Opferverständnis

Teilhaben am Opfer Christi

Die Eucharistie ist nicht nur ein Opfer Christi, sondern auch ein Opfer der Kirche. Das ist ein tragendes Element der Verfasstheit der Kirche.
In der Eucharistie feiert die Kirche das Opfer Christi
Foto: Picasa | In der Eucharistie feiert die Kirche das Opfer Christi und begeht dieses Opfer erneut.

Die Opferkategorie ist oft missbraucht worden – auch von der christlichen Verkündigung – beispielsweise in Anwendung auf den Einsatz von Soldaten für ihr Vaterland; in Bezug auf den von Untergebenen verlangten Gehorsam; in Anwendung auf den Karriereverzicht von Frauen; zur Rechtfertigung von ungerechten Strukturen. Tilman Moser spricht von den Phänomenen der „Gottesvergiftung“ und Richard Dawkins von dem „Gotteswahn“ derer, die sich mit der Aussicht auf himmlischen Lohn opfern. Es gibt in allen Religionen und auch in der christlichen Frömmigkeitsgeschichte das Opfer aus Angst und das Opfer aus Berechnung. Martin Luther hat beide Arten von Opfer mit einer Intensität praktiziert, die erschütternd ist.

Von einem Unwetter heimgesucht, besticht er Gott mit dem Gebet: ,Wenn Du mein Leben rettest, bringe ich Dir das Opfer des Eintritts in ein Kloster.‘ Und aus Angst, Gott würde ihn andernfalls bestrafen, tritt er tatsächlich in das Erfurter Augustinerkloster ein. Dort bestimmt ihn eine einzige Frage: ,Wie kann ich Gott gnädig stimmen?‘ Aus Angst davor, Gott könnte seine Sünden schwerer gewichten als seine Verdienste, fastet er, hält Nachtwachen, geißelt sich und versucht den strengen Richter mit Gelübden zu bestechen. In der Rückschau erzählt er: „Es ist wahr, ich bin ein frommer Mönch gewesen und habe meinen Orden so streng gehalten, dass ich sagen darf: Ist je ein Mönch in den Himmel gekommen durch Möncherei, so sollte ich auch hineingekommen sein. Das werden mir alle meine Klostergesellen, die mich gekannt haben, bezeugen. Denn ich hätte mich, wenn es noch länger gewährt hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Arbeit."

Luther fällt von einem Extrem ist entgegengesetzte

Dieser Hintergrund erklärt Luthers ,Kehre‘ von einem Extrem in das gegenteilige. Die Lektüre der Paulusbriefe führt ihn zu der Erkenntnis: Gott ist immer schon gnädig. Ich muss ihn gar nicht gnädig stimmen. Ich muss nur glauben, dass er mich, obwohl ein Sünder, bedingungslos liebt. So bin ich ,gerecht‘ – nicht, weil ich ihm etwas gebe, sondern allein durch Gnade (sola gratia) und allein durch den Glauben (sola fide). Der so bekehrte Luther verwirft alles, womit Menschen Gott etwas geben beziehungsweise Gott etwas opfern wollen. Deshalb seine wütenden Ausfälle gegen Gelübde, Ablässe, Wallfahrten, Möncherei, Werkerei und – vor allem – gegen die Bezeichnung der heiligen Messe als Opfer der Kirche. Die Bezeichnung der Eucharistie als Messopfer ist – so erklärt der Reformator – eine Perversion, wie sie ärger nicht gedacht werden kann. Denn hier – so meint er – wird das Werk des Erlösers in ein Werk der Kirche pervertiert.

Richtig ist: Die Eucharistiefeier ist die sakramentale Vergegenwärtigung der Selbstverschenkung des Erlösers, der sich dem kreuzigenden Hass der Sünder ausgeliefert hat. Aber ist der Empfänger dieses Opfers ein bloß passiver Empfänger? Handelt der Erlöser an ihm ohne ihn? Oder ist auch das Erlösungshandeln ein Bundes-Handeln? Warum hält die Katholische Kirche fest an der Bezeichnung der Eucharistie als Opfer nicht nur des Erlösers, sondern auch der Kirche?
Einmal abgesehen davon, dass das Erlösungsgeschehen in Epheser 5 und Hebräer 10 ein ,Opfer‘ genannt wird, gibt es in allen Religionen und Gesellschaften nicht nur das Opfer aus Angst und das Opfer aus Berechnung, sondern auch das Opfer aus Liebe.

„ Es gibt keine Liebe ohne das Kreuz (ohne Opfer);
der Verzicht lässt erkennen, wie stark und wahr gelebte Liebe ist.“
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Und es ist kein Zufall, dass unsere Sprache alle drei Arten mit demselben Terminus bezeichnet. Denn sie alle haben etwas Entscheidendes gemeinsam: nämlich den Verzicht. Wer Angst vor Gott hat, verzichtet auf etwas Eigenes, um den strengen Richter gnädig zu stimmen. Wer sich Gott mit den zwei Schalen einer Waage – auf der einen die Sünden; auf der anderen die Verdienste - vorstellt, will der Gerechtigkeit dadurch entsprechen, dass er für jede Gabe eine äquivalente Bezahlung (einen Verzicht), für jede Sünde eine entsprechende Sühne (einen Verzicht) anbietet. Und auch die dritte Gestalt des Opferns - das Opfern aus Liebe – ist undenkbar ohne Verzicht. Der Erlöser, der sich eucharistisch verschenkt aus Liebe, „entäußerte sich und wurde wie ein Sklave …; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Philipper 2,7f).  Es gibt keine Liebe ohne das Kreuz (ohne Opfer); der Verzicht lässt erkennen, wie stark und wahr gelebte Liebe ist. Eltern beispielsweise, die für ihr Sorgenkind unter anderem auf Geld, Karriere und Ansehen verzichten, bringen Opfer aus Liebe. Wissenschaftler, die Tag und Nacht arbeiten und auf alle eigenen Interessen und Wünsche verzichten, um beispielsweise ein Medikament gegen Covid 19 zu entwickeln, opfern aus Liebe. Ähnlich Ordensleute, die freiwillig Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam gelobt haben: Sie verzichten aus Liebe zu den Menschen, zu denen sie sich von Christus gesandt wissen.

Katholische und orthodoxe Christen erklären im Unterschied zu den Protestanten, dass die Eucharistiefeier nicht nur die sakramentale Vergegenwärtigung des Opfers Christi ist, sondern auch das Opfer der Empfänger dieses Geschenkes. Die Empfänger der Selbstverschenkung (des Opfers) Christi können dem Geschenk der Erlösung nichts hinzufügen; sie sind nicht Miterlöser; aber sie sind auch nicht bloße Objekte der Rechtfertigung allein aus Gnade. Sie werden befähigt, die Liebe zu schenken, die sie empfangen. Deshalb – und nur deshalb – ist die Eucharistiefeier als Opfer Christi auch Opfer der Kirche. Keiner kann das Sakrament der Eucharistie nur für sich selbst (für die eigene Rechtfertigung) empfangen. Im Gegenteil: Eucharistische Gemeinschaft bedeutet Eingestaltung beziehungsweise Inklusion der ,Kommunion-Empfänger‘ in die sich selbst verschenkende (opfernde) Liebe des Erlösers.

Wie soll es gehen? 

Zugegeben: Die von Friedrich Nietzsche, Heinrich Heine, Tilman Moser oder Richard Dawkins karikierten „Opfer-Existenzen“ sind keine Erfindungen von Kirchenhass. Denn man kann alles, was aus Liebe gelebt wird, durch ,Haben‘ in sein Gegenteil verkehren. Man kann die evangelischen Räte der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams im Modus der Liebe oder im Modus des Habens leben. Wer seine Armut wie eine Monstranz vor sich her trägt nach dem Motto „Ich habe die Armut; du hast sie nicht“, lebt das Nicht-Haben (die Armut)  im Modus des Habens. Die Anbeter des Goldenen Kalbes stehen zu dem, was sie leben; die Christen, die ihren Egoismus unter dem Mantel des Opfers aus Liebe tarnen, bieten das hässliche (und zugleich lächerliche) Bild einer verlogenen Existenz.
Die Verfasser der Vorlage „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, die zu den Grundtexten des Synodalen Wegs gehört, wollen dafür sorgen, dass niemand mehr Autorität und Macht ausübt im Modus des Habens. Das ist gut. Aber wie soll das geschehen?

Ihre Antwort lautet: Durch die Ersetzung der „Kirche von oben“ durch eine „Kirche von unten“. Durch Demokratisierung, durch Gewaltenteilung und Partizipation. Und durch die Realisierung der folgenden Ziele: Bekenntnispluralität und theologische Vielfalt statt Bekenntniseinheit; Ermöglichung der Wiederheirat nach Scheidung; Modernisierung der  kirchlichen  Sexualmoral; kirchliche Segnung außerehelich zusammenlebender Paare; Zulassung der Frauen zu allen Ämtern;  Interkommunion zwischen Protestanten und Katholiken; Wahl beziehungsweise Abwahl aller Amtsträger durch die entsprechenden Gemeinden oder Gremien;  Einführung des Synodalprinzips nach protestantischem Vorbild (Mehrheitsprinzip auch bei Abstimmungen über Glaubensinhalte).

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Die Vollmacht der Kirche kommt von oben, nicht aus der Welt

Die Einlösung dieses Forderungskatalogs würde die Kirche in Deutschland von der Weltkirche trennen. Sie käme einer durchgängigen Protestantisierung gleich. Und vor allem: Dieser Katalog blendet aus, dass eine aus der Eucharistie lebende Kirche (Grund-)Sakrament Jesu Christi ist. Vollmacht gibt es in der Kirche nicht von unten, sondern nur von oben. Und ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Kirche genügt, um zu wissen: Jede Reform beginnt mit einer Glaubenserneuerung, mit der Reevangelisierung der Vielen, die nicht mehr beten, kaum oder gar nicht mehr glauben oder ihr Christentum zur Privatsache erklären. Sicher ist: Durch Anpassungen an die Lebenswirklichkeit der Mehrheitsgesellschaft wird niemand bekehrt. Im Gegenteil: Wenn die Kirche dasselbe sagt wie alle anderen, macht sie sich überflüssig.

Gewiss: Wer Christus repräsentiert, ist mehr als andere gefährdet durch die Logik des Habens. Deshalb an alle Amtsträger die Empfehlung der täglichen Eucharistie; der täglichen Einfügung in die herabsteigende, fußwaschende und gekreuzigte Liebe. Es gibt keine Treue zu Christus ohne Verzicht. Das gilt für das Taufpriestertum der sogenannten ,Laien‘ ebenso wie für das Priestertum der Ordinierten.

Es geht um Glaubwürdigkeit anstelle der Anpassung an den Zeitgeist

Man könnte die Ausübung jedes kirchlichen Dienstes an die Bereitschaft knüpfen, für den eigenen Unterhalt selbst zu sorgen, zum Beispiel durch eine zivile Teilzeittätigkeit im Bereich von Schule, Pflege oder Industrie. Das wäre Beglaubigung von Macht durch Verzicht (durch das ,Opfern aus Liebe‘).
Mag sein, dass ein solcher Vorschlag an den Zwängen der Realität scheitert. Aber seine Realisierung würde die Glaubwürdigkeit der Kirche ungleich effektiver erhöhen als jede Anpassung an den Zeitgeist. Kurzum: In einer sakramental verstandenen Kirche geht es nicht um Machtverteilung, Gewaltenteilung, Deutungshoheit oder um die fünfzehn Quadratmeter zwischen Altar und Sakristei. Es geht um die Übersetzung des eucharistischen Opfers Christi in das jedem ,Kommunion-Empfänger‘ aufgetragene ,Opfern aus Liebe‘. Was Papst Benedikt XVI. in Freiburg als notwendige „Entweltlichung“ erklärt hat, ist die Logik des Verzichts.

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