Erbil

Durchs gar nicht so wilde Kurdistan

Die Initiative Christlicher Orient betreibt in Kurdistan im Nordirak zahlreiche Hilfsprojekte. Ein persönlicher Reisebericht.
Kurdische Peshmerga
Foto: Stefan Maier | Kurdische Peshmerga haben sich auf einer Mauer in Enishke verewigt.

Mit großer Freude und Erwartung brach ich vor kurzem zu einer Projektreise in die nordirakische Region Kurdistan auf, wo das von mir vor über 30 Jahren mitgegründete Hilfswerk Initiative Christlicher Orient (ICO) seit vielen Jahren zahlreiche Hilfsprojekte unterstützt, die aber aufgrund der Pandemie in den beiden vergangenen Jahren nicht besucht werden konnten. In Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Irak, wurde ich von unserem langjährigen engen Projektpartner Samir Yousif, dem sehr aktiven und dynamischen Pfarrer der chaldäischen Pfarre Enishke, empfangen und in seine Gemeinde gebracht.

Die chaldäisch-katholische Kirche ist eine mit Rom unierte Ostkirche mit ostsyrischem Ritus. Sie steht in voller Kirchengemeinschaft mit dem Papst in Rom. Ihr Oberhaupt ist Kardinal Louis I. Sako, dessen Titel bis vor kurzem „Patriarch von Babylon der Chaldäer“ war. Erst vor kurzem hat Papst Franziskus aber seinem Antrag stattgegeben und eine Änderung des Titels in „Patriarch von Bagdad der Chaldäer“ genehmigt, denn der Sitz des Patriarchen ist seit 1950 in Bagdad.

Pfarre in Erbil als Hauptstützpunkt

Das erste, was einem ins Auge fällt, wenn man sich Enishke nähert, ist ein großes, zerstörtes Gebäude auf einem Hügel, umgeben von einer schier endlosen Mauer, die ein riesiges Areal umschließt. Auf der Mauer haben sich die kurdischen Peschmerga mit Bildern ihrer Waffen und patriotischen Slogans verewigt. Sie waren einst die kurdischen Widerstandskämpfer gegen die irakische Zentralregierung, heute bilden sie die regulären Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan. Die Peschmerga waren es auch, die das von der Mauer abgeschottete Gebäude einst zerstörten, handelt es sich dabei doch um einen von mehreren, über das ganze Land verteilten Palästen des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein. Die Ruine ist ein Zeichen für den Hass der Kurden auf den früheren Diktator, der immer wieder militärisch gegen sie vorgegangen war und dabei auch nicht davor zurückgeschreckt war, Giftgas einzusetzen.

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Die Pfarre von Samir Yousif war mein Hauptstützpunkt im Land, von wo aus ich meine vielen Projektbesuche unternommen habe. Untergebracht war ich im großen und modernen Pfarrzentrum, das vor einigen Jahren von der ICO zusammen mit „Kirche in Not“ errichtet worden war und zweifellos das Herz dieser sehr aktiven Pfarre bildet. Im Erdgeschoss befinden sich eine Küche und ein großer Saal. Dort werden auch immer von der ICO finanzierte Lebensmittelpakete verpackt. Pfarrer Samir kann sich dabei auf ein bewährtes Team stützen, das ihm auch dabei hilft, wenn  im Rahmen der COVID-Nothilfe der ICO regelmäßig Lebensmittelpakete an bedürftige Einheimische, aber auch an zahlreiche in der Pfarre lebende syrische Kriegsflüchtlinge sowie jesidische und christliche Binnenvertriebene verteilt werden. In den kalten Wintermonaten wird hier Kerosin zum Heizen ausgegeben. Der ganze erste Stock des Pfarrzentrums wird als Kirche genutzt, da die alte Kirche schon lange nicht mehr genug Platz für alle Gläubigen geboten hat. Und im zweiten Stock befinden sich Räume für die Jugendarbeit. Dank dieses großen multi-funktionellen Gebäudes hat sich Enishke zu einem Zentrum vieler kirchlicher Aktivitäten in der ganzen Region entwickelt.

Kirchliche Schule für die ganze Region

Enishke ist schon seit längerem mit einer Wiener Pfarre durch eine von der ICO initiierte Pfarrpartnerschaft besonders verbunden. Ich freute mich deshalb, als ich bei einem Pfarrfest auch eine Reihe von Jugendlichen aus Enishke treffen konnte, die dank der Unterstützung aus Wien studieren und so eine gute Ausbildung bekommen können. Alle bisherigen Absolventen konnten trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der hohen Arbeitslosigkeit in Kurdistan einen Job finden. Aber auch die Jüngsten in Enishke profitieren von der Unterstützung: Der von der ICO errichtete und seither finanziell von ihr unterstützte Pfarrkindergarten ist hervorragend geführt, bereitet die Kinder bestens auf die Schule vor und wird vom Bürgermeister von Enishke sehr gelobt. Pfarrer Samir möchte deshalb den Kindergarten um eine zweite Etage aufstocken und einen Kleinbus einsetzen, um noch mehr Kindern aus weiter entfernt wohnenden Familien den Besuch zu ermöglichen. Doch seine Pläne gehen noch weiter – er möchte eine kirchliche Schule für die ganze Region schaffen. Außerdem schwebt ihm ein Sportplatz für die Jugendlichen vor.

Der chaldäische Kindergarten im Stadtteil Al-Nassra in Zarkho

Wichtig sind auch Projekte, die den Menschen Perspektiven erschließen, ihr Einkommen zu verdienen. Denn der nach dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein ausgelöste Wirtschaftsboom ist vorbei. Während der Rest des Landes damals in bürgerkriegsähnlichen Zuständen versank, waren die kurdischen Provinzen zunächst ein sicherer Hafen, in dem Milliarden von Dollar investiert wurden. Neue Stadtviertel entstanden, neue Ölfelder wurden erschlossen und die Infrastruktur verbessert. Nicht wenige meiner libanesischen Bekannten nahmen zu dieser Zeit Jobs in Erbil an, da sie in der eigenen Heimat keine Arbeit fanden. Die Peschmerga sorgten für Sicherheit, und so kehrten viele der ins Ausland geflohenen Kurden wieder in ihre Heimat zurück.

Anlaufstelle für Vertriebene

Aufgrund der hier herrschenden Stabilität wurde Kurdistan auch zur Anlaufstelle für Vertriebene aus dem Zentrum und dem Süden des Irak. Noch immer kommt man bei Fahrten durch das Land an vielen Lagern von jesidischen Vertriebenen vorbei, die aus Sicherheitsgründen immer noch nicht in ihre angestammte Heimat im Distrikt Sindschar zurückkehren können. Vor allem kamen auch viele Christen auf der Flucht vor den konfessionellen Auseinandersetzungen von dort in das für sie sichere Kurdistan, wo die Regionalregierung sogar ganze Dörfer für sie errichten ließ. Doch inzwischen ist der Bauboom vorbei und die Wirtschaft befindet sich auf einer Talfahrt. Einbrüche beim Ölpreis und permanente Konflikte mit der irakischen Zentralregierung waren dafür verantwortlich, dass der aufgeblähte öffentliche Sektor nicht mehr finanziert werden konnte.

Palast von Saddam Hussein

Man ist versucht, es für eine bloße Anekdote zu halten, wenn der aus Berlin gebürtige und in der Großstadt Sulaimaniyah nahe der iranischen Grenze tätige Pater Jens Petzold erzählt, dass etwa allein die kurdische Eisenbahngesellschaft mehrere tausend Beamte auf ihrer Gehaltsliste hatte – dazu muss man wissen: In ganz Kurdistan gibt keine Eisenbahn. Korruption und Günstlingswirtschaft sind an der Tagesordnung, ebenso wie Rivalitäten zwischen den kurdischen Clans. Dazu kamen dann noch die Bedrohung durch den „Islamischen Staat“ (IS) und später die Auswirkungen der Pandemie. Dies alles verstärkt den Trend zur Auswanderung. So ergab eine Umfrage des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2020, dass 30 Prozent der befragten Jugendlichen darüber nachdenken, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz außerhalb Kurdistans zu suchen. Kein Wunder also, dass sich 2021 auch sehr viele junge Kurden die vermeintliche Chance nicht entgehen lassen wollten, via Belarus in die EU zu gelangen, was mit zur Migrationskrise an der Grenze zu Polen beziehungsweise zum Baltikum führte. Zu spät erkannten sie, dass sie hier einem anderen Diktator auf dem Leim gegangen waren, und viele mussten schließlich desillusioniert zurückkehren, nachdem sie wochen- oder monatelang unter erbärmlichen Umständen in den Wäldern an der polnischen Grenze campiert hatten.

Leider verlassen auch viele Christen die Region, diese allerdings eher auf regulären Wegen, da fast jede Familie schon irgendwelche Verwandte in westlichen Ländern hat. Umso wichtiger ist es, den noch Verbliebenen Zukunftsperspektiven vor Ort zu bieten. Enishke mit dem  dynamischen Pfarrer Samir geht da mit gutem Beispiel voran. Aber auch bei meinen Besuchen in vielen anderen Dörfern in der ganzen Region war ich immer wieder beeindruckt, wie viele Projekte von der ICO hier in den vergangenen Jahren bereits erfolgreich realisiert werden konnten: Traktoren für die Landwirtschaft oder Schafe für Familien, die ausschließlich von ihren Tieren leben, wurden angeschafft und es wurden Sportplätze und Kindergärten errichtet.


Der Autor ist Projektkoordinator der Initiative Christlicher Orient.

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