Ein Zeichen des Himmels. Nach dunklen Wochen unter verhangenen Wolken mit fast beständigem Regen brach am vergangenen Samstag über Assisi der Himmel auf: Sonne, blauer Himmel, fast frühlingshafte Temperaturen. Langsam erwachte der umbrische Pilgerort am frühen Morgen zum Leben. Über der dunklen Unterkirche erhebt sich majestätisch die dem heiligen Franziskus geweihte gotische Basilika. Die ersten Besucher des mächtigen Kirchenbaus treffen ein. Auch Gruppen junger Menschen beginnen, die Altstadt zu füllen. Doch sie zieht es zunächst zur Bischofskirche Santa Maria Maggiore, in der sie bereits eine lange Schlange vor der letzten Ruhestätte des Internetapostels Carlo Acutis erwartet. Da liegt er nun hinter der Glasfront des Sargs, mit Jeans und Sweatshirt bekleidet. Fotografieren ist verboten, wer an der Reihe ist, kann nur kurz vor dem Sarg stehen bleiben, die Jungen und Mädchen berühren kurz das Glas und verlassen schweigend den Kirchenraum. Die Andenkenläden in den engen Gassen der Altstadt bieten Figuren, Bilder und allerlei Mitbringsel mit dem Konterfei zweier Heiliger an: dem des jungen Carlo und dem des heiligen Franz.
Doch einen Monat lang wird jetzt im Wettkampf der Beliebtheit eindeutig derjenige im Vordergrund stehen, der Assisi zum weltweit bekannten Heiligtum gemacht hat: der Nationalheilige Italiens und Begründer der größten Ordensbewegung innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Auch Franziskus kann man jetzt hinter Glas betrachten, beziehungsweise das, was von ihm übrig geblieben ist. Im Zuge der 800-Jahr-Feiern nach dem Tod des heiligen Franz sind zum ersten Mal in der Geschichte seine sterblichen Überreste zur Verehrung ausgestellt. Ein historisches Ereignis. Es war ein beeindruckender Zug, der am Samstagnachmittag den Poverello „an die Oberfläche“ brachte. Nicht nur Franziskanerminoriten, sondern an die 400 Mönche und Brüder der franziskanischen Ordensfamilie hatten sich in der Basilika über dem Grab des Heiligen versammelt, das jahrhundertelang tief im Gestein unter der Kirche verborgen war, bis man es im Jahr 1819 nach dreijähriger Suche freigegraben und die Gebeine des heiligen Franziskus in der Krypta unter der Unterkirche in einer Metallkiste bestattet hat.
Kardinal Ángel Fernández Artime war als Päpstlicher Legat für das Heiligtum von Assisi aus Rom angereist, wo er neben der Ordensfrau Simona Brambilla Pro-Präfekt des Dikasteriums für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens ist. Neben ihm füllten die Franziskaner Krypta und Unterkirche. Im Rahmen einer Vesper, die am Grab des Ordensgründers begann, trugen dann sechs Brüder franziskanischer Gemeinschaften den Plexiglaskasten mit den Gebeinen des Heiligen über die schmale Treppe hoch in die Unterkirche, wo die Reliquie nun einen Monat ausgestellt ist. Vom heiligen Franziskus, der 1226 in der Portiuncula-Kapelle nackt hatte sterben wollen, sind nur noch die Knochen erhalten, so angeordnet, dass sie das Skelett eines Toten bilden. Ganze 139 Zentimeter Länge misst dieses Skelett. Franz von Assisi, der mit seiner Anziehungskraft und dem Ideal der Armut nach dem Vorbild des Evangeliums die ganze Kirche seiner Zeit wachgerüttelt hat, muss ein sehr kleiner Mann gewesen sein. Und doch ein Großer, der keine zwei Jahre nach seinem Tod von Papst Gregor IX. heiliggesprochen wurde.
Er liebte den gekreuzigten Christus
„Ein Ereignis von außerordentlicher Gnade“, ein „starkes kirchliches Zeichen“, das den Glauben herausfordere. „Es wird eine Zeit der Umkehr und der Gnade sein.“ So nannte Kardinal Fernández Artime die Ausstellung des Leichnams. Was sollen die Knochen des großen Heiligen den Menschen sagen, die jetzt bis zum 22. März in einem nicht abreißenden Strom von früh morgens bis abends an dem gläsernen Sarg vorbeiziehen werden? Um zum ersten Mal die sterblichen Überreste von Franziskus zu sehen. „Die Ausstellung seines Leichnams ist kein nostalgischer Blick in die Vergangenheit“, sagte der Kardinal. Sie sei vielmehr eine starke und konkrete Einladung für unsere Gegenwart. „Dieser zerbrechliche und arme Leichnam erinnert uns daran, dass das Evangelium auch mit dem Körper gelebt wird, mit realen Entscheidungen, mit alltäglichen Gesten. Franziskus liebte nicht eine Idee von Christus: Er liebte den armen und gekreuzigten Christus, bis er dessen Zeichen in seinem Fleisch trug.“ Und so werde die Zurschaustellung seines Leibes zu einer stillen, aber sehr kraftvollen Predigt: Sie erinnere daran, „dass es sich um einen Leib handelt, der von der Liebe verzehrt, von den Stigmata gezeichnet, von der Buße gebeugt, aber von Frieden erleuchtet ist. Diesen Leib zu betrachten bedeutet, sich das vor Augen zu halten, was das Evangelium bewirken kann, wenn es ernst genommen wird.“
Dieses Ernstnehmen des Evangeliums hat Franz von Assisi in einer Zeit, in der viel Menschliches und Weltliches das Gesicht der Kirche verunziert hatte, zu einem der größten Reformer der christlichen Ge-schichte werden lassen. Der Funke, den der Poverello warf, entzündete ein Feuer, das heute noch brennt. Um den Zustrom der Pilger zu regulieren, wählten die Franziskaner zum einen die Fastenzeit, in der es in Assisi etwas ruhiger wird, bevor mit Ostern wieder der massenhafte Andrang einsetzt. Zum anderen luden sie dazu ein, sich vor dem Besuch des Heiligtums und des Reliquienbehälters online zu registrieren und ein Zeitfenster für den Besuch zu wählen. So weiß man, dass man für den Verlauf der Ausstellung der Gebeine mit mindestens 400.000 Pilgern zu rechnen hat. Die meisten von ihnen kommen aus Italien. Aber viele haben sich aus den Vereinigten Staaten angemeldet, bis jetzt jedenfalls 5.000, dazu 3.100 Gläubige aus Kroatien, 2.000 aus der Slowakei, jeweils 1.500 aus Frankreich und Brasilien. Deutschland läuft wie Kenia, Jamaika und Singapur unter ferner liefen. 63 Prozent der zu erwartenden Besucher, so informieren die Franziskaner, sind Frauen, und alle Altersstufen sind vertreten.
Franziskaner haben alles vorbereitet
Papst Leo war schon am 25. November in Assisi, als Gast der Vollversammlung der Italienischen Bischofskonferenz. Am 6. August wird er wiederkommen, um mit Jugendlichen einen Gottesdienst zu feiern. Während der Ausstellung der Franziskus-Reliquie wird der Papst nicht in Assisi sein. Aber er hat für die 800-Jahr-Feier, das heißt vom 10. Januar 2026 bis zum 10. Januar des kommenden Jahres, ein franziskanisches Jubiläumsjahr proklamiert, in dem unter den üblichen Bedingungen ein vollkommener Ablass gewonnen werden kann, wenn man an den Veranstaltungen des Franziskus-Jahrs etwa mit einem Besuch in Assisi teilnimmt.
Und den Aufenthalt in dem Heiligtum haben die Franziskaner gründlich organisiert. Es gibt zwei Möglichkeiten: Von Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr jeweils für sprachlich homogene Gruppen bis zu 60 Personen eine begleitete Führung, bei der ein Franziskaner eine Katechese hält und es nach der Verehrung der Gebeine des Heiligen eine kurze Liturgie mit der Erneuerung des Taufversprechens geben wird. Für Einzelpersonen, die unbegleitet zu dem Reliquienbehälter gehen möchten, ist morgens bis 10 Uhr sowie nachmittags ab 16 Uhr sowie samstags und sonntags den ganzen Tag der Weg in die Unterkirche frei. Am Sonntag, dem ersten Tag des Vorbeizugs am gläsernen Sarg, haben bereits 18.000 Menschen dem Heiligen ihre Aufwartung gemacht. In der Unterkirche, in der vor dem Altar die Reliquie ausgestellt ist, muss es aber schnell gehen: Pro Stunde konnten 1.500 Pilger zu den Gebeinen vorgelassen werden.
Weitere Informationen auf Englisch und Italienisch: www.sanfrancescovive.org
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