Biden und der Lebensschutz

Papst: Haltung zu Abtreibung ist Bidens Gewissensentscheidung

Der amtierende US-Präsident solle mit seinem Seelsorger über die „Inkohärenz“ zwischen der kirchlichen Lehre und seiner Position zum Lebensschutz sprechen, so Franziskus.
Papst Franziskus zu Biden und Abtreibung
Foto: IMAGO/Stefano Costantino (www.imago-images.de) | Der Papst betonte, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen würden, dass ein ungeborenes Kind bereits einen Monat nach der Empfängnis eine DNA aufweise und sich die Organe entwickeln würden.

Papst Franziskus hat am Dienstag zur Position des US-Präsidenten Joe Biden in der Abtreibungsfrage Stellung genommen. Wie die spanische Nachrichtenagentur „ACI Prensa“ berichtete, erklärte der Papst gegenüber dem spanischen Fernsehsender „TelevisaUnivision“, er überlasse es Biden und dessen Gewissen, dass der amtierende Präsident als Politiker Abtreibung befürworte. „Lassen wir beiden mit seinem Seelsorger über diese Inkohärenz sprechen“, so Franziskus.

Franziskus: "Da ist menschliches Leben"

Zudem betonte der Papst, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen würden, dass ein ungeborenes Kind bereits einen Monat nach der Empfängnis eine DNA aufweise und sich die Organe entwickeln würden. „Da ist menschliches Leben“, so Franziskus. Bislang hatte sich das Katholikenoberhaupt immer wieder deutlich gegen Abtreibung ausgesprochen, die Haltung des US-Präsidenten aber nie kommentiert.

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Auch in der Diskussion um den Kommunionempfang katholischer Politiker, die Abtreibung befürworten, stellte sich der Papst nach allgemeiner Auffassung eher auf die Seite Bidens. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „Reuters“ erklärte er jüngst, Kirche und Bischöfe müssten pastoral auftreten, sonst würden sie politisch. Biden, nach John F. Kennedy der zweite katholische US-Präsident, lehnt Abtreibung als Privatperson zwar ab, setzte sich als Politiker im Laufe seiner Karriere jedoch immer verstärkter für ein „Recht“ auf Abtreibung ein. 

Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA Ende Juni das umstrittene Grundsatzurteil „Roe vs. Wade“ aufgehoben hatte, wodurch es den Bundesstaaten wieder erlaubt ist, eigene Abtreibungsgesetze zu erlassen, erließ Biden einen sogenannten „Präsidialerlass“, um den Zugang von Frauen zu Abtreibung weiterhin sicherzustellen. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs nannte er mehrmals „extrem“. 

Erlass mit symbolischer Wirkung

Der Erlass hat aber weitgehend symbolische Wirkung. Auch wenn progressive Abtreibungsbefürworter in den USA seit Wochen vehement gegen die Gerichtsentscheidung protestieren, hat der Präsident angesichts der derzeitigen Mehrheitsverhältnisse kaum Einfluss auf die Gesetzeslage. Der Erlass, den Biden Ende vergangener Woche unterzeichnete, erleichtert auch nur den Zugang zu chemischen Abtreibungspräparaten und Verhütungsmitteln und stellt sicher, dass die persönlichen Daten von Frauen, die sich online über Abtreibung informieren, besser geschützt sind.

Von Lebensschützern wurde Bidens Erlass dennoch heftig kritisiert. William Lori, Erzbischof von Baltimore und gleichzeitig amtierender Vorsitzender des Lebensschutz-Komitees der US-Bischöfe, nannte die Verordnung „zutiefst beunruhigend und tragisch“. Damit beabsichtige die Regierung, „die Zerstörung von wehrlosen Menschen zu erleichtern“, so Lori in einer Stellungnahme.

Indes kommt eine neue Umfrage des „Public Religion Research Institute“ zur Haltung der Amerikaner in der Abtreibungsfrage zu dem Ergebnis, dass 33 Prozent der Meinung sind, Abtreibung sollte in allen Fällen erlaubt sein, 32 Prozent sind für legale Abtreibung in den meisten Fällen. 25 Prozent der US-Bürger sagen dagegen, Abtreibung sollte in den meisten Fällen verboten sein, für ein Verbot in allen Fällen sind acht Prozent der Amerikaner. 

Weiße Evangelikale am häufigsten gegen Abtreibung

Weiße Evangelikale machen die Religionsgruppe aus, die Abtreibung am entschiedensten ablehnt. Der Erhebung zufolge befürworten sieben von zehn ein Abtreibungsverbot, sobald ein Herzschlag festzustellen ist, was in der Regel ab der sechsten Schwangerschaftswoche gilt. Ein Abtreibungsverbot ab der 15. Schwangerschaftswoche befürworten sogar mehr als acht von zehn weißen Evangelikalen. Sechs von zehn der weißen Katholiken lehnen dagegen ein Abtreibungsverbot ab der sechsten Schwangerschaftswoche ab. Gleichzeitig befürworten mehr als sechs von zehn weißen Katholiken, dass Abtreibung in allen oder den meisten Fällen erlaubt ist.  DT/mlu

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