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Kai Wegner macht auf Wowereit, der Gegner von Merz heißt Pistorius

Auch in der Sommerpause gehen die Machtspielchen in der Union weiter. Und in der SPD wächst ein neuer Star heran: der Verteidigungsminister.
Kai Wegner steht bei der 45. Berlin Pride-Parade zum Christopher Street Day (CSD) auf einem Wagen.
Foto: Fabian Sommer (dpa) | Kai Wegner (CDU), Regierender Bürgermeister von Berlin, steht bei der 45. Berlin Pride-Parade zum Christopher Street Day (CSD) auf einem Wagen.

Wenn man nur die letzten Jahre in der Geschichte der CDU kennen würde, könnte man denken, die Union tue das, was sie immer tut: Sie streitet mit sich selbst. Hendrik Wüst hält sich zwar in letzter Zeit mit Sticheleien gegen Friedrich Merz zurück. Aber das Duell ist noch lange nicht beendet. Wirklich inhaltliche Positionen sind dabei nur so etwas wie Schutzschilder, die die auf sich einschlagenden schwarzen Ritter ab und an vor sich halten, um die Schläge des Gegners besser von sich abwehren zu können. Die eigentliche Essenz dieser Auseinandersetzung ist aber der bloße Kampf um die Spitze in der Partei. Wer wird Kalif anstelle des Kalifen – das ist die Frage, die Herausforderer wie Amtsinhaber wirklich umzutreiben scheint.

Freilich sind die zwei nicht die einzigen Protagonisten auf dem Turnierfeld. Im Hintergrund zieht Ritter Markus seine Runden, bereit, wenn es denn nötig werden sollte, mit seiner weiß-blauen Lanze zwischen die beiden Streithähne zu fahren. Und für Ordnung zu sorgen.

Einst galt Wegner als harter Knochen

Jetzt ist aber auch noch ein Knappe auf der Bühne erschienen: Kai Wegner, der Regierende Bürgermeister von Berlin. Der stänkert nun ganz deutlich gegen Merz: Bei der Kür des Kanzlerkandidaten, bemerkte er spitz, solle Merz zwar gehört werden. Aber entscheiden sollten die Chefs der Landesverbände. Was steckt dahinter? Wegner glaubt ganz offensichtlich, dass er sein Image ändern muss. Das Rollenmodell dafür ist nicht mehr sein alter politischer Ziehvater, Heinrich Lummer, einst der Inbegriff von „Law an Order“, sondern Klaus Wowereit. Seinen Auftritt beim diesjährigen Christopher Street Day in der Hauptstadt hat Wegner geradezu zelebriert. Eigentlich kann es nur noch Tage dauern, bis er den Satz zitiert, der vom „Partymeister“ am meisten in Erinnerung geblieben ist: „Berlin ist arm, aber sexy.“   

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Dabei galt Wegner – hier ist das Imperfekt tatsächlich wichtig – einmal als durchaus harter Knochen, ja als so etwas wie ein junger Vertreter der Stahlhelm-Fraktion. Dafür wurde er bei denen, die von der Union als der „liberalen Großstadtpartei“ träumen, immer etwas belächelt.  Sein Ruf als „schwarzer Sheriff“ hat Wegner jedenfalls dabei geholfen, mit der CDU die Wahl zu gewinnen. Für viele Hauptstadt-Bewohner, die gewohnt sind, dass ständig Autos in Flammen aufgehen, die Mai-Krawalle die Stadt lahmlegen oder irgendwo die „Letzte Generation“ festklebt, war die Wegner-CDU eine letzte Hoffnung für eine Sicherheitswende. Die ist endgültig erschüttert. Die CDU hat noch nicht einmal den Posten des Innensenators übernommen. Wegner müsste eigentlich genug damit zu haben, die Wogen zu glätten, stattdessen aber flüchtet er lieber in die Machtstreitigkeiten und die rosa Glitzerwelt. 

Mit Haudegen-Image Sympathien erweckt

Dabei zeigt ausgerechnet die SPD gerade, dass man mit einem gewissen Haudegen-Image Sympathien in der Bevölkerung finden kann: Boris Pistorius belegt seit Wochen Spitzenplätze in den Politiker-Rankings. Der Bundesverteidigungsminister überzeugt durch sein Führungsstärke, er kommt schneidig daher, ohne zu überziehen. Es ist aber ja auch nicht schwierig, im Vergleich zu Bundeskanzler Olaf Scholz schneidig zu wirken.

Trotzdem: In Pistorius wächst Scholz durchaus ein Konkurrent heran. Zumal der ehemalige niedersächsische Innenminister für eine Facette des SPD-Wahlkampf-Slogans steht, die der Bundeskanzler überhaupt nicht abdeckt: Respekt – unter dieser Flagge hatte Scholz die Bundestagswahl gewonnen. Dabei geht es aber nicht nur um materielle Sicherheit. Der durchschnittliche Facharbeiter mit seiner Familie – früher einmal Kernklientel der Sozis – hat nicht nur Angst vor sozialem Abstieg, er will auch mehr innere Sicherheit. Kurz: Friedrich Merz müsste mal überlegen, ob da nicht ein Konkurrent an ganz unerwarteter Stelle heranwächst, der ihm unter Umständen viel gefährlicher werden könnte als Wüst & Co.

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