Als er am Sonntagabend vor seine jubelnden Wahlanhänger trat, gab Gordon Schnieder erst einmal seiner Frau Diane einen Kuss und überreichte ihr dann einen Blumenstrauß. Was auf den ersten Blick wie eine völlig normale Geste wirkt, ist mittlerweile doch schon eine politische Botschaft.
Zum Vergleich schaue man am gleichen Abend in die bayerische Landeshauptstadt München: Dort gab auch der Wahlsieger seinem Lebenspartner einen Kuss. Aber es waren hier nicht Ehemann und Ehefrau, sondern ein Mann und sein Verlobter: Der Grüne Dominik Krause, der sich selbst „Bürgaymeister“ nennt, hatte dort das Rathaus erobert. Nun wäre Schnieder wohl der Letzte, der diese beiden unterschiedlichen Formen der Wahlgratulation kulturkämpferisch ausschlachten wollte. Aber gerade deswegen kommt beiden Szenen eine symbolische Bedeutung zu.
Wie Schnieder über seinen Glauben spricht
Während Schnieder aus einer Selbstverständlichkeit heraus handelt, einfach das tut, was er als Ehemann für geboten hält, hat die Szene in München von Beginn an eine politische Dramaturgie. Ist der Mainzer Kuss im besten Sinne bieder, zielt der Münchner darauf ab, als Symbolbild in das Fotoalbum der LGBTQ-Bewegung eingeklebt zu werden. Aber genau diese ständige Überlagerung auch privatester Gesten mit politisch-ideologischen Botschaften geht zunehmend vielen Menschen auf die Nerven. Und das liegt nicht an einer latenten Homophobie oder gar mangelnder Sensibilität gegenüber notwendigen Maßnahmen gegen Diskriminierung, es ist die Diskrepanz zur eigenen Lebenswirklichkeit: Man lebt längst nach dem Motto, jeder solle nach seiner Façon selig werden, folgt im Übrigen aber völlig freiwillig in seinem Alltag dem klassischen Lebensstil, zu dem auch Vater, Mutter, Kinder gehören. Zusätzliche Belehrungen erscheinen hier daher als übergriffig.
Der Wahlsieg des 50-jährigen Schnieder ist deswegen auch Ausdruck einer Sehnsucht nach Solidität und Normalität. Aber nicht kulturkämpferisch aufgeladen im Sinne des AfD-Wahlslogans „Deutschland, aber normal“, sondern als Selbstverständlichkeit.
So hat Schnieder auch seinen Wahlkampf geführt, landespolitisch und auf Sachthemen, vor allem Bildung, konzentriert. Und so spricht der Katholik, der zusammen mit Frau, Kindern und der Mutter in einem Drei-Generationen-Haushalt in seinem Elternhaus in einem Eifel-Dorf lebt, auch über seinen Glauben: Es sei selbstverständlich, dass man vor dem Essen und Schlafengehen bete. So ist es eben einfach. „Bieder“, so kann man im Wörterbuch lesen, bedeute „rechtschaffen“. Wenn nun manche Beobachter Gordon Schnieder als Biedermann bezeichnen, er sollte es als Lob verstehen
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