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Haiti: Karibischer Albtraum

Dem bettelarmen Haiti droht nach Tyrannei und Chaos nun eine kriminelle Bandendiktatur.
Gewalt in Haiti
Foto: Odelyn Joseph (AP) | Der frühere Polizist und Bandenchef Jimmy Chérizier, genannt Barbecue, terrorisiert Haiti. Sein Vorbild ist der Diktator „Papa Doc“ Duvalier.

Haiti, einst Perle der Karibik, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Interventionen und Besetzungen in der Vergangenheit haben nicht viel zur Verbesserung der Lage im Land beigetragen – oft zum Gegenteil. Heute versinkt Haiti im Chaos. Ein Mann scheint die Führung übernehmen zu wollen: Jimmy Chérizier, genannt „Barbecue“. Er ist das Gesicht des politischen Chaos im Land. Ein Bandenchef.

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Seit Januar ist das Land ohne gewählte Regierung. Deswegen bleiben die dringenden Probleme ungelöst: Hunger und Elend. Gewalttätige Gangs haben das durch die Ermordung von Präsident Jovenel Moïse 2021 entstandene Machtvakuum gefüllt. Nach UN-Schätzungen kontrollieren sie 80 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Bevölkerung lebt in ständiger Unsicherheit, regelmäßige Ausgangssperren legen das wirtschaftliche Leben lahm. Hinzu kommt eine schwere humanitäre Krise. In einem Bericht der Caritas aus der haitianischen Hauptstadt heißt es, aufgrund der brutalen Gewalt der Banden seien immer mehr Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht und zum Teil obdachlos. Zudem hätten Millionen Menschen nicht genug zu essen. Hintergrund dafür ist die Blockade von Lebensmitteltransporten durch die Banden. Zudem wird der Handel mit Nahrungsmitteln in der Hauptstadt erschwert.

Kurz vor einem Bürgerkrieg

Der Karibikstaat steht am Abgrund. Der Vorsitzende der Haitianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Max Leroy Mesidor von Port-au-Prince, sieht das Land kurz vor einem Bürgerkrieg. Er selbst könne zwei Drittel seiner Diözese nicht bereisen, weil die Straßen blockiert seien. Angesichts der eskalierenden Bandengewalt zogen die Vereinten Nationen nicht notwendiges Personal ab. Gleichzeitig kündigte die UN eine Luftbrücke zur Versorgung der Bevölkerung an. Zuvor hatte bereits die Europäische Union ihr gesamtes diplomatisches Personal evakuiert. Auch der deutsche Botschafter verließ das Land.

Nicht nur die gewalttätigen Auseinandersetzungen der Banden beeinträchtigen das Leben in weiten Teilen des bitterarmen Landes. Immer wieder kommt es zu Entführungen, besonders im Großraum der Hauptstadt Port-au-Prince. „Seit einigen Jahren hat sich das Leben der Haitianer in einen Albtraum verwandelt“, heißt es in einer Erklärung der Bischofskonferenz: „Schwer bewaffnete Banditen entführen und halten Bürger aus verschiedenen Bereichen gefangen. Auch Kinder, darunter ein Fünfjähriger, werden nicht verschont. Die Eltern der Opfer werden gezwungen, hohe Lösegelder für die Freilassung ihrer Angehörigen zu zahlen, die manchmal auch getötet werden.“ Besorgt fragen die Bischöfe: „Wann wird diese Tortur enden? Wer ist für die Eindämmung dieses Phänomens verantwortlich? Gerät das Land nicht außer Kontrolle? Mehrere Familien mussten ihr gesamtes Vermögen verkaufen, um ihre entführten und beschlagnahmten Angehörigen freizukaufen. Das Schlimmste ist, dass die Entführung zu einem Geschäft geworden ist. Die Täter handeln mit hochgezogenem Visier, vor den Augen aller und ungestraft. Gibt es bei dieser Situation nicht Grund zur Frage, ob diese Banditen nicht mehr Macht haben als der Staat und die Polizei?“

Entschieden verurteilen die Bischöfe die „Diktatur des Kidnappings“, die im Land herrsche: „Wir dürfen nie wieder zulassen, dass Banditen entführen, vergewaltigen und töten. Nie wieder! An diesem Scheideweg in unserer Geschichte müssen wir daran arbeiten, die Herzen und Köpfe zu verändern. Wir müssen uns im Gebet vereinen und unsere Anstrengungen bündeln, um ein anderes Land aufzubauen, das dem entspricht, was der Herr für uns, die Haitianer, will.“ In allen Diözesen des Landes brachten Katholiken mit Gottesdiensten ihre Solidarität mit den Opfern von Entführungen zum Ausdruck. Die Bischofskonferenz hatte gebeten, alle Kirchenglocken des Landes als Zeichen der Gemeinschaft, des Gedenkens und der Gebete für Menschen „sprechen zu lassen“, die Opfer von Entführungen, Gewalt und Unsicherheit sind.

Die Lage eskaliert immer weiter. Jüngster Höhepunkt ist der Rücktritt von Regierungschefs Ariel Henry. Er hatte am 20. Juli 2021, rund zwei Wochen nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse, als Interims-Premierminister die Regierungsgeschäfte in Haiti übernommen. Moïse hatte ihn keine 36 Stunden vor seinem Tod zum siebten Premierminister seiner Amtszeit erkoren. Allerdings hatte  Henry das Amt vor dem Attentat noch nicht angetreten. Unter der Ägide des 74-jährigen Neurochirurgen wurden Wahlen mit Verweis auf die Sicherheitslage mehrmals verschoben und bis heute nicht nachgeholt. Der Karibikstaat hat damit derzeit keine gewählten nationalen Amtsträger: weder einen Präsidenten noch ein Parlament.

Ein idealer Umschlagplatz für den Kokainhandel

Mit dem Rücktritt Henrys dürften die mächtigen Banden unter Führung von Jimmy Chérizier „Barbecue“ eines ihrer Ziele erreicht haben. Doch die Rolle von  „Barbecue“ bleibt unklar. Der frühere Polizist gilt als einer der mächtigsten Männer in Haiti. Die italienische Franziskanerin Marcella Catozza, die seit Jahren in Haiti seelsorgerisch und karitativ tätig ist, meinte gegenüber der Agentur „Fides“: „Es war angeblich der Anführer der G9-Gruppierung, Jimmy Chérizier, bekannt als ,Barbecue', von dem der Aufruf zur Einheit unter den Banden kam, aber ich glaube nicht, dass ,Barbecue' der Drahtzieher von alledem ist. Es gibt einen politischen Drahtzieher, vielleicht den gleichen, der 2021 die Ermordung von Präsident Jovenel Moïse in Auftrag gegeben hat.“ Schwester Marcella fährt fort: „Man muss bedenken, dass die Banden mit hoch entwickelten Waffen und Mitteln ausgestattet sind, ganz zu schweigen von Macheten; sie verfügen sogar über Drohnen, um die Bewegungen der Polizei aufzuspüren, die offenbar nicht in der Lage ist, sie zu stoppen.“ Nach Meinung der Haiti-Referentin des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Soraya Jurado, stecken hinter den Banden „reiche, einflussreiche, international vernetzte Familien. Das erklärt auch, warum die Kriminellen besser ausgestattet sind als Polizei und Militär und sich die Gunst der Menschen in einzelnen Vierteln mit Lebensmittelpaketen sowie Geschenken sichern können.“

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Wer könnte ein Interesse daran haben, Haiti zu destabilisieren? „Darüber kann man im Moment nur spekulieren“, sagt Schwester Marcella. „Seit einiger Zeit wird die Anwesenheit von mindestens fünf mexikanischen Drogenkartellen im Land registriert. Möglicherweise wollen sie Haiti zu einem ,Niemandsland' machen, um ihren Kokainhandel nach Nordamerika und Europa besser steuern zu können.“ Kein Zweifel: Durch seine zentrale Lage in der Karibik ist Haiti ein idealer Umschlagplatz für Kokain, das aus Kolumbien und Mexiko kommt und zu den reichen Konsumenten des Westens gelangt.

Jimmy Chérizier, der ehemalige Polizeibeamte, nennt als sein Vorbild den einstigen Diktator François „Papa Doc“ Duvalier. Der Name Duvalier steht für eines der finstersten Kapitel in der Geschichte Haitis. Fast drei Jahrzehnte beherrschte der Familienclan die Karibikrepublik.
Vater Francois „Papa Doc“ Duvalier, ein früherer Landarzt, errichtete nach seinem Wahlsieg 1957 ein Terrorregime, dem Zehntausende zum Opfer fielen. Nach seinem Tod übernahm Sohn Jean-Claude 1971 die Staatsgeschäfte. Auch er nannte sich „Präsident auf Lebenszeit“. Der „Baby Doc“ genannte Jean-Claude war bei seinem Amtsantritt erst 19 Jahre alt. Sein Vater hatte noch wenige Monate vor seinem Tod das Mindestalter für das höchste Staatsamt herabsetzen lassen.

Johannes Paul II.: „Hier muss sich etwas ändern!"

Unter „Baby Doc“ ließ der Terror der gefürchteten Spezialeinheiten der „Tontons Macoutes“ – einer Mischung aus Tot-Schlägertrupp und Geheimdienst – in Haiti zwar etwas nach, doch Korruption und Selbstbereicherung nahmen zugleich nie gekannte Ausmaße an. Als Papst Johannes Paul II. am 9. März 1983 bei seinem Besuch in Haiti mit dem berühmten Satz „Hier muss sich etwas ändern! Die Armen müssen wieder Hoffnung schöpfen!“ der Opposition frischen Wind gab, war das Ende von „Baby Doc“ besiegelt.

Die USA, die die Duvalier-Dynastie jahrzehntelang als verlässliche antikommunistische Verbündete auf der geostrategisch wichtigen Insel unterstützt hatten, ließen ihren Schützling fallen. Am 7. Februar 1986 flüchtete „Baby Doc“ mit einem Tross von Günstlingen. Sollte die korrupte Duvalier-Diktatur nun durch eine Bandendiktatur abgelöst werden, drohen dem Karibikstaat neuerlich finstere Zeiten.

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