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Russland und Ukraine: Strategien der Schuldumkehr

Wenn sich Putins Truppen zurückziehen, ist der Krieg zu Ende. Wenn die Ukrainer aufgeben, ist ihre Freiheit und Eigenstaatlichkeit verloren.
„Kein Friede ohne Gerechtigkeit“. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält eine Rede auf dem Weltforum Den Haag.
Foto: Remko De Waal (ANP) | „Kein Friede ohne Gerechtigkeit“. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält eine Rede auf dem Weltforum Den Haag.

Seit 25 Monaten führt Putins Russland einen unbarmherzigen, mörderischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine – und ab sofort darf er auch in Russland so genannt werden. Wurden harmlose Bürger, die von „Krieg“ sprachen, in Russland bisher strafrechtlich verfolgt, weil es laut offizieller Diktion um eine „militärische Spezialoperation“ ging, hat Putins Sprachrohr Dmitri Peskow nun ein neues Wording verfügt: „Das hat als militärische Spezialoperation begonnen, aber sobald die Clique da entstanden ist, als der kollektive Westen aufseiten der Ukraine zum Beteiligten wurde, da wurde es für uns zum Krieg.“ Aus der Propagandaperspektive des Kreml ist der Westen am Krieg schuld: Er habe aus der überschaubaren Spezialoperation einen Krieg gemacht, indem er der Ukraine beistand.

Kein Krieg auf Augenhöhe

Es ist nicht erstaunlich, dass der auf Desinformation und Propaganda spezialisierte Kreml diese Version in Umlauf bringt. Erstaunlich ist, dass viele Menschen im Westen so denken und Putins Schuldumkehr mitvollziehen. Denn weder die Ukraine noch „der kollektive Westen“ hat die Russische Föderation überfallen. Niemand ist in Russland einmarschiert oder hat seine Souveränität bedroht. Es ist vielmehr Putin, der die Ukraine attackiert, und nur er kann diesen Krieg sofort beenden. Wenn der Kreml die Kampfhandlungen einstellt und sich hinter die eigenen Staatsgrenzen zurückzieht, ist der Krieg augenblicklich zu Ende. Wenn aber die Ukraine die Kampfhandlungen einstellt, endet nicht das Töten, sondern die Eigenstaatlichkeit der Ukraine und die Freiheit ihrer Bürger. Dies ist kein Krieg zwischen zwei „Kriegsparteien“ auf Augenhöhe, sondern die Invasion einer imperialen Macht im Nachbarland: Die Ukraine will nicht einen einzigen Quadratmeter russischen Territoriums besetzen, aber der Despot im Kreml okkupierte und annektierte mehrere Teile des ukrainischen Staatsgebiets und verfolgt eine imperiale und genozidale Agenda.

„Alle Rufe nach einem Frieden ohne Gerechtigkeit sind
und bleiben zynisch.“

Die Ukraine hat jedes moralische Recht, ihre Bürger gegen den ungerechten Angreifer zu verteidigen. Es ist eine Verdrehung der Tatsachen, ihr wegen ihres Standhaltens Vorwürfe zu machen. Mehr noch: Schon 1948 hat Papst Pius XII. in seiner Weihnachtsansprache betont, dass es „die Solidarität der Völkerfamilie“ gebietet, nicht in „gefühlloser Neutralität“ den „einfachen Zuschauer“ zu spielen, wenn ein Volk von einem anderen Staat überfallen oder seines Lebensrechts und seiner Freiheit beraubt wird. Wenn es wahr ist, dass der Friede die Frucht der Gerechtigkeit ist, wie wir in Jesaja 32,17 lesen und wie die Kirche lehrt, dann können eine Kapitulation der Ukraine und ein russisches Diktat keinen Frieden stiften. Die Reden und Taten Putins beweisen, dass er bestrebt ist, die ukrainische Identität auszulöschen und das Nachbarland seiner Souveränität zu berauben. Was aus der Ukraine im Fall einer Kapitulation würde, lässt sich in Belarus besichtigen.

Die Ukrainer kämpfen und sterben für ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung, und sie sehnen sich nach Gerechtigkeit. Mag sein, dass dieser Krieg mit einem faulen Kompromiss endet, mit einem Waffenstillstand und „Einfrieren“, als „frozen conflict“. Mag sein, dass Putin mit seiner menschenverachtenden Eroberungspolitik durchkommt und weiterhin ertragreiche Geschäfte mit aller Welt macht. Doch alle Rufe nach einem Frieden ohne Gerechtigkeit, alle Ignoranz gegenüber den Gefallenen, Versklavten und Verschleppten, jede Idee eines Deals mit dem Aggressor bleiben zynisch – ein Verrat an jenem Ethos, das die christliche Botschaft nach Europa gebracht hat, und das hier zur Soziallehre reifte.

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