Sowjetunion

Stalins Kurswechsel in der Religionspolitik

Warum der Zweite Weltkrieg für die orthodoxe Kirche Entspannung brachte, die Verfolgung der Katholiken in der Sowjetunion aber stärker wurde. Zweiter Teil einer dreiwöchigen Serie über die Situation der Katholiken in der Sowjetunion.
Sigidas Tamkevicius
Foto: Gemeinfrei | Der katholische Priester Sigidas Tamkevicius in einem Lager in Sibirien, aus dem er als letzter Priester erst im Jahr 1989 entlassen wurde.

Die Kumpanei des deutschen und des sowjetischen Diktators durch den Hitler-Stalin-Pakt, den die Außenminister Ribbentrop und Molotow Ende August 1939 ausgehandelt hatten, ermöglichte Hitler, schon am 1. September 1939 Polen anzugreifen, was Stalin in der zweiten Septemberhälfte dann ebenfalls tat. Durch den geheimen Zusatzvertrag bekam Josef Stalin Estland und Lettland, und in einem zweiten Zusatzvertrag auch Litauen. Außerdem Bessarabien und den Norden der Bukowina.

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Verfolgung der Kirche

In der Konferenz von Jalta überließ der britische Premierminister Winston Churchill Teile des östlichen Polens Stalin, die nun zu Weißrussland und der Ukraine gehörten, ebenso Bessarabien und den Norden der Bukowina. Der tschechoslowakische Präsident Eduard Beneš überließ der Sowjetunion 1945 die Karpato-Ukraine.

Stalin begann in Polen bereits 1939 und 1940 mit der Verfolgung der katholischen Kirche, die in Ostpolen und Litauen, aber auch in den anderen annektierten Gebieten bischöfliche Strukturen hatte. Hitlers Angriffskrieg im Juni 1941 setzte Stalins systematischem Vorgehen gegen die Kirche ein Ende.

Als die deutsche Wehrmacht vor Moskau stand, änderte Stalin seine Taktik: Er hatte im Baltikum Priester und Gläubige bereits 1940 nach Sibirien verschleppen und den deutschen Erzbischof von Estland, Eduard Profittlich, zum Tode verurteilen lassen. Auch in Bessarabien und in der Bukowina ordnete Stalin die Kirchenverfolgung an. Anders war dann seine Einstellung gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche, die Stalin auf seiner Seite brauchte, um Russland und die Sowjetunion zu erhalten.

Wende in Moskau

Er erlaubte wieder einen Patriarchen in Moskau, sowie Bischöfe, Priesterseminare und Klöster. Im Gegenzug unterstützte die russisch-orthodoxe Kirche die Sowjetmacht mit kirchlichen Spenden für die Rote Armee in den wieder erlaubten Kirchen. In Estland wurde die estnische orthodoxe Kirche dem Patriarchen von Moskau unterstellt, obwohl sie vom Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel die Autokephalie erhalten hatte. Ebenso stand die orthodoxe Kirche in Ostpolen wieder unter der Jurisdiktion Moskaus.

In der Ukraine wurde dann 1946 durch eine vom Staat organisierte Pseudosynode die mit Rom unierte Kirche aufgelöst. Alle ihre Bischöfe wurden verhaftet, dazu all jene Priester, die nicht freiwillig zur Orthodoxie zurückkehren wollten. Durch Verschleppung von hunderttausenden Balten, Polen und Wolgadeutschen nahm die Zahl der Gläubigen, die nicht orthodox waren, hinter dem Ural zu.

Verschleppung 

Viele Russland-Deutsche waren in den 1930er Jahren nach Kasachstan verschleppt worden. Durch die Deportierungen Stalins waren katholische Gemeinden in Zentralasien entstanden, wo es früher keine Katholiken gegeben hatte. Durch die neuen Gebiete der Sowjetunion war die Zahl der Katholiken gestiegen. Litauen hatte sogar eine katholische Mehrheit und 630 Pfarreien, mehrere Bischöfe und auch ein Priesterseminar in Kaunas. Lettland gilt bis heute als ein Land der Reformation, die Latgalen im Osten des Landes sind mit einem Viertel der Einwohner Lettlands die lebendigste Kirche, selbst in Riga. Das zeigen die 179 Pfarreien im Lande und die Tatsache, dass Riga bis 1989 die gesamte Sowjetunion (außer Litauen) betreute.

In Estland betreute ein Priester die beiden Pfarreien in Tallin (Reval) und Tartu (Dorpat). In der Ukraine gab es 93 Pfarrkirchen mit noch elf, teilweise kranken und kaum arbeitsfähigen einheimischen Priestern. Gesamt waren in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch 99 katholische Priester in der Ukraine tätig, darunter 28 aus Lettland. In Weißrussland waren 56 Priester, darunter 18 aus Lettland, für 107 Pfarreien tätig. In der Russischen Förderativen Republik gab es nur 12 Pfarreien, darunter je eine in Moskau und Leningrad.

Russlanddeutsche ins Kasachstan

Die Gemeinde in der georgischen Hauptstadt Tiflis leitete ein polnischer Priester. Die Gläubigen waren Georgier, Polen, Deutsche und aramäisch-sprachige Chaldäer. Für Moldawien betreute Riga vier Pfarreien und bemühte sich um die Seelsorge.

Hinter dem Ural waren in Kasachstan 39 Gemeinden, oft mit Russlanddeutschen entstanden. Es gab dort nur neun Priester, darunter drei Letten. Im Priesterseminar von Riga studierten zur Zeit der Perestroika acht russlanddeutsche Seminaristen. Tadschikistan hatte drei, Kirgisien nur zwei Pfarreien. Nur unter Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan und Usbekistan verzeichnete der hektographierte bescheidene Schematismus aus Riga keine Pfarreien.

Die Entstalinisierungs-Rede von Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU wird bis heute falsch interpretiert. Chruschtschow brachte Erleichterung für Gefangene in Sibirien, aber er klagte auch Stalin an, die orthodoxe Kirche gefördert zu haben. Chruschtschow ließ zwar die russische orthodoxe Kirche in den Weltkirchenrat in Genf eintreten, aber dezimierte auch die Zahl der orthodoxen Kirchen in der Sowjetunion von 20 000 auf 8 000 und ebenso sanken die Zahlen der Klöster und Priesterseminare.

Weitere Verfolgung

Die Schlussakte der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ 1975 war ein Meilenstein für die Katholiken der Sowjetunion, vergleichbar mit dem Erfolg der Charta 77 in der Tschechoslowakei. Die Rolle des Vatikans in Helsinki hat Professor Josef Rabas treffend gewürdigt. Für die zweite Nachfolgekonferenz in Madrid 1980 haben die Ackermann-Gemeinde und das „Internationale Institut für Nationalitätenrecht und Regionalismus“ auf einer Konferenz in Salzburg eine Dokumentation vorbereitet.

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Während Westeuropa vertrauensbildende Maßnahmen nur im Raketenzählen der Großmächte sah, betonte die „Salzburger Adresse“, dass trotz der von den Signatarmächten gegebenen Zusicherungen und Verpflichtungen immer noch „in manchen Staaten religiöse und kirchliche Gemeinschaften in ihrer Tätigkeit behindert, mehr und mehr eingeschränkt oder überhaupt verboten werden und dass die Bevölkerung, insbesondere die heranwachsende Generation, mit allen Mitteln durch die Machthaber atheistisch indoktriniert wird, während andere bezeugen, vor allem Religiöse, diffamiert und unterdrückt werden“.

Rolle des Papstes

In Lourdes hat Papst Johannes Paul II. am 4. August 1983 auf die Verfolgungen der Kirche hingewiesen und diese mit den Verfolgungen der ersten Jahrhunderte verglichen. Als Gorbatschow am 1. Dezember 1989 in der Audienz in Rom bei Papst Johannes Paul II. war, soll er dem Papst gesagt haben: „Ohne Sie wäre das alles nicht gewesen, was wir heute erleben.“

Es war ein langer Weg nach der Auflösung der Sowjetunion und der Auferstehung der Kirche in Russland, das heute mit dem Segen seines Moskauer Patriarchen Krieg führt mit anderen Orthodoxen, mit Katholiken und anderen Konfessionen.

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