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Weihbischof Puff: Menschenhandel international bekämpfen

Über den weltweiten Kampf der Katholischen Kirche gegen Menschenhandel spricht Weihbischof Ansgar Puff, Vorsitzender der Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz gegen Menschenhandel, im Exklusiv-Interview.
Der Kölner Weihbischof Ansgar Puff
Foto: Erzbistum Köln / Harald Oppitz | "Das Problem des Menschenhandels zum Zweck der Arbeitsausbeutung nimmt auch in Deutschland zu": der Kölner Weihbischof Ansgar Puff im Gespräch mit der "Tagespost".

Herr Weihbischof Puff, wie setzt sich die Katholische Kirche in Deutschland gegen Menschenhandel ein?

Wir schauen zuallererst auf die Opfer von Menschenhandel. In der Arbeitsgruppe Menschenhandel, die zur Migrationskommission der Bischofskonferenzen gehört, haben sich der Deutsche Caritasverband, die Kommission Justitia et Pax, die Hilfswerke Renovabis und Missio, das Fraueninformationszentrum und die Organisationen In Via und Solwodi mit der Bischofskonferenzen zusammengeschlossen. Mit der Arbeitsgruppe geben wir den Betroffenen eine Stimme und versuchen so, die Unsichtbaren sichtbar zu machen. Dank der Expertise der Organisationen, die direkt mit Betroffenen arbeiten, setzen wir uns mit unserer Lobbyarbeit für eine Verbesserung der Gesetzgebung ein. Zum Beispiel möchten wir aktuell ein temporäres Aufenthaltsrecht für Opfer von Menschenhandel erreichen, das unabhängig von der Aussage der Opfer gegenüber den Strafverfolgungsbehörden gilt. Wir sind der Meinung, dass Betroffene mit gesicherter Aufenthaltsperspektive eher bereit sind, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Das hatte die Bundesregierung ja schon im Koalitionsvertrag angekündigt, doch leider warten wir immer noch auf die Umsetzung. Außerdem fordern wir Ausstiegs- und Rehabilitationsprogramme für Opfer sexueller Ausbeutung. Davon gibt es viel zu wenige. Die Betroffenen haben mit Traumatisierung, Unsicherheit und Bedrohung zu kämpfen. Um all das zu bewältigen, brauchen sie eben eine klare Lebensperspektive und ein sicheres Umfeld.

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Wie sieht die Arbeit der Arbeitsgruppe Menschenhandel konkret aus?

Mit Martina Liebsch haben wir eine großartige und dank Ihrer früheren Arbeit bei Caritas Internationalis weltweit bestens vernetzte Mitarbeiterin in Berlin, die den Kontakt mit den politischen Stellen pflegt. Die Geschäftsstelle in Berlin hat dieses Jahr ein Fachforum zum Thema Menschenhandel organisiert, bei dem 100 Teilnehmer von kirchlichen und staatlichen Stellen, aus Polizei, Recht und Wirtschaft zusammengekommen sind, um sich im Kampf gegen den Menschenhandel besser zu vernetzen. Und noch ein paar Beispiele aus der konkreten Arbeit unserer Organisationen: Solwodi und In Via unterhalten außerdem ein deutschlandweites Netzwerk von Fachberatungsstellen für Betroffene. Renovabis unterstützt Projekte gegen Menschenhandel, vor allem im Osten Europas. Mit der Kampagne „Eine Welt. Keine Sklaverei.“ kämpft die Aktion Schutzengel von Missio gegen verschiedene Formen von Ausbeutung und Menschenhandel.  

Die Kooperation zwischen den staatlichen Stellen, Polizei, Gerichten und zivilgesellschaftlichen Akteuren müsste laut der EU-Richtlinie gegen Menschenhandel eigentlich durch staatlicherseits befördert werden. Wird aus Ihrer Sicht von der Regierung genug getan?

Sagen wir einmal so: Die Gesetzeslage könnte noch verbessert werden, aber es wäre schon hilfreich, wenn mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt würden, um die bestehenden Gesetze durchzusetzen. Immerhin erarbeitet die Bundesregierung nun einen nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel. Leider erleben wir immer wieder, dass die staatlichen Organe Menschenhandel oft nicht im Blick haben oder auch die Expertise fehlt. Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob jemand einfach schwarzarbeitet oder Opfer von Menschenhandel wurde und deswegen schwarzarbeiten muss. Betroffene von Menschenhandel sind traumatisiert und müssen entsprechend behandelt werden. Daher fordern wir beispielsweise schon seit Langem, dass auch Staatsanwälte entsprechend ausgebildet werden, um hier differenzieren zu können. 

"Leider erleben wir immer wieder,
dass die staatlichen Organe Menschenhandel
oft nicht im Blick haben oder auch die Expertise fehlt"

Auch die liberale Prostitutionsgesetzgebung in Deutschland steht aktuell wieder stark in der Kritik, Menschenhandel Vorschub zu leisten. Wie sehen Sie das?

Ich persönlich teile diese Kritik. Der größte Teil der Prostituierten in Deutschland ist Opfer von Menschenhandel und prostituiert sich nicht freiwillig. Dabei ist zwischen verschiedenen Formen von „Zwang“ zu differenzieren: Durch Gewalt zu bestimmten Handlungen gezwungen zu werden ist eine andere Form des Zwangs als sich aus wirtschaftlichen Gründen dazu genötigt zu fühlen. Viele Prostituierte in Deutschland sorgen für den Unterhalt ganzer Dörfer in ihrer Heimat, die oft nicht wissen, wie genau das Geld verdient wurde. Sich nicht mehr zu prostituieren würde für diese Frauen bedeuten, ihren Verwandten zuhause ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Zur Prostitution gezwungene Menschen werden oft auch stigmatisiert und können nicht einfach in ihre Heimat zurückkehren. Daher benötigen sie Hilfe beim Ausstieg und die Chance auf eine legale und selbstbestimmte Arbeit.

Und wie positioniert sich die Arbeitsgruppe Menschenhandel?

In Deutschland wird aktuell heftig diskutiert, ob das Nordische Modell, (das die Bestrafung von Freiern und Zuhältern bei gleichzeitiger Straffreiheit für die Prostituierten vorsieht, A.d.R.), eine bessere Alternative wäre. Hilfsorganisationen, die sich um Prostituierte kümmern, vertreten unterschiedliche Ansichten und auch in der Arbeitsgruppe Menschenhandel befinden wir uns dazu in einem Diskussionsprozess. Fakt ist, ein großer Teil der Prostituierten wird über Menschenhandel zur Prostitution gezwungen. Das Prostituiertenschutzgesetz lässt sich auf Zwangsprostitution nicht sinnvoll anwenden, da sich die Betroffenen eben nicht registrieren lassen. Was auch immer noch zu wenig im Blick ist: Das „Geschäftsmodell“ der Prostitution hat sich durch Corona völlig verändert. Sie hat sich zum großen Teil von Bordellen und vom Straßenstrich in Wohnungen verlagert, die online angemietet werden und auch online Freier anlockt. Das Internet erschwert die gesamte Aufklärung von Zwangsprostitution.

Welchen Mehrwert hat die Katholische Kirche als internationale Institution im Kampf gegen den Menschenhandel?

Internationale Kriminalität wie den Menschenhandel kann man nur international bekämpfen. Über die Bischofskonferenzen, das weltweite Caritas-Netzwerk und „Renate“, das europäische Netzwerk der Ordensschwestern gegen Menschenhandel, unterstützen sich die Ortskirchen gegenseitig. Diese Kontakte sind sehr wertvoll, wenn man zum Beispiel Kontakte in den Transit- und Herkunftsländern braucht, wenn Opfer in ihre Heimat zurückkehren wollen oder müssen. Rückkehrberatung für die Opfer geht nur dann seriös, wenn man echte Kenntnis über die Situation in den Herkunftsländern hat. Das ist auch für die Strafverfolger wichtig, die oft nicht wissen, wie es in den Herkunftsländern zugeht und Frauen abschieben möchten, die bei ihrer Rückkehr leicht direkt wieder in die Hände von Menschenhändlern fallen. Unsere weltweiten Netzwerke helfen auch bei der Erkennung von Tätern und Täterstrukturen. Über Gespräche und Vernetzung können wir als auch gegenüber den staatlichen Stellen in Deutschland zur Aufklärung beitragen. 

Über die internationale „Santa Marta Gruppe“ bemühen sich auch Papst Franziskus und der Vatikan, das Ihre beizutragen.

Papst Franziskus ist es ein großes Anliegen, den Menschenhandel zu bekämpfen und hat deswegen die Santa Marta Gruppe ins Leben gerufen, um Bischöfe, Ordensleute und die Kriminalpolizei verschiedener Länder zusammenzubringen. Ich bin jedes Mal sehr beeindruckt, diesen wirklich weltweiten Austausch zwischen Kirche und Kripo mitzuerleben. Im Moment beschäftigt uns dort das Thema Finanzströme, denn Menschenhandel ist ein Milliardengeschäft und wir werden ihn dauerhaft nicht wirkungsvoll bekämpfen können, wenn wir nicht die Finanzströme kennen. Daher waren bei unserem letzten Treffen auch Akteure aus dem Finanzsektor anwesend. 

"Wir werden Menschenhandel dauerhaft
nicht wirkungsvoll bekämpfen können,
wenn wir nicht die Finanzströme kennen"

Neben der sexuellen Ausbeutung hat die Santa Marta Gruppe mit dem europäischen Aktionsplan gegen Ausbeutung und Menschenhandel auch die Arbeitsausbeutung besonders in den Blick genommen.

Das Problem des Menschenhandels zum Zweck der Arbeitsausbeutung nimmt auch in Deutschland zu, besonders in der Fleischindustrie und in der Logistikbranche. Menschen, deren Arbeitskraft ausgebeutet wird, haben oft einen schwierigen Zugang zur Justiz, denn sie halten sich in der Regel illegal in Deutschland auf und haben Angst vor einer Abschiebung. Eine konkrete Maßnahme, die wir in den europäischen Aktionsplan eingebracht haben, ist das Thema Sklaverei und Lieferketten. Hier wollen wir als Bistümer Vorreiter sein und genau hinschauen, bei welchen Firmen wir einkaufen.

 

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