Erbil

Mit Christen durchs milde Kurdistan

Christliche Politiker der nord-irakischen Region präsentieren ihr Land trotz aller Probleme als Hort von Frieden und Toleranz.
Kathedrale von Dohuk
Foto: Stephan Baier | Glaubensfestungen wie die Kathedrale von Dohuk prägen die Kirchenlandschaft Kurdistans. Der IS hat viele Kirchen zerstört und Christen vertrieben.

Die irakische Armee sei „die viertstärkste Armee unseres Landes“, scherzt ein Gesprächspartner in Erbil. Ein Schlaglicht auf die einst stärkste Armee im Nahen Osten wie auf die desperate innenpolitische Lage im Zweistromland. Tatsächlich dominieren in der nord-irakischen Autonomen Region Kurdistan die kurdischen Peschmerga-Milizen, während im benachbarten Mosul schiitische Milizen die Kontrolle haben.

Die Hauptstadt Bagdad schlitterte in der Vorwoche knapp an einem neuen Bürgerkrieg vorbei, bis der einflussreiche Iran-kritische schiitische Imam und Politiker Moqtada al-Sadr den ihm hörigen Mob stoppte. Fast 40 Tote und rund 400 Verletzte kosteten die Unruhen im Zentrum von Bagdad, bei denen es sowohl um Nähe oder Distanz zum Nachbarland Iran, als auch um ein Patt innerhalb der alten politischen Kaste geht. Unmittelbarer Auslöser des schiitischen Volkszorns war Al-Sadrs Ankündigung, sich angesichts der Unmöglichkeit einer seriösen Regierungsbildung aus der Politik zurückzuziehen. Dahinter steht seine Rivalität mit den Teheran-hörigen Schiiten. Als der Prediger seine Anhänger unter Androhung eines Hungerstreiks zur Ruhe aufrief, lobte der Patriarch der katholischen Chaldäer, Louis Raphael Sako, Al-Sadr für seinen Mut und seine „menschliche und nationale Verantwortung“. Immerhin habe sein Aufruf, die Belagerung des Parlaments zu beenden, weiteres Blutvergießen vermieden.

Von Bagdad dämonisiert und beschuldigt

Der blutige Zwischenfall zeigt, wie fragil die Lage im Irak knapp zwei Jahrzehnte nach der amerikanischen Invasion und dem Sturz Saddam Husseins weiterhin ist. „Die schiitischen Milizen versuchen, unser Land zu transformieren“, meint der einzige christliche Minister in der kurdischen Regionalregierung, Ano Jawhar Abdulmaseeh Abdoka. Immer mehr Menschen würden aus dem Zentralirak in den kurdischen Norden des Landes emigrieren. Nicht nur Christen: Rund zwei Millionen nicht-kurdische, arabischsprachige Iraker hätten bereits in Kurdistan Zuflucht gesucht.

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Der Politiker, der ein Kreuz an seinem Sakko trägt und in dessen Vorzimmer Bilder christlicher Märtyrer hängen, sieht die Kurden-Region als sicheres Reservat für Christen: Die kurdische Regierung schenke Land für den Bau von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen, sehe die Christen als Partner und garantiere Toleranz. In der Regierung von Kurdistan sitze kein einziger Islamist, sondern nur Vertreter säkularer Parteien, während in Bagdad 90 Prozent der Macht in den Händen von Extremisten sei, sagt Ano Jawhar im Gespräch in seinem Ministerbüro in Erbil.

Der Minister, in der kurdischen Regierung für Transport und Kommunikation zuständig, sieht sich als Stimme und Anwalt der Christen in Kurdistan. Er lobt die Unterstützung der ungarischen Regierung für die verfolgten Christen, die in ihrer Heimat Irak ausharren und Zeugnis für ihren Glauben geben. Vor allem lobt er die Verfassung Kurdistans, die – im Gegensatz zur Verfassung des Irak – volle Religionsfreiheit garantiere und das islamische Recht nicht über säkulare Gesetze stelle. In Kurdistan sei es ruhig. Nach einem zweijährigen Bürgerkrieg habe man seine Lektionen gelernt und plane Machtwechsel nur mehr durch Wahlen und ohne Blutvergießen. Die Dramen, die sich in Bagdad abspielen, hätten jedoch ihre Wirkung: Obwohl die Autonomie der Region Kurdistan in der irakischen Verfassung verankert ist, weigere sich die Regierung in Bagdad seit 2013, die Einnahmen aus dem Ölgeschäft anteilig an die Region zurückzuüberweisen. Zudem werde Kurdistan von Bagdad „dämonisiert“ und ungerecht beschuldigt.

Hochzeit Kurdistan Irak


Minister Ano Jawhar legt Wert darauf, Kurdistan als „Modell des Friedens und der Stabilität“ darzustellen. Umgekehrt sei der Irak gescheitert, weil alle ringsum sein Scheitern wollen. „Wenn die USA erfolgreich damit wären, einen Diktator (Saddam Hussein, Anm.) zu stürzen und einen Staat neu aufzubauen, was wäre dann mit den übrigen Diktatoren?“ Also seien sich die Nachbarn – „auch wenn sie einander hassen“ – einig, den neuen Irak scheitern zu lassen. Der Westen solle Kurdistan unterstützen, auch ihre Peschmerga-Milizen, die als „Hüter der Region“ anerkannt seien.

Richtig in Fahrt gerät der christliche Minister, wenn er auf die in Europa als Terrororganisation geltende kurdische PKK zu sprechen kommt. „Die PKK ist eine türkische Partei und ein türkisches Problem. Sie sollen auf ihr Gebiet gehen!“ Der Nachbar solle seine Konflikte nicht auf kurdischem Gebiet austragen. Die PKK, die kurdische Dörfer besetze, sei der Grund für die türkische Präsenz auf irakischem Gebiet. „Die internationale Gemeinschaft muss dieses Problem zwischen der türkischen Regierung und der PKK lösen, aber auf türkischem Gebiet und mit friedlichen Mitteln.“

Christen sollen nicht Bürger zweiter Klasse sein

Tatsächlich nutzt die PKK die Berge im irakisch-türkischen Grenzgebiet als Rückzugsraum. In Enishke, vier Autostunden nördlich von Erbil, zeigt uns Pfarrer Samir Al-Khoury die Hügellandschaft. Früher habe er hier mit Jugendlichen Wanderungen unternommen, doch das sei heute zu gefährlich. Türkische Drohnen überwachen das Gebiet. Wenn sich mehrere Menschen bewegen, vermutet die türkische Armee PKK-Kämpfer und fliegt Angriffe. Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit der Kurden nicht im Irak, auch nicht in Syrien und dem Iran, sondern in der Türkei siedelt, ist die Sorge Ankaras, die irakische Autonome Region Kurdistan könne zum Nukleus eines größeren Kurdistan werden, groß.

Beschädigte Bibel


„In Kurdistan sind wir privilegiert. Es ist hier ruhig, und die Regierung ist den Christen wohlgesinnt“, sagt der chaldäische Pfarrer von Manges, Imad Khosaba. Die kurdische Regierung wolle die christliche Identität bewahren. Jedenfalls dort, wo Christen immer siedelten, ist der Priester überzeugt. Weil Manges traditionell christlich war, bevorzuge die Regierung hier sogar die Christen. Seine alte Sankt-Georgs-Kirche will er ausbauen, weil sie nicht genug Platz biete, doch der Umbau sei zunächst durch den „Islamischen Staat“, dann durch die Corona-Krise verzögert worden. Imad Khosaba gelangte zu breiter Bekanntheit, weil er für Papst Franziskus bei dessen Besuch in Erbil im März 2021 dolmetschen durfte. „Dieser Besuch war auch für die Muslime wichtig. Viele haben vor Freude geweint“, erinnert er sich.

Ein positives Bild malt auch Clara Odisho, eine von insgesamt sechs christlichen Abgeordneten des kurdischen Parlaments in Erbil. „Kurdistan ist der Platz des Zusammenlebens verschiedener Religionen und Ethnien, aber das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt.“ Die Regierung in Erbil behandle die Christen mit Wohlwollen, aber mitunter komme es schon zu einer Bevorzugung von Muslimen. Die chaldäische Katholikin Clara Odisho kämpft auf der politischen Bühne vor allem für das Recht der Christen auf Land und volle Religionsfreiheit. „Christen sollen nicht Bürger zweiter Klasse sein“, sagt sie.

"Wir sind ein Volk ohne Staat und wurden immer unterdrückt“

Die kurdische Regierung und deren Fernziel einer völligen staatlichen Unabhängigkeit unterstützt sie, um die Interessen der Christen durchzusetzen. Die Türkei habe Angst vor einem Kurden-Staat und versuche, jeden Ansatz dazu zu ersticken. Gleichzeitig gebe es gute Beziehungen der irakischen Kurden zu den Kurden in Syrien und der Türkei. „Sie sagen: Wir sind ein Volk ohne Staat und wurden immer unterdrückt“, fasst die Abgeordnete die kurdische Sicht zusammen. Die Appelle ihres eigenen Patriarchen Sako, den Irak als einheitlichen Staat zu erhalten, was einen kurdischen Separatismus ausschließt, kommentiert sie kritisch: „Ich habe vollen Respekt für den Patriarchen, aber nicht alles, was er sagt, ist realistisch.“ Würde sie vom Ziel einer kurdischen Unabhängigkeit abrücken, stünde sie damit im Parlament in Erbil alleine.

Die hohe Massenarbeitslosigkeit und die Emigration der Jugend sind die Hauptprobleme des Iraks und auch seiner kurdischen Autonomiegebiete. Eine wirtschaftliche Perspektive sieht niemand: Aus der Türkei kommen Lebensmittel weit unter den heimischen Marktpreisen, die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft versickern in der Korruption. Vetternwirtschaft und Korruption haben das Land – nicht nur, aber auch in Kurdistan – im Griff. „Nur wenn du jemanden in der Regierung kennst, kriegst du einen Job“, sagt ein chaldäischer Geistlicher, der lieber nicht namentlich genannt werden will. Er meint, dass Christen auch im Kurdengebiet diskriminiert werden: „Es ist eine Frage der Mentalität. Sie meinen, das sei ihr Land. Bei Bewerbungen um Jobs wird der muslimische Bewerber vorgezogen, auch wenn er weniger qualifiziert ist. Das ist überall so, auch in Kurdistan.“

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