Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Bandengewalt und Entführungen in Haiti

Papst Franziskus: Ordnung und Ruhe nach Haiti bringen

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Haiti besorgen den Papst, auch der Vorsitzende der dortigen Bischofskonferenz sieht schwarz.
Papst Franziskus beim Angelus
Foto: IMAGO/IPA/ABACA (www.imago-images.de) | Papst Franziskus richtete am Sonntag einen Appell an die „politischen und gesellschaftlichen Akteure“, die „sämtliche Eigeninteressen“ aufgeben müssten, um einen „friedlichen Übergang“ zu ermöglichen.

Die Lage in Haiti eskaliert weiter, Bandengewalt und Entführungen sind zum Alltag geworden. Aus diesem Anlass hat Papst Franziskus bei seinem Mittagsgebet am Sonntag eine Freilassung aller Entführten in Haiti gefordert und sich für ein Ende der Gewalt ausgesprochen.

Die Gangs sind wie eine organisierte Armee

Wie das Portal „Vatican News“ berichtet, zeigte sich der Papst erleichtert über die Freilassung einiger im Februar entführter Ordensleute und einer Lehrkraft. Zwei von ihnen seien jedoch noch immer in der Hand der bewaffneten Entführer: „Ich fordere die schnellstmögliche Freilassung der anderen zwei Ordensleute und aller Menschen, die immer noch als Geiseln gehalten werden in diesem von mir geliebten und von so viel Gewalt heimgesuchten Land.“ Papst Franziskus richtete einen Appell an die „politischen und gesellschaftlichen Akteure“, die „sämtliche Eigeninteressen“ aufgeben müssten, um einen „friedlichen Übergang“ zu ermöglichen. Dazu müsse auch die internationalen Gemeinschaft das Land unterstützen, um wieder „Ordnung und Ruhe unter die Bürger zu bringen“, so Papst Franziskus.

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Auch der Vorsitzende der haitianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Max Leroy Mésidor, äußerte sich zur Bandengewalt, die das Land an den Rande eines Bürgerkriegs treibe. Im Gespräch mit dem päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ erklärte er zur dramatischen Lage in seinem Land: „Die Gangs treten wie eine organisierte Armee auf. Sie sind sehr gut ausgerüstet. Es sind sehr viele Waffen im Umlauf." Und er fügte hinzu: „Ja, es ist wie ein Bürgerkrieg. Es gibt keinen sicheren Ort mehr.“ Laut Mésidor gäbe es in einigen Regionen Gruppen, die den Gangs Widerstand leisteten. Diese Milizen und die Polizei könnten aber der Bandengewalt nur wenig entgegenhalten.

Entführungen seien zu einem Alltagsgeschehen geworden, erklärt der Erzbischof der Hauptstadtdiözese Port-au-Prince: „Egal, ob man arm oder reich, ein Intellektueller oder ein Analphabet ist, jeder kann entführt werden. Das ist eine Plage, es erstickt die Haitianer.“ Zunehmend seien auch mehr Priester und Ordensleute als gewohnt ins Fadenkreuz der Banden gekommen: „Die Gangs gehen sogar so weit, dass sie in die Kirche eindringen, um Leute zu entführen. Manche Pfarreien wurden geschlossen, weil die Pfarrer sich in Sicherheit bringen mussten“, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz Haitis gegenüber „Kirche in Not“.

Knapp 4.500 Häftlinge gewaltsam befreit

Haiti ist in den vergangenen Wochen tiefer ins Chaos gestürzt, nachdem der Interimspremierminister Ariel Henry als Resultat anhaltender Bandenkämpfe seinen Rücktritt ankündigte. Bisher scheiterten alle Versuche, eine Übergangsregierung zu schaffen. Das Land befindet sich nun fast komplett in der Hand krimineller Banden.

Die zwei mächtigsten Banden hatten sich zusammengeschlossen und Henrys Rücktritt verlangt. Der Bandenchef Jimmy Chérizier alias „Barbecue“ drohte andernfalls mit einem Bürgerkrieg, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Die bewaffneten Gangs hatten währenddessen große Teile Haitis gewaltsam lahmgelegt: Angriffsziele wurden neben Polizeiwachen und Flughäfen neuerdings auch das Haus des haitianischen Polizeichefs sowie Hilfsgüterlieferungen. Zudem hatten die Banden knapp 4.500 Häftlinge gewaltsam aus den Gefängnissen befreit. Diplomaten der EU wie der USA und auch der deutsche Botschafter haben Haiti inzwischen verlassen, so die dpa.

Allein dieses Jahr 14 Geistliche entführt

Allein in diesem Jahr sind bereits mindestens sechs Ordensschwestern, sechs Ordensmänner und zwei Priester entführt worden. In der vorletzten Februarwoche waren ein Lehrer und sechs Ordensleute eines kirchlichen Instituts entführt worden. Der Lehrer und vier der Ordensangehörigen sind mittlerweile freigelassen, so die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA). 

Schon Anfang Februar hatte die Katholische Bischofskonferenz von Haiti in einem Appell besorgt geschrieben: „Wir haben genug! Drehen Sie den Bluthahn zu und hören Sie auf, die Toten zu zählen“, zitiert „Vatican News“ das Schreiben. In den letzten drei Jahren habe die „allgegenwärtige Gewalt nach UN-Angaben mehr als 300.000 Menschen vertrieben“. Nur wenige Wochen später war der Bischof der Diözese Anse-à-Veau e Miragoâne, Pierre André Dumas, bei einer Explosion in seiner Unterkunft in der Hauptstadt Porte-au-Prince verletzt worden.

Bereits Mitte Januar waren laut Angaben von „Vatican News“ sechs Ordensfrauen und zwei weitere Passagiere aus einem Bus verschleppt und eine knappe Woche später wieder freigelassen worden. DT/jmo

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost einen ausführlichen Hintergrundbericht zur Lage in Haiti.

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