Mit dem neuen Schuljahr startet in Niedersachsen ein neues Schulfach: „Christlicher Religionsunterricht“. Wird Religion gemeinhin nach Konfessionen getrennt unterrichtet, haben sich hier die katholische und die evangelische Kirche für einen anderen Weg entschieden. Das neue Fach, das von der ersten bis zur zehnten Klasse erteilt wird und auch für konfessionslose Kinder offen sein soll, wird schrittweise eingeführt. Der Lehrplan ist von den in Niedersachsen vertretenen evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern entwickelt worden. Zuletzt wurden Teile bisheriger Lehrplanentwürfe in der Öffentlichkeit kritisch diskutiert. Der Tenor dabei: Die eigentlichen religiösen Inhalte drohten von gesellschaftspolitischen Themen dominiert zu werden.
„Die Tagespost“ hat nun bei Experten nachgefragt, wie sie das neue Unterrichtsfach bewerten. Andreas Kubik-Boltres ist Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Osnabrück: „Der Lehrplanentwurf für den ‚Christlichen Religionsunterricht‘ in Niedersachsen liegt aus fachlicher Perspektive vollkommen auf der Linie der neueren evangelischen und katholischen religionspädagogischen Theoriebildung. Ich habe im Rahmen des laufenden Anhörungsverfahrens keinerlei kritische Einwände gegen den Lehrplanentwurf erhoben. Wenn der Lehrplan in Kraft tritt, werde ich mit Freuden in Osnabrück Studierende für den entsprechenden Unterricht ausbilden“, erklärt der evangelische Theologe gegenüber dieser Zeitung.
„Der Religionsunterricht steckt seit längerer Zeit in einer Krise"
„Ehrfurcht vor Gott“ heißt das Buch, mit dem Klaus Zierer und Thomas Gottfried 2024 Aufsehen erregt haben. Das ist auch nicht verwunderlich bei ihrer Grundthese: In genau dieser „Ehrfurcht vor Gott“ erkennen die zwei nämlich „das wichtigste Bildungsziel einer modernen Gesellschaft“. Zierer, der als Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg lehrt und sich immer wieder zu aktuellen Fragen äußert (gerade erschien von ihm zusammen mit Mathias Brodkorb ein Buch über die „Tyrannei der Gleichheit“), wie auch Gottfried, der selbst katholischer Religionslehrer ist und jetzt ebenfalls in Augsburg lehrt, haben auch eine Position zu dem neuen niedersächsischen Schulfach. „Wenn wir ehrlich sind, steckt der Religionsunterricht seit längerer Zeit in einer Krise – ebenso wie die Kirche. Anstelle von Profilverlusten durch ein überkonfessionelles Angebot, das dem Zeitgeist und damit gewiss nicht religiösen, sondern vordergründigen unterrichtsorganisatorischen Motiven folgt, halten wir eine konfessionelle Profilierung aus erziehungswissenschaftlicher Sicht für bildungswirksamer. Insofern zeigen die aktuellen Debatten um das neue Fach ‚Christlicher Religionsunterricht‘ auch die Probleme eines konfessionsübergreifenden Unterrichts“, erklären sie gegenüber dieser Zeitung.
„Selbst wenn es viele Überschneidungen zwischen christlichen Konfessionen gibt, bleibt doch jede für sich im Glaubensleben (Gemeinde, Gottesdienste, Rituale und Traditionen) grundsätzlich eigenständig. Diese konfessionelle Eigenständigkeit verliert sich zwar in einer Zusammenlegung nicht völlig, aber durch die Konzentration auf die übergreifenden Inhalte doch die Tiefe in der jeweiligen Auseinandersetzung der konfessionell unterschiedlich sozialisierten Schüler mit den spezifischen Inhalten“, betonen Zierer und Gottfried.
Gefahr der fehlenden Tiefe
Ihre Schlussfolgerung: „Zum Beispiel können konfessionsspezifische Unterschiede, wie sie gerade bei den Sakramenten (zum Beispiel Abendmahl und Eucharistie) noch in hohem Maße gegeben sind, weniger verstanden und dadurch der Zugang zum Beispiel zum Gottesdienstbesuch erschwert werden. Glaubenlernen im Religionsunterricht würde sich damit vom Glaubenlernen in der jeweiligen Gemeinde immer weiter entfernen und sozusagen zu einer religionsbiografischen Schizophrenie führen. Da Glaubensfragen existenzielle Fragen sind, sehen wir die Gefahr, dass durch diese fehlende Tiefe der Weg zum Glauben, der religiöse Identität ermöglicht, für die jungen Menschen eher verschlossen als geöffnet wird. Vielfalt kann in diesem Kontext erst zur Chance werden, wenn eine Heimat gefunden worden ist, sodass Christlicher Religionsunterricht gegebenenfalls in der gymnasialen Oberstufe oder in den beruflichen Schulen eine pädagogisch sinnvolle Alternative sein kann.“
Auch Ulrich Hemel hat eine Position zu dem neuen Fach. Der 69-Jährige, viele Jahre Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer, jetzt dort Ehrenvorsitzender, ist seit 2023 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Katholische Schulen in Deutschland e. V., die 904 Schulen in katholischer Trägerschaft vertritt. Hemel ist zudem habilitierter Religionspädagoge und lehrte bis zu seinem Ruhestand als Professor an der Universität Regensburg. Religionsunterricht besitze, so betont Hemel, Verfassungsrang. Mathematik könnten die Kultusminister abschaffen, den Religionsunterricht nicht. Früher, so erläutert Hemel, habe der Unterschied zwischen „katholisch“ und „evangelisch“ bestanden, heute „mehr und mehr“ zwischen „säkular“ und „religiös verankert“. „In Niedersachsen sind nur noch 14,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler katholisch, rund 11.000 pro Jahrgang. Und es werden noch weniger, denn jährlich haben wir nur knapp 8.000 Taufen in den drei Diözesen des Bundeslandes“, beschreibt er die Situation.
Kaum noch genügend Schüler für katholischen Religionsunterricht
Für den reinen katholischen Religionsunterricht gäbe es daher schlicht oft nicht mehr genug Schüler, die Mindestzahl liege bei zwölf. „Genau das ist der Hintergrund des neuen ‚Christlichen Religionsunterricht‘ in Niedersachsen. Hier haben sich die römisch-katholische Kirche, die evangelisch-lutherische und die evangelisch-reformierte Kirchen zusammengetan, um überhaupt ein Angebot zum schulischen Religionsunterricht gewährleisten zu können. Das dürfen sie auch, weil die Kirchen für die Inhalte des Religionsunterrichts Verantwortung tragen. Und sie können es, weil in den letzten 25 Jahren Vertrauen unter diesen Kirchen gewachsen ist.“ Und was soll das neue Fach vermitteln? „Guter Religionsunterricht befähigt junge Menschen zum Nachdenken über sich selbst und ihr Leben. Und er bietet ihnen die Chance zur religiösen Identifikation mit ihrer eigenen Tradition. Dazu gehört religiöse Sprachfähigkeit. Und zur Sprache gehören Wörter und gehört auch der praktische Sprachgebrauch. Im expliziten ‚Erlernen des religiösen Wortschatzes‘ kann und sollte im Lehrplan noch nachgeschärft werden“, so der Religionspädagoge.
In der Printausgabe erschien am 19. März ein Artikel zu diesem Thema, der mehrere sachliche Fehler enthielt, unter anderem falsche Zitate. Vor allem Professor Andreas Kubik-Boltres (Universität Osnabrück) wurde mit Äußerungen zitiert, die nicht von ihm stammen und die seiner Meinung nicht entsprechen. Der journalistischen Sorgfaltspflicht, der die „Die Tagespost“ verpflichtet ist, wurde in diesem Einzelfall nicht genügt. Dafür bitten wir ausdrücklich um Entschuldigung.
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