Lettlands Verhältnis zu Russland

Lettland: Angst vor Russland

Die Angst in Lettland vor Russland resultiert aus den Erfahrungen während der Besatzungszeit. Ein Rundgang mit dem Freiheitskämpfer Mart-Olav Niklus durch Riga.
Das Freiheitsdenkmal in Riga
Foto: Carl-Heinz Pierk | Symbol für die Unabhängigkeit: Das Freiheitsdenkmal in Riga.

Deutlicher kann der Kontrast nicht sein: hier das farbenprächtige Schwarzhäupterhaus mit der schönsten Fassade Rigas, dort in wenigen Metern Luftlinie entfernt der dunkle kubische Bau, der an düstere Zeiten erinnert. Das Okkupationsmuseum im Zentrum der lettischen Hauptstadt dokumentiert die Zeit der sowjetischen und nationalsozialistischen Besatzungen von 1940 bis 1991. Eine Dauerausstellung beginnt mit den Auswirkungen und Folgen des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939, in dessen geheimem Zusatzprotokoll Ost- und Mitteleuropa zwischen den beiden Diktaturen aufgeteilt und Lettland dem sowjetischen Machtbereich zugeschlagen wurde. Im Anschluss an die erste sowjetische Okkupation 1940/41 wird die Präsentation chronologisch mit der nationalsozialistischen deutschen Besatzungsherrschaft von 1941 bis 1944 und dem Holocaust fortgesetzt. Einen dritten Schwerpunkt bildet die Darstellung der zweiten sowjetischen Besatzung ab 1944, die mit der Unabhängigkeitsbewegung in den 1980er Jahren ihren Abschluss findet. Zahlreichen Zeugnisse aus dem zivilen Alltagsleben, aber auch aus der Verbannung und den Lagern werden durch offizielle Dokumente und audiovisuelle Medien ergänzt.

Persönliche Begegnung mit der Vergangenheit

Für Mart-Olav Niklus ist der Besuch des Okkupationsmuseums eine persönliche Begegnung mit der Vergangenheit, mit seiner Leidenszeit im Gulag. Völlig überrascht entdeckt der heute 88 Jahre alte ehemalige Wissenschaftler aus Estland auf Fotos seinen ehemaligen Mitgefangenen, den Schriftsteller Knuts Skujenieks, sowie ein Protestplakat, auf dem seine eigene Freiheit gefordert wurde. Mart-Olav Niklus war von 1959 bis 1966 und von 1981 bis 1988 politischer Häftling in der damaligen Sowjetunion. Eingesperrt in Lagern des Gulagsystems und in Gefängnissen. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hatte sich in den 1980er Jahren wiederholt für Mart-Olav Niklus eingesetzt und seine Freilassung gefordert. Sein Schicksal wurde in Petitionen an die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) dokumentiert.

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Unterstützung für den Dissidenten kam auch aus dem Ausland: Das Estonian American National Council, die Vertretung des estnischen Exils in den USA, forderte auf einer Briefmarke die Freilassung von Niklus aus der politischen Gefangenschaft. Am 8. Juli 1988 wurde er schließlich aus der Haft entlassen und 1990 rehabilitiert. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit Estlands 1991 war Niklus von 1992 bis 1995 Abgeordneter des estnischen Parlaments. Erinnerungen an düstere Zeiten auch in der ehemaligen Leninstraße, der heutigen Freiheitsstraße. Im sogenannten „Eckhaus“ hatte der KGB im Kalten Krieg seinen Sitz, und im Keller seine Folterkammern. In den Jahren der Okkupation Lettlands wurde das Gebäude des KGB zu einem Symbol des totalitären Regimes und steht auch heute als ein Relikt der Epoche von Terror, Massenrepressionen und Genozid mitten in Riga.

Die Angst in den baltischen Staaten ist groß

Nicht nur die Vergangenheit verbindet Lettland und den großen Nachbarn im Osten. Auch in der Gegenwart ist das Verhältnis zu Russland ein ständig diskutiertes Thema, vor allem nach der Annexion der Krim und dem Überfall Russlands auf die Ukraine. In kaum einer anderen Region ist die Angst vor Russland aus historischen Gründen ähnlich stark ausgeprägt wie in den baltischen Staaten.

Als Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine wehen in Riga an zahlreichen Gebäuden die blau-gelben Flaggen, läuten um 12 Uhr mittags fünf Minuten die Kirchenglocken. In Riga wurde die Straße, in der die russische Botschaft liegt, umbenannt in „Straße der ukrainischen Unabhängigkeit“. Vor allem aber wächst die Empörung über das sowjetische Siegesdenkmal in der lettischen Hauptstadt. Der vollständige Name des Denkmals lautet „Denkmal für die Befreier von Sowjet-Lettland und Riga von den deutsch-faschistischen Invasoren“. Es wurde 1985 errichtet und besteht aus einem 79 Meter hohen Obelisken und mehreren Statuen aus Bronze.

Sie stellen Mütterchen Russland sowie eine Gruppe von drei Soldaten mit erhobenen Waffen dar. Es gab zahlreiche Versuche, das Denkmal entfernen zu lassen, da viele Letten es nicht als Symbol für den Sieg, sondern für die Wiederbesetzung Lettlands durch die Sowjets sehen. Jetzt hat das lettische Parlament mit großer Mehrheit beschlossen, dass die monumentale Skulptur bis spätestens zum 15. November abgerissen werden muss.
Vom Abriss bedroht war einst auch das imposante Freiheitsdenkmal am Eingang zur Fußgängerzone in Riga, das die Unabhängigkeit und den Nationalstolz des Landes verkörpert. Das Denkmal wurde 1935 zum Gedenken an die im Lettischen Unabhängigkeitskrieg Anfang des im 20. Jahrhundert gefallenen Soldaten errichtet. Der Sockelbereich des Denkmals versinnbildlicht die Grundelemente des Staates: Familie, geistiges Leben, Arbeit und militärische Sicherheit. Die Spitze des Monuments ziert eine Frauenstatue, die drei goldene Sterne hoch hält. Sie stehen für Lettlands drei historische Regionen Kurzeme (Kurland), Vidzeme (Zentral-Livland) und Latgale (Lettgallen).

Das Denkmal blieb auch über den Zweiten Weltkrieg und die Besatzung der Deutschen und Russen unberührt, später versuchten die Sowjets erfolglos, das Denkmal abreißen zu lassen. Doch dann, so heißt es, habe man sich besonnen und die Statue flugs zur Mutter Russlands erklärt, die ihre drei Kinder beschütze. Heute wird  das Denkmal tagsüber von einer Ehrengarde bewacht, jeden Tag werden frische Blumen an den Stufen niedergelegt.

Jeder dritte Einwohner ist russischer Herkunft

Auch wenn in den Straßen von Riga sich russische und lettische Stimmen harmonisch zu mischen scheinen:  Wie wird die Reaktion der Russen auf den Abriss des sowjetischen Denkmals sein? In Lettland ist jeder dritte Einwohner russischer Herkunft. Die meisten Russen waren in der Sowjetzeit auf Moskauer Direktive hin angesiedelt worden. Es braucht übrigens nicht viel Fantasie für ein Szenario, in dem Moskau die in Lettland lebenden Russen wie schon in der Ukraine „beschützen“ oder „befreien“ muss.

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Sichtbare Angst vor der panrussischen Ausrichtung des Kreml und vor einer drohenden Invasion ist in Riga allerdings nicht spürbar. In Gesprächen heißt es immer wieder: „Wir können uns wehren“. Ohne viel Aufhebens zu machen führte Lettland als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wieder die Wehrpflicht für Männer ein. Der baltische Staat hatte die Wehrpflicht nach seinem NATO-Beitritt 2007 abgeschafft. Seither bestehen die lettischen Streitkräfte nur noch aus Berufssoldaten, außerdem gibt es eine aus Freiwilligen gebildete Nationalgarde.

Hoffnung auf mehr Sicherheit verspricht vor allem die Norderweiterung der NATO. Als Konsequenz auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hatte sich bereits seit Monaten ein Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO abgezeichnet. Beide Länder arbeiten mit der Allianz bereits seit Jahren im Programm „Partnerschaft für den Frieden” zusammen. Bislang hatten Finnland und Schweden auf einen neutralen Status Wert gelegt. Durch die Norderweiterung sind die baltischen Staaten nun vor einem möglichen russischen Angriff besser geschützt.

Russland könnte die Baltenstaaten von der NATO abschneiden

Aktuell ist die „Suwalki-Lücke“ eine strategische Bedrohung für das Baltikum. Als „Suwalki-Lücke“ wird ein Korridor auf polnischem und litauischem Gebiet zwischen Belarus und Kaliningrad, das ehemalige ostpreußische Königsberg, bezeichnet. Mit dessen Einnahme könnte Russland die Baltenstaaten von den übrigen NATO-Ländern abschneiden. Benannt ist der Korridor nach dem polnischen Ort Suwalki. Litauen hat wegen der Sanktionen der EU im Zuge von Russlands Krieg gegen die Ukraine den Warentransit nach Kaliningrad, das für Russland von großer wirtschaftlicher wie strategischer Bedeutung ist, eingeschränkt. Eine Maßnahme, die es in anderer Form bereits gab: Ende des Jahres 1990 war Lettland die erste abfallende Sowjetrepublik, die ihre Steuerzahlungen nach Moskau einstellte und auf die sowjetischen militärischen Drohungen mit der Warnung reagierte, die in Lettland stationierten Einheiten der russischen Armee gegebenenfalls von der Versorgung mit Lebensmitteln, Strom und Wasser abzuschneiden. Dieser Widerstandsgeist wirkt auch heute noch nach.

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