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Juncker warnt vor Rechtsruck in EU

Jahrzehntelang war Jean-Claude Juncker eine Schlüsselfigur der EU, zuletzt als Kommissionspräsident. Nun analysiert er im „Tagespost“-Exklusiv-Interview Wladimir Putin, Donald Trump und Xi Jinping, parliert über Naivität, Schwächen und Visionen der Politik.
Jean-Claude Juncker im Interview
Foto: Zheng Huansong via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Heute weiß Jean-Claude Juncker, wie gefährlich der Mann im Kreml ist: „Man muss jedem Schritt von Putin eine Gegenbewegung entgegenstellen und jedem Satz von Putin eine Gegenrede."

Eigentlich ist Jean-Claude Juncker Pensionist, aber einfach so auf einen Kaffee vorbeikommen, das geht immer noch nicht. Sein Büro befindet sich im gut gesicherten 8. Stock des „Berlaymont“, des Hauptquartiers der EU-Kommission in Brüssel. Da braucht man einen Termin und einen „Visiteur“-Ausweis, um durch lange, schmucklose, fast menschenleere Gänge geführt, bei der freundlich-hilfsbereiten Bürochefin zu landen.

Ja, eigentlich ist Jean-Claude Juncker Pensionist, aber er hat noch immer viele Termine, ist bestens und detailreich informiert – und noch immer der alte Fuchs, der den doppelten Boden einer Frage wittert und eloquent pariert. Jahrzehntelang hat er die europäische Politik geprägt, als Ministerpräsident des kleinen Luxemburgs mit den Granden Europas gespielt, als EU-Kommissionspräsident (2014 bis 2019) mit den Großen der Welt gerungen. 

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Juncker ist bestens vorbereitet, erkundigt sich nach der Auflage der „Tagespost“, plaudert vertraut über kleine Laster und große Ideen. Ein Mann mit Humor, auch viel Selbstironie, aber immer hochkonzentriert. Das unaufgeräumte Bücherregal hinter ihm beweist den Intelletuellen, der ebensolche Schreibtisch vor ihm den unermüdlichen Arbeiter. Da sitzt keiner, der sich auf seinem Lorbeer ausruht, sondern ein Macher, der weiter um Rat gefragt werden und Ratschläge austeilen kann.

Warum ein russischer Diktatfriede keine Option ist

Ob der Westen – und damit er selbst – gegenüber Putin allzu naiv war? „Es sah lange so aus, als ob Putin auf die Annäherung zwischen der EU und Moskau setzen würde. Das ist dann schiefgegangen, ab 2008. Insofern waren wir naiv, weil wir ihn nicht für fähig hielten, das zu tun, was er jetzt in der Ukraine tut“, antwortet Juncker. Nachsatz: „Wenn ich als Kommissionspräsident nur mit lupenreinen Demokraten geredet hätte, dann hätte ich am Dienstagabend die Türe schließen, nach Luxemburg fahren und mit meiner Frau Karten spielen können.“

Jean-Claude Juncker beim Interview-Termin mit Außenpolitik-Ressortleiter Stephan Baier
Foto: Montgelas | Fürs abschließende Foto tauscht der frühere Kommissionspräsident den Pullover gegen ein dunkles Sakko. „Soll ich eine Krawatte umbinden?“, fragt er, und winkt gleich selber ab.

Heute weiß er, wie gefährlich der Mann im Kreml ist: „Man muss jedem Schritt von Putin eine Gegenbewegung entgegenstellen und jedem Satz von Putin eine Gegenrede. Wir müssen, Punkt für Punkt, die Widerrede zum normalen Umgang mit Russland machen.“ Einen russischen „Diktatfrieden“ dürfe es in der Ukraine nicht geben. „Die Waffenhilfe für die Ukraine ist notwendig“, sagt Juncker, aber „nicht stark genug, um Putin auf Dauer zu beeindrucken“. Und weiter geht es nach Nahost, in den pazisischen Raum und nach China. Der dynamische Polit-Pensionist hat die aktuellste Debatte im Blick, klare Ansichten parat und ein paar Vorschläge im Köcher.

Mahnworte an die europäischen Wähler

Kleine Seitenhiebe auf Donald Trump, seinen alten Widersacher Viktor Orbán und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die er keinesfalls in der christdemokratischen Parteienfamilie EVP sehen will. So etwas rutscht einem Juncker nicht einfach heraus, sondern ist gezielt platziert. Mit Blick auf die Europawahl am 9. Juni redet er sich scheinbar in Rage: „Der einzelne Wähler macht sich schuldig, wenn er extrem rechts wählt.“ Jeder einzelne Bürger sei verantwortlich für das Gesamte.

Fürs abschließende Foto tauscht der frühere Kommissionspräsident den Pullover gegen ein dunkles Sakko. „Soll ich eine Krawatte umbinden?“, fragt er, und winkt gleich selber ab. 80 Minuten nach dem ersten Händedruck folgt ein zweiter, ebenso freundlich und vergnügt. Jean-Claude Juncker hat noch einen wichtigen Folgetermin.

Lesen Sie das ausführliche Interview in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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