Das Wort Pazifismus wirkt heute etwas aus der Zeit gefallen. Es klingt nach Wollsocken, Ostermärschen und Demonstrationen gegen den NATO-Doppelbeschluss – also wie ein Relikt aus den 1980er-Jahren. Und dennoch bekommt die Debatte rund um den Pazifismus, der jede Anwendung von Gewalt – insbesondere militärischer – grundsätzlich ablehnt und sich für die Erhaltung des Friedens einsetzt, wieder mehr Gewicht. Spätestens seit der vom früheren Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ausgerufenen „Zeitenwende“ nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und der damit verbundenen neuen militärischen Aufrüstung für mehr Verteidigungsfähigkeit und Abschreckung.
Aber ist die Debatte wirklich so einfach, wie sie erscheint? Wohl kaum, denn Pazifismus bezeichnet sehr verschiedene politische und ethische Positionen. Der Berliner Philosoph und Autor Olaf L. Müller („Pazifismus. Eine Verteidigung“) beispielsweise unterscheidet zwischen absolutem und relativem Pazifismus. Absolute Pazifisten lehnen jede kriegerische Handlung ab, während relative Pazifisten militärische Gewalt als äußerstes Mittel zulassen, dabei aber verlangen, zuvor mit großer Beharrlichkeit nach friedlichen Alternativen zu suchen. Damit reicht das Spektrum von einem prinzipiellen Gewaltverzicht bis zu Positionen, die Landesverteidigung grundsätzlich akzeptieren und dennoch militärische Mittel unter einen besonders strengen Rechtfertigungszwang stellen.

Was gilt nun hierzulande? Eine aktuelle Auswertung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr zeigt, dass sich die deutsche Gesellschaft nicht mit absolutem Pazifismus beschreiben lässt. Der Sozialwissenschaftler Timo Graf hat für einen Beitrag in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (27. März 2026) repräsentative Befragungen von 2016 bis 2025 untersucht und unterscheidet in seiner Studie Pazifisten, die zivile Mittel befürworten und militärische ablehnen, von den sogenannten „Pragmatikern“, die beide Instrumente grundsätzlich akzeptieren.
Diese zweite Gruppe bildete bereits vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine die Mehrheit, sodass Graf auch nach 2022 keine empirischen Hinweise auf eine allgemeine „Militarisierung im Denken“ findet, wie gerne in öffentlichen Debatten geäußert wird. Verändert haben sich jedoch konkrete sicherheitspolitische Einstellungen, während die grundlegende Bereitschaft, je nach Lage zivile oder militärische Mittel einzusetzen, eben schon vorher verbreitet war.
Papst Leos Linie
Im katholischen Raum wird der Friedensauftrag ungleich deutlicher formuliert. Papst Leo XIV. stellte den Weltfriedenstag 2026 unter die Forderung nach einem „unbewaffneten und entwaffnenden“ Frieden. Er wendet sich in seiner Botschaft gegen eine Friedensordnung, die dauerhaft auf Angst, Drohung und militärischer Abschreckung beruht, und fordert eine Stärkung von Diplomatie, Vermittlung und Völkerrecht. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, Präsident von Pax Christi Deutschland, griff diesen Gedanken im Januar auf. „Haltet die heute oft gängige Logik von Krieg und Gewalt sowie die Gewöhnung daran nicht für die einzige Sicht auf die Wirklichkeit“, sagte er bei einem Gottesdienst zum 59. Weltfriedenstag in Bingen.
Die internationale katholische Friedensbewegung Pax Christi verbindet diese Haltung mit Konzepten aktiver Gewaltfreiheit und sozialer Verteidigung. Die Delegiertenversammlung beschloss bereits 2023, Formen einer „Wehrhaftigkeit ohne Waffen“ weiterzuentwickeln, die militärische Verteidigung langfristig überflüssig machen sollen. Bei der Ukraine lässt sich die Organisation dennoch keineswegs auf die Forderung nach einem schnellen Frieden um jeden Preis festlegen: Ihre Kommission Östliches Europa warnte in ihrer Erklärung zum vierten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2026 sogar ausdrücklich vor einem „Diktatfrieden“ und verlangte Sicherheitsgarantien für eine demokratische und selbstbestimmte Ukraine, deren Verteidigung gegenwärtig militärisch erfolgen muss. Damit zeigt sich auch innerhalb der katholischen Friedensbewegung die Spannung zwischen dem Vorrang gewaltfreier Konfliktlösung und der Verantwortung gegenüber einem angegriffenen Land.

Auch in der Politik wird heftig diskutiert, und vor allem bei den Grünen hat diese Spannung eine lange parteipolitische Geschichte. Die Partei, die bekanntlich aus der Friedensbewegung hervorging und einst die Abschaffung der Bundeswehr forderte, akzeptiert heute militärische Gewalt unter bestimmten Voraussetzungen. Der Politikwissenschaftler Arnd-Michael Nohl beschreibt dies als den Wandel „von einer Partei der unbedingten Gewaltfreiheit zu einer Partei des bedingten militärischen Engagements“ („Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 27. März 2026). Die Auseinandersetzungen um Bosnien und den Kosovo markieren dabei ebenso wichtige Stationen wie der russische Angriff auf die Ukraine.
Einen markanten Satz dazu formulierte Anton Hofreiter 2024: „Eine pazifistische Haltung kann ein Mensch immer nur für sich selbst einnehmen.“ Wer Ukrainern von außen nahelege, ihre Waffen niederzulegen, greife nach seiner Auffassung also in die Entscheidung der Angegriffenen ein. Pazifismus stößt aus dieser Sicht dort an eine politische Grenze, wo der eigene Gewaltverzicht über das Schicksal Dritter entscheiden soll.
In der SPD sieht es anders aus
In der SPD sieht das anders aus. Der frühere, stark friedensbewegte Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Rolf Mützenich, akzeptiert militärische Verteidigung, wendet sich aber gegen eine Sicherheitspolitik ohne diplomatischen Schwerpunkt. Noch im Juni sagte er, „die Bedeutung von Diplomatie und der Glaube an friedliche politische Transformationen“ habe massiv abgenommen. Dem von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) geprägten Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ widerspricht Mützenich dabei ausdrücklich. Er hält ihn für unangemessen im Verhältnis zu Verfassung und deutscher Geschichte und warnt davor, politische Macht vorwiegend militärisch zu bestimmen.
Ähnlich argumentieren die früheren SPD-Spitzenpolitiker Gernot Erler und Ralf Stegner in ihrem für Ende September angekündigten Buch „Gemeinsame Sicherheit heute!“. Ihr Ansatz knüpft an die Entspannungspolitik der sozialdemokratischen Ostpolitik an, und die Welt gerate in eine Sackgasse, wenn sie ihre Ressourcen im Krieg verschleudere, statt sie für die soziale und ökologische Transformation zu verwenden. Andererseits akzeptiert Gernot Erler Verteidigung ausdrücklich, wenn sie nicht in Aufrüstung ausartet: „Anstrengungen zur Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit, begleitet von Bemühungen um Abrüstung und Rüstungskontrolle sowie von politischen Verständigungsbemühungen, verdienen Unterstützung.“
Für das BSW ein programmatischer Pfeiler
Das BSW geht sogar noch einen Schritt weiter und positioniert den Pazifismus als einen seiner zentralen programmatischen Grundpfeiler. So heißt es im außenpolitischen Programm: „Die Lösung von Konflikten mit militärischen Mitteln lehnen wir grundsätzlich ab.“ Wenige Sätze später erkennt die Partei aber zugleich an: „Die Bundeswehr hat den Auftrag, unser Land zu verteidigen.“ Gerade die Verbindung beider Aussagen macht deutlich, wie unscharf die politische Verwendung des Wortes Pazifismus geworden ist. Wer bewaffnete Landesverteidigung anerkennt, muss bestimmen, unter welchen Voraussetzungen militärische Gewalt trotz der grundsätzlichen Ablehnung zulässig bleibt.
Existiert also eine „Zeitenwende“ im Denken über Krieg und Frieden, weil in der Politik (angeblich) nur noch über Rüstung und Kriegstauglichkeit gesprochen wird? Das ist nicht der Fall, und die heutige Auseinandersetzung über den Pazifismus in Deutschland verläuft auch kaum zwischen einem blind friedensbewegten Lager einerseits und einer kriegslüsternen Meute andererseits. Vor allem Timo Grafs Befunde legen nahe, dass sich die „Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger [als] sicherheitspolitische Pragmatiker“ zwischen diesen Polen bewegt und „den aktuellen Kurswechsel in der Verteidigungspolitik“ in Reaktion auf die veränderte Sicherheitslage mitträgt.
Der Autor arbeitet als freier Journalist.
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