„Dort sterben sie wie die Fliegen, bis zu 35 am Tag“, schrieb ein Augenzeuge über die Typhus- und Fleckfieberepidemie, die im Konzentrationslager Dachau in den Monaten vor der Befreiung grassierte. „LKW mit Stapeln von Leichen. Da liegen sie, nackte Körper, Körper sind sie nicht, aber Knochen mit Leder überzogen, Arme, Köpfe und Beine hängen über den Rand des Wagens. Mit offenem Mund, Zunge hängt heraus und Augen starren in die leere Luft, als ob sie fragen, warum? Warum genau soll ich sterben? Warum konnte ich nicht wie die anderen leben? Wer ist so mächtig, dass er wegnehmen kann mein Recht zu leben? Bin ich nicht ein Mensch? Nein, Kumpel, du bist nicht Mensch, sind wir keine Menschen in diesem Draht. Gefangene sind wir, Häftlinge, ohne Rechte und Forderungen, dazu verdammt, in unserem eigenen Dreck umzukommen, getrennt von der Menschheit, Arbeitsmaschinen, die so lange verwendet werden, wie es nötig ist – und danach? Was willst du mit dem Abfall tun? […] Sic transit gloria mundi.“ Unter den vielen Toten war auch der französische Priester Pierre de Porcaro, dessen Lagerkarte den Stempel vom 12. März 1945 als Todesdatum trägt.
Pierre de Porcaro wurde am 10. August 1904 im bretonischen Dinan als Sohn eines Militärs geboren. Er trat mit 21 Jahren in das Priesterseminar von Versailles ein und empfing 1923 die Priesterweihe. Anschließend unterrichtete er am Knabenseminar von Versailles und war ab 1935 Pfarrer der Gemeinde Saint-Germain-en-Laye bei Paris. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Pierre de Porcaro ins Militär eingezogen. Am 23. Juni 1940 geriet er in den Vogesen in deutsche Gefangenschaft und wurde zunächst im elsässischen Colmar interniert.
„Alles, auch den Tod”
Nach anschließenden Aufenthalten in Kriegsgefangenenlagern bei Ludwigsburg und in der Nähe des hessischen Kurortes Bad Orb wurde er am 3. August 1941 entlassen und konnte in seine Pfarrei Saint-Germain-en-Laye zurückkehren. 1943 erreichte ihn ein Brief seines Bischofs, der ihn bat, nach Deutschland zu gehen, um dort im Untergrund in der Seelsorge für französische Zwangsarbeiter tätig zu werden. Pierre de Porcaros Antwort lautete: „Egoistischerweise würde ich lieber hierbleiben. Aber dies ist ein Ruf des Kreuzes, und jedes Kreuz hat seine Gnade: Wenn es der Gnade bedarf, es zu tragen, dann wird der Herr das Wunder vollbringen.“ Er stimmte daher der gefährlichen Mission zu: „Ich nehme alles auf mich – alles, auch den Tod, den Tod in einem fremden Land, fern von allem, fern von jedem“, und fügte hinzu: „Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg, denn ich bin innerlich sehr ruhig, ich verspüre großen Frieden und irgendwie eine höhere Freude.“
So arbeitete Pierre de Porcaro in Dresden in einer Kartonfabrik, während er insgeheim als Seelsorger für die französischen Zwangsarbeiter tätig war, heimlich die Messe feierte und die Sakramente spendete und ihnen geistlichen Beistand gab. Zu einem sagte er: „Gott, der das Kreuz schafft, schafft auch die Schulter, um es zu tragen.“ Schon bald warteten Verrat und Kreuz auch auf ihn: Ein Landsmann verriet den Priester und seine heimliche Arbeit, woraufhin Pierre de Porcaro im September 1944 von der Gestapo festgenommen, in das Konzentrationslager Dachau transportiert und im dortigen „Pfarrerblock“ inhaftiert wurde.
Dort versuchte er weiterhin, Mitgefangenen beizustehen, trotz Kälte, Hunger und Misshandlungen. Hinzu kamen die auch aufgrund der Überbelegung des Lagers katastrophalen hygienischen Verhältnisse, eine Brutstätte für Ungeziefer aller Art, das Krankheiten übertrug. Insbesondere grassierte das Fleckfieber, auch „Läuse-Typhus“ genannt, ausgelöst durch den Kot von Läusen, der zu Juckreiz führt und in aufgekratzten Wunden tödliche Infektionen hervorruft. „Typhus tobt, es ist ein Horror“, beschrieb der oben erwähnte Augenzeuge diese furchtbare Epidemie, an der auch Pierre de Porcaro wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers zugrunde ging.
Nach dem Krieg wurde das Priesterseminar in Versailles nach Pierre de Porcaro benannt und eine Statue von ihm in Saint-Germain-en-Laye errichtet. Er gehört zu den 50 Märtyrern, die am vergangenen 13. Dezember im Auftrag von Papst Leo XIV. in Paris seliggesprochen wurden.
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