und scheint ein Zeichen zunehmender demokratischer Erwachsenheit der Kirche in Deutschland zu sein. Wenn man nach der theologischen Rechtfertigung solcher lehramtlicher Aktivitäten des ZdK fragt, erhält man im Großen und Ganzen zwei Antworten. Seit dem Zweiten Vatikanum hätten auch die Laien in der Lehre mitzureden. Dazu sei das ZdK das geeignete Organ, weil es ja die gewählten Laienvertreter des deutschen Katholizismus vereinige. Das Faktum der Wahl wird auch den Initiativkreisen und den Bewegungen entgegengestellt, die eben nicht gewählt seien, sondern je nur für sich selber sprächen.  

Mit der Wahl, sollte man freilich nicht allzu laut auftrumpfen. Es ist bekannt, dass die Wahlbeteiligung für kirchliche Gremien minimal ist, und die Luft wird da umso dünner, je weiter man durch die verschiedenen Delegationssysteme nach oben steigt. Was die Wählerbasis angeht, so ist sie viel zu schmal für derlei große Worte. Für lehramtliche Aktivitäten ist kein Auftrag erteilt. […] Da steht eine grundsätzliche Frage auf: Wer kann eigentlich für wen und mit welchem Recht in Sachen des Glaubens sprechen und entscheiden? […] Warum sollten mich Herr Müller und Frau Huber verpflichten können, dies oder jenes zu glauben, was sie mehr oder weniger zufällig für richtig halten? Warum sollte ich verpflichtet sein, zu glauben, was heute eine Mehrheit verabschiedet, die morgen schon vielleicht durch eine entgegengesetzte Mehrheit abgelöst wird? 

Entweder liegt im Glauben der Kirche eine andere Ermächtigung als diejenige menschlichen Meinens oder nicht. Wenn nicht, dann gibt es eben keinen Glauben, sondern jeder denke sich aus, was er für richtig hält. Wenn ja, das heißt wenn Gott uns wirklich etwas gesagt hat und auch die Organe geschaffen hat, die für die Treue zu seinem Wort stehen, dann zählt diese oder jene zufällige Mehrheit nicht. Die Krise der anglikanischen Kirche ist nicht durch die Frauenordination als solche ausgelöst worden, sondern dadurch, dass man gegen die bisherige Tradition auch Fragen des Glaubens der Mehrheitsabstimmung unterworfen hat. Wo sich dies durchsetzt, ist der Glaube tatsächlich am Ende.“ (JRGS 12, 190-195). 

 Alle drei Texte sind einem 2000 erstmals publizierten Beitrag mit dem Titel  „Demokratisierung der Kirche – Dreißig Jahre danach“ entnommen.

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