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Die Ökologie des Menschen muss gewahrt bleiben

KI und andere Technologien fordern die Ethik heraus. Ein Plädoyer.
Papst Benedikt XVI. bei Bundestagsrede am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag.
Foto: Soeren Stache (dpa) | Bundestagsrede von Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag. In seiner Rede entwarf der Papst eine Ökologie des Menschen.

Die Ökologie des Menschen, die Papst Benedikt in seiner epochalen Rede im deutschen Bundestag am 22. September 2011 als normatives Leitbild für Mensch, Politik und Gesellschaft gut begründet profilierte, ist uns heute mehr denn je ein verlässlicher Kompass in vielen ethischen Fragen unserer Zeit. Orientierungskraft gewinnt der Kompass durch eine normative Idee der menschlichen Natur, eine überzeugende Begründung unbedingter menschlicher Würde und die Fundierung solcher Ethik im Heilsplan Gottes.

Gottesebenbildlichkeit des Menschen

Ökologie des Menschen aus christlicher Sicht gründet im Bewusstsein der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und der Menschwerdung Gottes als wesentlichen Säulen von Menschenwürde und -rechten. Biblisch begründet im dreifachen Liebesgebot folgt daraus die Verantwortung des Menschen vor Gott, sich selbst und dem Nächsten. Das wiederum ist sozialethische Grundlage für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung, die Optionsräume zur Entfaltung solcher Verantwortung ermöglicht. Normatives Menschenbild, Verantwortung, Freiheit und die Gottesbeziehung des Menschen sind Eckpunkte solcher Ökologie.

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Neuere Entwicklungen von Künstlicher Intelligenz (KI), Digitalisierung oder gar die Weltanschauung des Transhumanismus fragen diese und andere ethische Positionen an. Der christliche Kompass einer Ökologie des Menschen muss die Herausforderung ernst nehmen. Dies ist das Anliegen des vorliegenden Beitrags. Hierzu werden zunächst einige Wesenszüge der viel diskutierten Künstlichen Intelligenz skizziert. Auf dieser Grundlage können zentrale Herausforderungen offengelegt und mit dem Kompass der Humanökologie diskutiert werden, ehe einige Konsequenzen vorgeschlagen werden.

Neue Generation 

Zunächst also ein Blick auf die neue Generation der Technik, die mit KI unser Leben zunehmend bestimmt. Rechenmaschinen werden (etwa für ärztliche Diagnosen) mit einer möglichst umfassenden Datenfülle gespeist (Medikationen, eigene und familiäre Vorerkrankungen, berufliche und soziale Kontexte und so weiter) und werfen auf der Grundlage von programmierten mathematischen Formeln (Algorithmen) ein von menschlichen Fehlern freies Ergebnis aus: etwa eine evidenzbasierte Diagnose. Solche Ergebnisse sind dann Grundlage für spätere analoge Anwendungen, so dass die Technik scheinbar selbst lernt. Inzwischen gehen die technischen Möglichkeiten weiter jenseits der Algorithmen.

KI-Gottesdienst
Foto: Beate Laurenti (KNA)

Es wird in Rechenoperationen versucht, neuronale Prozesse nachzuahmen, die nicht einfach einer „Wenn, dann“-Logik folgen: ChatGPT erstellt nach Eingabe von entsprechenden Befehlen und unter Auswertung des World Wide Web sinnvolle Texte. Gibt man die gleichen Befehle zweimal ein, kommen unterschiedliche Ergebnisse heraus. Der Grund dafür liegt in einer neuen KI-Generation begründet, die noch größere Komplexität verarbeitet. Eine weitere Anwendung ist die so genannte „Künstliche Moral“ (KM). Sie verspricht für ethische Dilemmata evidenzbasierte Lösungen. Hierzu werden Ethiker unterschiedlicher Couleur mit einem Dilemma konfrontiert, etwa dem Ausweichen beim „autonomen Fahren“ oder der „Triage“ im Krankenhaus. Die Antworten werden in einen PC eingespeist. Dieser errechnet eine Lösung des Problems, die als evident gilt. Die Idee des Weltethos findet eine aktuelle Anwendung.

Die Herausforderungen

Nun ein Blick auf die Herausforderungen solcher Technik im humanökologischen Licht. Zunächst sehen wir viele positive Anwendungsbereiche. Dient KI etwa einer Optimierung medizinischer Diagnosen oder Therapien, entlastet sie Pflegepersonal oder unterstützt sie wissenschaftliche Recherche oder internationale Kommunikation durch immer bessere Übersetzungsprogramme, so ist sie ein erwünschtes Instrument im Dienst des Menschen. Daneben müssen nun aber herausfordernde Problemanzeigen gemacht werden:

1.) Menschenbild und -würde: KI berechnet Daten und betrachtet den Patienten nicht als Person mit einer Seele. Die Diagnose erfolgt apersonal seelenlos als Berechnung solcher Zahlenkolonnen. Humanoide Robotik wird dem Menschen immer ähnlicher. Sie gaukelt uns auch Gefühle vor. Es gibt Bestrebungen, solche Artefakte wie Personen zu behandeln, die eine eigene Würde haben und die heiraten können. Sie sind aber weder frei noch Gottes Ebenbild. Das gilt ebenso für Mischwesen aus Mensch und Technik (Cyborgs), deren Gehirn eine Festplatte ist und im Sinne des Transhumanismus ewiges Leben verspricht. Das Bewusstsein der Endlichkeit wird in Frage gestellt. Es lassen sich mit KI auch von Toten Hologramme erstellen, die auf der Grundlage der zu Lebzeiten aufgenommenen Stimme mit den Lebenden scheinbar weiter kommunizieren. Diese Illusion pervertiert den Prozess der Sterbebegleitung. Der Blick auf das Leben nach dem irdischen Tod, der für uns Christen wesentlich zur Ökologie des Menschen zählt, geht verloren.

2.) Verantwortung und Freiheit: Fehlerkultur bedeutet, dass Menschen Verantwortung für ihre Fehler übernehmen. Verlassen wir uns blind auf vermeintliche KI-Evidenz, die dann doch Fehler macht, wer soll dann zur Rechenschaft gezogen werden? Etwa die KI-Robotik oder der Entwickler solcher Technik? In ethischen Dilemmata suggeriert uns die KM eine gefährliche Illusion. Die synkretistische Evidenz bleibt ohne stimmige Wertebegründung. Damit hängen ethische Entscheidungen jenseits von Vernunft und Diskurs am seidenen Faden kühler Rechenoperation.

T800 aus der Filmreihe "Terminator"
Foto: imago-images.de | Der T 800 aus der Filmreihe "Terminator" ist intelligent und böse.

Sie werfen nur etwas aus, das vorher in sie eingespeist wurde. Der Manipulation scheinbarer Evidenz durch autoritäre Regime oder Ideologien stehen die Türen offen. Überhaupt ist das Evidenzversprechen ein Angriff auf Kreativität, Vielfalt, Freiheit und Demokratie. Verlassen sich Journalisten oder Politiker auf die Lösungen von KI oder KM, so braucht es am Ende keine Debatten mehr und auch keine Pressefreiheit. Das vernünftige Ringen um Wahrheit wird erstickt: ein fundamentaler Angriff auf die Humanökologie.

3.) Beziehung des Menschen zu Gott: Seelsorge mit humanoiden Gesten und Worten geschieht ohne ehrliches Gefühl und ohne echten Glauben. Mehr noch: Auch die Religion wird schnell Opfer der Evidenz. KI kennt keine Metaphysik und kein Geheimnis. Wer seine Predigten von KI schreiben lässt, gibt seinen persönlichen Dialog mit der Heiligen Schrift auf und verzichtet auf persönliches Bekenntnis. Kühl errechnete Verkündigung erstickt die Flamme des Heiligen Geistes in uns und macht uns blind für dieses Licht in der Welt und darüber hinaus.

Ökologie des Menschen als Kompass hilft uns, all diese Herausforderungen so klar zu benennen. Benedikt stellt dazu in seiner Bundestagsrede heraus: „Der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Ein euphorisch unkritischer KI-Jubel führt uns immer mehr auf die schiefe Bahn, vor der uns Benedikt gewarnt hat.

Keine Lösung 

Die Ökologie des Menschen kann dies selbst nicht lösen. Doch sie begründet Leitplanken, damit wir nicht weiter abzurutschen:

Erstens muss jede Technik ein dienstbares Instrument des Menschen sein. Der Mensch darf ihr nicht blind vertrauen. Das Evidenzversprechen muss deshalb relativiert werden.

Zweitens muss die Letztverantwortung im Einsatz der Technik immer ein Mensch tragen.

Drittens sind anthropomorphe Wendungen, die der Technik Intelligenz, Autonomie, Moral, Lernen oder Ähnliches zusprechen, kritisch zu sehen.

Viertens kommen Menschenwürde- und rechte allein dem Ebenbild Gottes zu, niemals irgendwelchen Artefakten.

Fünftens muss ideologischer Missbrauch durch Manipulation von KI durch autoritäre Mächte (etwa China) verhindert werden. Hierzu müssten UN-Autoritäten eine entsprechende Sanktionsgewalt erhalten.

Sechstens braucht es international eine ethische Bildungsoffensive in Schule, Ausbildung, Studium, Forschung und Wissenschaft. Hier müssen die Gefahren des KI-Einsatzes für Würde und Freiheit klar benannt werden. Wenn sich Länder verweigern, muss es auch hier Sanktionen geben.

Siebtens muss für Christen der Einsatz neuer Technologie immer daran gemessen werden, ob er unserer Verantwortung in Freiheit vor Gott dienlich ist. Technik muss anschlussfähig sein an den Heilsplan Gottes, nicht umgekehrt.

Info: kurz gefasst

Der Einsatz neuerer technischer Entwicklungen, etwa von Künstlicher Intelligenz, hat Folgen für unser Verständnis von Mensch und Gott, Verantwortung, Freiheit und Demokratie. Diese gilt es aus christlicher Sicht offenzulegen, um Antworten zu finden. Benedikt XVI. hat eine Ökologie des Menschen zum ethischen Kompass der Gesellschaft ausgerufen. Mit ihm ist diese Herausforderung anzunehmen.


Der Autor:

Elmar Nass
Foto: Heinz Helf SVD | Elmar Nass ist Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) und dort Prorektor.

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