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Mit Benedikt XVI.: Klimaschutz für Katholiken

Ohne Gott hat der Mensch keine Zukunft: Warum die Ökologie des Menschen von Papst Benedikt XVI. ist noch immer aktuell ist.
Erde
Foto: pixabay / qimono | Die Erde ist die Heimat der Menschen, aber der Mensch gehört auch zur Erde. Eine gesund Ökologie denkt den Menschen immer mit.

Das bedrängendste Problem des 21. Jahrhunderts liegt für viele Menschen in der Klimakrise, deren Auswirkungen mittlerweile weltweit spürbar sind und Anlass zu manchen düsteren Zukunftsszenarien geben. Der Lebensstil des Menschen mag vielleicht nicht die einzige Ursache für steigende Temperaturen und Meeresspiegel, Überschwemmungen und Waldbrände sein, aber er ist sicher ein bestimmender Faktor dafür. Deshalb geht mit der ökologischen Bewegung oft eine starke Selbstanklage einher: der Mensch sei der eigentliche Umweltschädling, der auf Kosten anderer lebe, der Ausbeuter der Bodenschätze, der die „Mutter Erde“ leer und verbrannt zurücklasse. Der Mensch, so sagt auch die französische Philosophin Corine Pelluchon, müsse erkennen, dass „seine Zeit“, das Anthropozän, zu Ende gehe und eine neues, universales, ökologisches Bewusstsein die einzige Möglichkeit biete, die Erde als Lebensraum auf Dauer zu sichern.

Schöpfungsglauben als Basis

Dem Theologen Joseph Ratzinger ist diese Selbstkritik des modernen Menschen nicht fremd. Schon in seiner berühmten „Einführung in das Christentum“ (1968) analysiert er die bestimmenden Kräfte der Neuzeit und problematisiert eine einseitig mathematisch-technische, auf das Machbare ausgerichtete Vernunft, mit der sich der Mensch die Erde und letztlich auch den Mitmenschen gefügig machen will. Als Papst Benedikt XVI. hat er seine Überlegungen unter dem Begriff „Ökologie des Menschen“ zusammengefasst, der seitdem in einer Vielzahl von Textsammlungen und Tagungsbänden beleuchtet und vertieft worden ist. Neben einem Abschnitt in seiner Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ (Nr. 51) und seiner Ansprache im Deutschen Bundestag am 22. September 2011 über „Grundlagen des Rechts“ hat er sich besonders im Dezember 2008 in der Weihnachtsansprache an die Kardinäle und die römische Kurie dazu geäußert.

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Zunächst ist es bemerkenswert, dass der Papst mit dem Wort „Ökologie“ eine von eher links stehenden politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen vertretene Forderung aufgreift und diese mit dem Christentum in Verbindung bringt: „Im Schöpfungsglauben liegt der letzte Grund unserer Verantwortung für die Erde. Sie ist nicht einfach unser Eigentum, das wir ausnützen können nach unseren Interessen und Wünschen.“

Dabei geht es ihm aber nicht nur um die Bewahrung des eigenen Lebensraums, sondern noch tiefer um die Einsicht in die Geistgewirktheit und Geisterfülltheit der Materie. In der Natur sind „innere Ordnungen eingezeichnet“, die es zu verstehen und zu respektieren gilt, die sich einer Beherrschung oder gar Manipulation durch den Menschen entziehen. „Dass die Erde (…) den Schöpfergeist spiegelt, bedeutet auch, dass ihre geistigen Strukturen (…) auch sittliche Weisung in sich tragen.“ Die Natur weist so gesehen über sich hinaus auf den, der sie gemacht hat und weiterhin in ihr wirkt, auf den schöpferischen Geist Gottes, der uns durch die Werke der Schöpfung anspricht und uns so „den Weg des rechten Lebens zeigt.“

Polarität und Komplementarität

Hier geht Papst Benedikt XVI. gegenüber dem allgemein verbreiteten Verständnis von „Ökologie“ als „Schutz der Natur“ einen entscheidenden Schritt weiter: weil der Mensch nicht der Schöpfung gegenüber steht, sondern selber Teil der Schöpfung ist, muss die „Ökologie“, das Bestreben, die natürlichen Voraussetzungen des Lebens zu verstehen und zu schützen, auch für ihn selber gelten. „Es muss so etwas wie eine Ökologie des Menschen … geben“, die Achtung vor der „Schöpfungsordnung“, die dem Menschen wesenhaft mit- und damit auch vorgegeben ist.

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Dazu zählt die Zweigeschlechtlichkeit, die Polarität und Komplementarität der beiden Geschlechter, damit auch der besondere Schutz der Ehe zwischen Mann und Frau als „Schöpfungssakrament“, das eben nicht beliebig umdefiniert werden kann. Die größte Gefahr und Krise der Gegenwart sieht der Papst darin, dass der Mensch nicht nur die Natur, sondern sich selber von seinem Schöpfer löst und unter dem Anschein einer restlosen „Selbstemanzipation“ von den letzten Gesetzmäßigkeiten, die ihn bisher noch gebunden haben, selbst zerstört. „Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung ist.“

Blick über die Landschaft
Foto: alistaircotton via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Bewusst nennt Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang die Gender-Theorie, die gerade nicht als Kronzeugin der Emanzipation der Geschlechter verwendet werden kann, weil sie ja die Eliminierung aller geschlechtlichen Normen anstrebt und jegliche natürliche Vorgabe des Menschen leugnet. Damit aber bestreitet diese Theorie auch, was von ihren Sympathisanten viel zu wenig gesehen wird, die Gutheit der Schöpfung und des Menschen. Ungewollt bestätigt sie auf diese Weise, dass sich der Mensch im tiefsten nicht selbst gut heißen, nicht annehmen und nicht lieben kann, wenn es ihm nicht von außen, vom Anderen, letztlich von Gott zugesprochen wird.

Sinn der Schöpfung

In der ehelichen Vereinigung von Mann und Frau spiegelt sich für Papst Benedikt XVI., wie aus anderen Texten aus seiner Feder hervorgeht, der Sinn der Schöpfung und so auch der „Ökologie des Menschen“ wider: „die wahre Berufung der Schöpfung“ ist es, „Raum zu sein für den Bund, für das ,Ja‘ der Liebe zwischen Gott und der Menschheit, die ihm antwortet“ (Predigt am 26.3.2012 in Santiago de Cuba). Der Bund von Gott und Schöpfung wird sakramental vergegenwärtigt im ehelichen Bund von Mann und Frau. Darum liegt auf ihm ein besonderer Segen, das Geheimnis der Fruchtbarkeit und des neuen Lebens, ohne das die Menschheit schon längst aufgehört hätte zu existieren.

"Marsch für das Leben"
Foto: Theo Barth (KNA) | Demonstranten mit Schildern und Luftballons beim "Marsch für das Leben" am 16. September 2023 in Köln.

An der Krise von Ehe und Partnerschaft in der westlichen Welt zeigt sich nach Papst Benedikt XVI. auch eine Auswirkung des abnehmenden Gottesbezugs des öffentlichen Lebens und des stillen Abschieds ganzer Generationen von kirchlicher Bindung und christlicher Praxis. In einer Wallfahrtspredigt sagte er, noch als Kardinal: „Wenn die Grundbeziehung, die Beziehung zu dem, der uns geschaffen hat und erhält, nicht mehr stimmt, dann ändern sich auch alle anderen Beziehungen und fallen schließlich auseinander.“

Dann bleibe nur die verzweifelte Suche nach Ersatz, etwa in fernöstlicher Meditation oder, noch schlimmer, in Okkultismus, Drogenkonsum oder sonstigen riskanten Abenteuern, „und am Ende“, so prophezeite er, „steht der Überdruss, der Hass auf das Leben, das nicht mehr gut und wirklich lebenswürdig erscheint“ (Predigt am 26.3.1988 in Maria Thalheim). Denn ohne Gott kann der Mensch nicht sicher sein und auch mit keiner noch so „sozialen“ Philosophie oder Politik garantieren, dass es trotz aller Probleme und Krisen gut ist, zu leben.

Gottes Ebenbild 

Die „Ökologie des Menschen“, die Papst Benedikt XVI. dem deutschen Parlament und damit der ganzen westlichen Demokratie ins Stammbuch geschrieben hat, ist so etwas wie ein Gradmesser für die Zukunft der Menschheit. Wie sie den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnet, ob sie ihre Zukunft auf dem „grünen Planeten“ sichert oder verspielt, wird wesentlich davon abhängen, ob sich der Mensch wieder als der begreift, der er ist und sein soll: Gottes geliebtes Ebenbild, das auch noch als „umgeworfener Spiegel“ (Gregor von Nyssa), in Selbstentfremdung und Gottesferne, die Spuren seines Schöpfers erkennen lässt, der in seinem eigenen Leben und so auch im Mitmenschen und in der Natur „die Sprache der Schöpfung“ hört und achtet und der seine eigene Geschöpflichkeit nicht als Abhängigkeit missdeutet, die es abzustreifen gilt, sondern als Berufung in Bund und Freundschaft mit seinem Schöpfer – „von einer ewigen Liebe gewollt und zu seiner ewigen Liebe bestimmt“ (Predigt am 2.10.2004 in Mariazell).

Info: kurz gefasst

Die ökologische Krise halten viele für das drängendste Problem des 21. Jahrhunderts. Papst Benedikt XVI. fordert demgegenüber eine „Ökologie des Menschen“: Der Mensch trägt als Teil der guten Schöpfung Gottes eine besondere Verantwortung für sie, aber auch für sich selbst. Ohne Gott verliert er seine Mitte, mit ihm findet er zu seiner wahren Bestimmung.


Der Autor:

Manuel Schlögl
Foto: Christian Knieps (Christian Knieps) | Manuel Schlögl ist Professor für Dogmatik und ökumenischen Dialog an der Kölner Hochschule für katholische Theologie.

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