Monika Grütters im Interview

Monika Grütters: „Ich bin froh, dass ich noch dabei bin“

Die ehemalige Kulturstaatsministerin zählt zu den wenigen Bundestagsabgeordneten, die noch dem ZdK angehören. Im Interview nimmt sie Stellung zu den jüngsten Äußerungen der ZdK-Präsidentin.
ZdK
Foto: imago stock&people | Das katholische Profil des ZdK ist für die Kritiker des Komitees nur noch verschwommen erkennbar. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters sieht das anders.

Frau Grütters, bevor wir auf die Politik zu sprechen kommen: Wie nehmen Sie als ZdK-Mitglied die Diskussionen um den Synodalen Weg wahr?

Der Synodale Weg ist das, was uns in den vergangenen Jahren am meisten beschäftigt hat. Es ist ein Angebot zur Aufarbeitung der vielen Missbrauchsfälle und zum Umgang damit. Der Versuch, die Laien und die Bischöfe in dieser existentiellen Frage zusammenzubringen, um die strukturellen Probleme zu lösen, die zu diesem Missbrauch geführt haben – dieses Angebot, das miteinander zu erarbeiten, ist herausragend in der Katholischen Kirche und könnte auch Vorbild für andere Länder sein. Deshalb bin ich enttäuscht, wenn aus Rom Signale kommen nach dem Motto: „Ihr könnt es ja versuchen, aber die Ergebnisse haben im Angesicht der Weltkirche mutmaßlich keine Relevanz“. Das ist ein Dämpfer. Ich kann uns deutschen Katholiken da nur empfehlen, dass wir viel mehr den Schulterschluss mit anderen nationalen Kirchen suchen. Die Probleme, die wir hier bearbeiten, sind kein rein deutsches Phänomen. Der Hinweis auf die Weltkirche darf kein Totschlagargument sein, so als ob es diese strukturellen Schwierigkeiten woanders nicht gegeben hätte. Die Probleme sind in vielen Ländern ähnlich – und Reformanstrengungen gibt es gerade im europäischen Raum nicht nur in Deutschland. Rom soll merken: Das ist kein Alleingang aus Deutschland.

Gerade hat die ZdK-Präsidentin flächendeckende Möglichkeiten zur Abtreibung in ganz Deutschland gefordert – zeigt das nicht exemplarisch, dass CDU-Positionen zum Lebensschutz im höchsten katholischen Laiengremium immer weniger Gewicht haben?

"Ich hätte mir gewünscht, dass die ZdK-Präsidentin
eine der katholischen Kirche weitgehend entsprechende
und eben keine missverständliche Bemerkung macht"

Irme Stetter-Karp, die ZdK-Präsidentin, sagt, sie sei da ungenau zitiert worden. Wichtig ist aber, dass der Lebensschutz eine der ganz maßgeblichen Fragen ist, mit denen wir uns gerade beschäftigen. Der Paragraf 219a ist ja durch die Ampel-Koalition erledigt worden, und wir befürchten, dass es auch an den Paragrafen 218 geht und dann Fragen des Schwangerschaftsabbruchs einmal mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Da sind wir alle gefragt. Deswegen hätte ich mir gewünscht, dass die ZdK-Präsidentin eine der katholischen Kirche weitgehend entsprechende und eben keine missverständliche Bemerkung macht – unabhängig davon, welche Parteien sich darin wiederfinden. Dass es flächendeckende Möglichkeiten für einen legalen Schwangerschaftsabbruch geben muss, ist so selbstverständlich, dass man es nicht hätte sagen müssen. Sollte Frau Stetter-Karp die Tür öffnen wollen für eine andere Haltung dem Schwangerschaftsabbruch gegenüber, fände ich das in der Tat problematisch.

Die einzigen noch aktiven MdBs im ZdK sind Sie und Mechthild Heil, die aber auch KfD-Bundesvorsitzende ist – woran liegt das? Haben die Parteien, insbesondere die Union, den Kontakt zu den katholischen Laien verloren?

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Das glaube ich nicht. Bei uns in der Bundestagsfraktion sind sehr viele nicht nur katholisch getauft, sondern bekennen sich auch dazu. Sie sind aktiv in ihrer Kirche und gehen mit dieser Haltung auch an die Politik heran. Aber in der Tat ist es kein Selbstläufer mehr, wenn man ZdK sagt, mehrheitlich eine Unionsmeinung oder -politik dort zu vermuten. Diese enge Verbindung löst sich auf. Und ich glaube, das ist eine Herausforderung für beide Seiten. Da haben sowohl das ZdK als auch die Unionspolitiker eine Bringschuld, wenn sie die bisherige Nähe vermissen.

Man hat es auf dem Katholikentag in Stuttgart gespürt: Beim Empfang der Grünen herrschte deutlich mehr Andrang als bei der Union. Ist die früher so selbstverständliche Verzahnung von CDU/CSU und ZdK Vergangenheit – tickt die katholische Basis zunehmend grün?

Monika Grütters

Das glaube ich nicht. Sondern in Stuttgart – in einem Bundesland, das von einem sehr aktiven grünen Ministerpräsidenten und Katholiken, nämlich Winfried Kretschmann, regiert wird – war einfach die Freude groß, dass der Katholikentag mal bei ihnen stattgefunden hat. Deshalb sind die Grünen da – das sage ich auch mit viel Respekt – sehr präsent gewesen. Gleichzeitig hätte ich mich gefreut, wenn das auf unserer Seite ähnlich engagiert vorangetrieben worden wäre. Neu in der Opposition suchen wir noch unsere Orientierung – und vielleicht hat sich das auch ein Stück weit beim Katholikentag artikuliert. Was mich bekümmert ist, dass manche CDU-Kollegen glauben, sie bräuchten eine ausdrückliche Einladung, zum Katholikentag zu fahren, statt das als politischer Katholik selbstverständlich zu finden. Niemand wurde ja davon abgehalten, sich in Stuttgart blicken zu lassen – und jeder, der Interesse daran hat, wäre mit Sicherheit auf ein Podium als aktiver Teilnehmer eingeladen worden. Noch einmal: Beide Seiten müssen da aufeinander zugehen, das ist kein Selbstläufer.

Der Katholikentag in Stuttgart brachte auch einen Negativrekord an Teilnehmern. Ist dieser Relevanzverlust die gleiche Seite der Medaille wie die sinkende Zahl aktiver Politiker im ZdK?

Ich fürchte, dass wir da eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung auch in unseren Kreisen mitmachen. Ich will noch nicht von Entchristlichung sprechen, aber das alles ist doch dem Umstand geschuldet, dass mittlerweile weniger als die Hälfte der Deutschen einer christlichen Konfession angehören. Das bemerken wir an diesen großen Ereignissen wie Katholikentagen oder Evangelischen Kirchentagen. In Stuttgart kam die schwierige gesellschaftliche Stimmung während des Ukraine-Krieges hinzu. Auch haben sich wegen der Corona-Pandemie viele Menschen noch nicht getraut, auf Großveranstaltungen zu gehen. Außerdem: Stuttgart ist keine Stadt, die durch einen katholischen Kern eine gewisse Ausstrahlung hat, wie das 2018 in Münster der Fall war. Wir müssen darüber nachdenken, ob wir solche Großveranstaltungen über fünf Tage hinweg auch weiterhin pflegen wollen oder ob sich dieses Format wandeln muss und wir in kleineren Formationen und Angeboten mehr erreichen.

Die Austrittswelle aus den Kirchen reißt darüber hinaus nicht ab: Mittlerweile sind Kirchenmitglieder aller Konfessionen in der Minderheit. Der christliche Glaube, zumindest in seiner verfassten Form, ist immer weniger gesellschaftsprägend. Braucht die Union da noch die Nähe zu den Kirchen?

"In der Sozialpolitik sind die Kirchen
ein so maßgeblicher Faktor,
dass wir auf sie gar nicht verzichten könnten"

Ob man die Nähe zur Institution Kirche noch braucht, das ist eine spannende Frage. Die CDU ist nach dem Krieg aus der Zentrumspartei kommend aus der christlichen Soziallehre heraus als Partei mit dem C im Namen gegründet worden. Die Sozialpolitik und die christliche Sozialethik sind immer der Kern der Christlich-Demokratischen Union gewesen. Es geht viel vom Markenkern verloren, wenn wir uns nicht aktiv darum kümmern. Das ist aber etwas, das vor allem die CDU als Partei betrifft. In der Gesamtgesellschaft glaube ich, dass das Ansehen der Institution Kirche durch diese flächendeckenden Missbrauchsfälle sehr, sehr gelitten hat. Deshalb müssen wir nochmals neu die Frage stellen: Wo sind Glaubensinhalte für unsere Lebensgestaltung und für die gesellschaftliche Mitwirkung wichtig, und wo geht es um die Leistungen, die die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland erbringen? Ich erinnere an das großflächige Engagement im kulturellen Bereich. Die Kirchen sind der zweitgrößte Kulturträger Deutschlands. Dann denke ich an den Bildungsbereich – die Schulen oder Bibliotheken. Und die Kirchen sind natürlich einer der größten Sozialträger in Deutschland – von Krankenhäusern über Kindergärten bis hin zur Caritas und der Diakonie. In der Sozialpolitik sind die Kirchen ein so maßgeblicher Faktor, dass wir auf sie gar nicht verzichten könnten. Ich glaube, das ist vielen nicht bewusst. Aber die Hinwendung gelingt ja über Glaubensinhalte – und da braucht es charismatische Seelsorger und Menschen, die die Frohe Botschaft glaubwürdig verkünden. Das ist leider momentan sehr schwierig, auch weil den Kirchen der Nachwuchs fehlt.

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Wie sehr sucht denn die Union überhaupt noch die Nähe zum Katholizismus? Schauen wir uns die aktuellen Koalitionsverträge in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein an: Keine Erwähnung der Ehe, Kinderwunschbehandlung auf allen Ebenen, ungewollt Schwangere brauchen schnelle Information und Beratung, Gleichstellung aller Lebens- und Familienformen auch bei der Elternschaft – heißt: Adoptionsrecht für Homosexuelle – und Förderung der „Verantwortungsgemeinschaft“. All das hat die CDU unterschrieben. Will sie überhaupt noch in der Nähe der Kirchen sein oder verliert das „C“ seine Bedeutung?

"Das Festhalten an manchen Werten, die ja nicht hohl,
sondern gut begründet sind ist ein wichtiges
Identifikationsmerkmal, das einige von uns immer wieder
in den Raum stellen müssen, damit es sich nicht abschleift"

Tatsächlich sind viele von den Punkten, die Sie gerade erwähnt haben, einer Koalitionssituation geschuldet, in der man Kompromisse machen muss. Aber die Frage ist ja berechtigt: Wer kümmert sich noch um den Markenkern, der sich aus dem christlichen Glauben speist? Deshalb ist es wichtig, dass immer wieder über das C im Parteinamen diskutiert wird. Wenn wir schon die Diskussion darüber vernachlässigen, würden manche wohl gar nicht mehr diese Grundorientierung, diesen Ausgangspunkt vergegenwärtigen, weil eben viele Verantwortliche in unserer Partei nicht mehr aktive Kirchgänger und engagierte Gläubige sind. Natürlich muss auch die CDU gesellschaftliche Realitäten anerkennen, wie zum Beispiel die berühmten Patchwork-Familien. Aber: Das Festhalten an manchen Werten, die ja nicht hohl, sondern gut begründet sind – Sie haben die Stichworte Ehe, ungeborenes Leben genannt – ist ein wichtiges Identifikationsmerkmal, das einige von uns immer wieder in den Raum stellen müssen, damit es sich nicht abschleift. Mir tut es weh, wenn es heißt, man könnte das Wort „christlich“ im Parteinamen durch „bürgerlich“ ersetzen. Das sind zwei vollkommen verschiedene Denkmuster. Da verteidige ich natürlich das Christliche als ganz maßgeblichen Kern unserer Politik.

Fühlen Sie sich als CDU-Mitglied im ZdK noch gut aufgehoben?

Ja, ich bin froh, dass ich noch dabei bin neben einigen, die keine aktiven Parlamentarier mehr sind. Wir haben mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine prominente ehemalige Bundesministerin dabei. Wir haben noch den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, außerdem die Kollegin Mechthild Heil aus der Unions-Bundestagsfraktion. Aber es ist schon richtig, wir müssen uns neu und zunehmend Gehör verschaffen. Und natürlich ist das nicht attraktiv, wenn wir in den eigenen Reihen unsere Orientierung verlieren, wenn wir nicht mehr festhalten an ganz maßgeblichen Grundkomponenten, an dem Petruswort, das mir so wichtig ist: „Stehe jedem Rede und Antwort, der nach der Hoffnung fragt, die dich erfüllt“. Dieses Momentum des Christlichen, das auch über das Irdische hinausweist und eine Lebensorientierung formuliert, die Halt gibt: Wenn wir uns nicht mehr trauen, uns zu ethischen Leitplanken, wie der Würde jedes einzelnen Menschen, der Nächstenliebe und der Freiheit des Einzelnen zu bekennen und christliche Inhalte konkret an speziellen Politikfeldern sichtbar zu machen, dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn man sich nach uns nicht mehr sehnt und wir vielleicht auch im ZdK eine geringere Rolle spielen. Andererseits: Das ZdK ist keine Parteiorganisation, und umgekehrt gilt das eben auch. Wir sollten aufeinander zugehen, aber der Sache wegen, nicht aufgrund der Parteizugehörigkeit.

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