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Bischof der Wende

Joachim Wanke war als Oberhirte von Erfurt an der friedlichen Revolution in der DDR maßgeblich beteiligt. Nun ist er im Alter von 85 Jahren verstorben. Ein Nachruf.
Bischof Joachim Wanke
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Prägendes Gesicht der Kirche in der DDR: Der verstorbene Erfurter Altbischof Joachim Wanke.

Joachim Wanke war unser letzter Erfurter Bischof in der DDR und unser erster Bischof des Bistums Erfurt im wiedervereinigten Deutschland. Sein Tod am 12. März 2026 hat uns sehr betroffen gemacht – ein Verlust und eine Trauer, die tief in der Seele nachhallen. Aber ich blicke auch mit großer Dankbarkeit auf einen großartigen Mann, dem wir in Deutschland so viel zu verdanken haben. Seine klare Haltung und seine Fähigkeit, unsere Gefühle ins Wort zu heben, haben vielen Christen Ostdeutschlands in schwierigen Zeiten sowohl in der DDR als auch während und nach der Wiedervereinigung Deutschlands Mut und Zuversicht gegeben. Er war für viele Engagierte in der friedlichen Revolution ein Hoffnungsträger – der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort!

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Die katholische Kirche in der DDR praktizierte nach 1949 von Anfang an unter der Prämisse einer „konsequenten Trennung von Staat und Kirche“ eine in vielen Angelegenheiten nützliche und unabhängige Stellung zum „realsozialistischen“ DDR-Staat. In verschiedenen Lebensbereichen begab sich die Kirche dadurch in eine Außenseiterrolle. Das führte besonders für katholische Christen in Ostdeutschland, die im und mit dem DDR-Staat leben mussten, zu Konflikten, die Joachim Wanke hautnah miterlebte.

Schon als junger Priester prägte Bischof Wanke in der Pastoralsynode der katholischen Kirche der DDR (1973–1975) mit seinen Ansichten die notwendige Öffnung der Kirche als „Raum der Solidarität für die (ganze) Gesellschaft“. Umso mehr wirkte er als Bischof einer Mentalität der kirchlichen „Einigelung“ und der „Überwinterung“ im „Warten auf bessere Zeiten“ entgegen.

So setzte sich Bischof Wanke in der Berliner Bischofskonferenz der DDR gegen große Skepsis dafür ein, dass sich die katholische Kirche in der DDR dem konziliaren Prozess des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) anschließen sollte. Die Berliner Bischofskonferenz hatte sich zuvor Zurückhaltung auferlegt. Ab 1988 schloss sich auch die katholische Kirche der DDR dank des Wirkens von Bischof Wanke im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in der DDR offiziell dieser Bewegung an.

Dieser Schulterschluss mit den evangelischen Landeskirchen galt als prägend und wurde mit großer Freude von den Gläubigen aufgenommen. Er bündelte die christlichen Kräfte in der DDR kurz vor der Friedlichen Revolution und förderte das freie Wort innerhalb der Kirche. Bald bildeten sich vor Ort in den katholischen Ortsgemeinden des Bistums Arbeitsgruppen, die dieses Thema mit großem Eifer bearbeiteten. Diese Arbeitsgruppen waren der „Nukleus“ vieler Bürgerbewegter aus der katholischen Kirche.

Bischof Wanke ermunterte uns im Sommer 1989, die Bürgerbewegungen, die allerorts zaghaft entstanden, aktiv zu begleiten. In Erfurt entstand daher ein starker Verband der Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“ (DA). Neben vielen aus der evangelischen Kirche beteiligten sich in Erfurt auch viele Katholiken an der friedlichen Revolution. Unter anderem brachte Bischof Wanke uns mit Lehrenden des „Katholisch-Philosophischen Studiums“ in Erfurt, der zentralen Ausbildungsstätte der katholischen Priester der DDR, zusammen. Mit dem Professor für Moraltheologie Wilhelm Ernst haben wir das Einmaleins der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit durchdekliniert und uns dadurch programmatisch fit gemacht. Deshalb konnten wir das Programm des DA auch mit starken inhaltlichen Beiträgen mitgestalten.

Er erhob auch die Forderung nach Reformen

Als Meilenstein und einer der wichtigsten kirchlichen Impulse kurz vor dem eigentlichen Ausbruch der Friedlichen Revolution in der DDR gilt die Predigt, die Bischof Wanke am 17. September 1989 zur Bistumswallfahrt in Erfurt gehalten hat. In einer Atmosphäre, die von Massenflucht über Ungarn und tiefer Resignation der DDR-Bürger geprägt war, schaffte Bischof Wanke den Spagat zwischen seelsorglichem Trost und gesellschaftlicher Kritik. Er betonte, dass Christen die Aufgabe hätten, „in die Gesellschaft hineinzuwirken“. Kirche dürfe „kein Rückzugsort für Weltflucht“ sein, sondern „sie trage Verantwortung für das Hier und Jetzt“. Eine der bewegendsten Fragen für viele DDR-Bürger im Jahr 1989 war die Frage: Gehen wir oder bleiben? Wanke äußerte Verständnis für die, die das Land verlassen wollten. Gleichzeitig rief er dazu auf, „die Hoffnung nicht auswandern zu lassen“. Wir sollten „das Bleiben wieder lebenswert“ machen. Er erhob auch die Forderung nach Reformen. So erinnere ich mich an einen Satz des Bischofs im letzten Teil seiner Predigt etwa sinngemäß: „Wo immer ich Missständen begegne, Unehrlichkeit in der Gesellschaft spüre und gesellschaftliche Probleme angesprochen werden müssen, werde ich mein Wort erheben.“ Danach brandete ein großer Beifall unter den etwa 15.000 Gläubigen über den Domplatz in Erfurt auf. Er mahnte auch zur Besonnenheit und rief dazu auf, dass wir uns als Christen einmischen sollten, „damit die Welt nicht schal wird“.

In den DDR-Medien wurden die Probleme der Gesellschaft totgeschwiegen. Bischof Wanke gelang es, dem Unmut der Menschen im religiösen Rahmen eine Stimme zu geben. Der Domplatz in Erfurt war auch der Ort, wo sich Christen und Nichtchristen nach den Friedensgebeten aus den verschiedenen Kirchen der Stadt versammelten. Die katholische Kirche stellte dafür die Lautsprecheranlage des Domes zur Verfügung, die zu den Wallfahrten genutzt wurde. Dadurch konnten die Sprecher der verschiedenen Bürgerbewegungen ihre Forderungen zu den Montagsdemos, die in Erfurt wegen der Friedensgebete donnerstags stattfanden, laut artikulieren.

Mit Humor und Optimismus

Bischof Wanke war auch im Prozess der Wiedervereinigung und des Aufbaues des jungen Freistaates Thüringen sehr präsent. Regelmäßig trafen wir uns bei Professor Wilhelm Ernst, der uns im Auftrag von Bischof Wanke begleitete. Ebenso wurden alle katholischen Politiker über Parteigrenzen hinweg zu gemeinsamen Begegnungen mit der Kirche und dem Bischof eingeladen.

Der Bischof verlor nie seinen Humor. An zwei fröhliche Sprachbilder des Bischofs erinnere ich mich, als er im dritten Jahr der Wiedervereinigung als Festredner eingeladen war. Er machte uns Mut, die Probleme des Aufbaues des Freistaates Thüringen und die neuen Herausforderungen beherzt anzugehen. Er verglich es mit einem Jungen, der mutig über einen Bach springen sollte, um auf dem Weg voranzukommen. Der Junge getraute sich nicht, über den Bach zu springen, weil der Bach zu breit für einen Sprung schien. So warf der Junge erst mal seine Mütze über den Bach, damit er hinterherspringen musste, um die Mütze wiederzuerlangen. „Wir sollten nun überlegen, was wir voranwerfen, damit wir den Weg beherzt weitergehen könnten.“

Die zweite Anekdote war die Anfrage von einem Mitbruder aus den sogenannten alten Bundesländern kurz nach der Wiedervereinigung: „Na, jetzt habt Ihr Eure Probleme doch nicht mehr?“ – Daraufhin sagte Bischof Wanke: „Nein, unsere Probleme haben wir jetzt nicht mehr. Wir haben jetzt eure Probleme!“

So begleitete uns Bischof Wanke mit Humor und Optimismus beim Aufbau des Freistaates Thüringen. Seine Rolle bei der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung bleibt unvergessen. Er hat darüber hinaus unermüdlich dazu beigetragen, seinem Anliegen gerecht zu werden, auch den „religiösen Grundwasserspiegel“ in Thüringen anzuheben. Möge er nun dort sein, wo er uns zuschauen kann, und im Reich Gottes so leben, wie es sein Glaube ihm gelehrt hat.


Der Autor gestaltete als engagierter Katholik seit 1988 die von den Kirchen ausgehende Phase der friedlichen Revolution in der DDR mit. Er gehörte zu den Mitbegründern der Partei Demokratischer Aufbruch (DA) und war 10 Jahre Minister in Thüringen.

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