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Wie beten Sie, Herr Bischof?

Das Gebet ist für den Würzburger Bischof Franz Jung das Wichtigste im christlichen Leben. In seinem Gastbeitrag gibt er Einblick in seine persönliche Gebetspraxis.
Der Würzburger Bischof Franz Jung
Foto: IMAGO / Future Image | Sein Tag beginnt am frühen Morgen mit zwanzig Minuten stillem Gebet – noch vor dem Checken der Mails und dem Blick in die Nachrichten: der Würzburger Bischof Franz Jung.

Danke für die Frage – zugegeben, eine sehr persönliche Frage. Aber ich sage oft, dass wir momentan über das Wichtigste im christlichen Leben nicht sprechen. Und das ist fatal. Weder in der theologischen Wissenschaft noch bei den Diskussionen um eine innere, geistliche Erneuerung der Kirche spielt das Gebet eine Rolle. Dabei erwächst jede echte Erneuerung im geistlichen Leben des Einzelnen wie im Leben der Kirche aus der Kraft des Gebets.

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Meine schönsten Begegnungen als Bischof habe ich bei den Wochenenden, an denen ich mich mit den Gläubigen über das Gebet unterhalte und wir gemeinsam das kontemplative Beten einüben. Selten werden Gespräche so persönlich und selten gelangen wir in kürzester Zeit in eine solche Tiefe. Wenn ich nun als Bischof gefragt werde, wie ich bete, dann unterscheide ich zum einen den Bischof mit seinen amtlichen Aufgaben vom Menschen Franz Jung, auch wenn man beides natürlich nie voneinander trennen kann, zumal man als geweihter Amtsträger gerade versprochen hat, beides in eins zu bringen.

Amtliches Beten und persönliches Beten

Dennoch gibt es das amtliche Beten des Bischofs, der sich zum Tagzeitengebet verpflichtet hat und die Eucharistie feiert mit den Gläubigen seines Bistums zu den unterschiedlichsten Zeiten und Anlässen. Aber es gibt eben auch den Menschen, der sich im persönlichen Gebet auf seinen bischöflichen Dienst vorbereitet. Hierbei ist mir das kontemplative Gebet immer bedeutsamer geworden. Dabei meint Kontemplation das stille Verweilen in der Gegenwart Gottes. Deshalb beginnt mein Tag am frühen Morgen mit zwanzig Minuten stillem Gebet – noch vor dem Checken der Mails und dem Blick in die Nachrichten. Die Zeit der inneren Sammlung dient dazu, bei mir selbst und bei Gott anzukommen. Die schweifenden Gedanken gilt es immer wieder zurückzurufen.

Dazu hilft der Ruf des Herzensgebets: „Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Ein wunderbarer Gebetsruf, entlehnt der Begegnung des blinden Bettlers Bartimäus mit Jesus (Mk 10,47). Wer so betet, gesteht ein, dass er als Sünder täglich neu der Umkehr, der Hinkehr zu Christus bedarf. Wer so betet, weiß, dass sich der Herr täglich seiner erbarmen muss, um dem Anspruch der eigenen Berufung zu genügen und innerlich auf Christus ausgerichtet zu bleiben. Wer so betet, weiß, dass er nie fertig wird, sondern immer neu anfangen muss, aber auch anfangen darf. Erst die innere Stille ermöglicht, das Tagzeitengebet mit der nötigen Sammlung zu beten.

Beim Beten des Tagzeitengebets ist es mir wichtig, nach der Weisung der Väter, insbesondere des heiligen Athanasius und des heiligen Augustinus, die Stimme Christi in den Psalmen zu vernehmen, und zwar die Stimme Christi als des Hauptes der Kirche und die Stimme Christi in den Gliedern des Leibes Christi. Freude und Jubel, Klage und Leid verbinden sich so beim Beten der Psalmen mit den Einzelschicksalen von Menschen, denen ich am Tag begegne und mit den Menschen, die mich um das Gebet ersucht haben.

Die innere Stille wahren

Gleiches gilt für die Lectio Divina, die geistliche Schriftlesung. In der Vorbereitung auf das Heilige Jahr haben wir im Bistum ein Projekt zur Lectio Divina gestartet, das wir auch beim Katholikentag in Würzburg vorstellen werden. Aus der Stille gilt es, neu auf das Wort Gottes hören zu lernen, damit ich den inneren Anruf vernehme, der an mich ergeht. So kann das Wort der Schrift zum Lebenswort werden, das mich den Tag über begleitet und trägt.

Die innere Stille zu wahren – Katharina von Siena hätte von der „inneren Zelle“ gesprochen –, ist eine der wichtigsten Aufgaben im Tageslauf: in Konfliktgesprächen, in Sitzungen, im Leerlauf, in Momenten der Ohnmacht und des Leids, aber auch in Augenblicken der Erfüllung. Vielleicht muss ich noch dazu sagen, dass ich bewusst auf den Umgang mit Social Media verzichte. Was ich wissen muss, erfahre ich eh, vieles andere ist überflüssig und oft wenig hilfreich, meist sogar bösartig und der Seele abträglich.

Aber das muss jeder für sich entscheiden. Ich nehme nur wahr, wie viele Menschen nie in der Gegenwart leben, sondern permanent abwesend sind, weil sie mit zahllosen „Baustellen“ beschäftigt sind, von denen nur wenige sie wirklich weiterbringen. Ein Priester unseres Bistums, Konrad Hock, hat in den zwanziger Jahren im Blick auf das innere Gebet einmal etwas provozierend gesagt: „Tatsächlich lehrt die Erfahrung, dass ein Mensch, welcher die Vergegenwärtigung Gottes nicht übt, selbst dann nicht heilig wird, wenn er täglich seine Betrachtung, geistliche Lesung und Gewissenserforschung hält und täglich kommuniziert, ja nicht einmal dann, wenn er die drei Ordensgelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ablegt und diese drei Gelübde gewissenhaft beobachtet.“

„Fromme Pflichtübungen“ allein helfen nicht weiter

Aus seiner Erfahrung als langjähriger Spiritual wusste er, dass „fromme Pflichtübungen“ im geistlichen Leben allein nicht weiterhelfen, selbst wenn sie das gesamte Spektrum des aszetischen Programms abdecken, das die Kirche empfiehlt. Die innere Verbundenheit mit dem Herrn zu wahren, ist die bleibende Aufgabe. Oder wie eine Frau bei einem der Gebetswochenenden einmal zu mir sagte: „Herr Bischof, ich will, dass mein ganzer Tag Gebet wird.“ Ein berührendes Zeugnis, das zusammenfasst, worum es geht.

Wenn das Beten mir schwerfällt, nehme ich Zuflucht zur Fürbitte, vor allem für die Mitbrüder und die Mitarbeitenden. Das Eintreten für Menschen im persönlichen Gebet und in der Feier der heiligen Messe macht unser Beten konkret und verbindet uns tiefer miteinander und mit Gott. Eine der größten Herausforderungen im Gebetsleben bleibt für mich immer der Tagesschluss. Wenn ich müde und abgekämpft, aufgewühlt oder auch ratlos nach Hause komme. Umso wichtiger ist es dann, noch einmal die Stille zu suchen, um in der Komplet das „Zeitliche zu segnen“ und den Tag zurückzulegen in die Hände des Herrn. 

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