Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar zum Streit um Segensfeiern

Römische Klarheit, deutsche Selbstüberschätzung

Die jüngsten vatikanischen Stellungnahmen zu den Segensfeiern stellen die deutschen Bischöfe vor eine Richtungsentscheidung und zeigen: Die Geduld Roms ist nicht grenzenlos.
Der Präfekt des Glaubensdikasteriums, Kardinal Victor Manuel Fernández
Foto: IMAGO/IPA/ABACA (www.imago-images.de) | Die jüngsten Äußerungen aus dem Vatikan, etwa vom Präfekten des Glaubensdikasteriums, Kardinal Victor Manuel Fernández, machen unmissverständlich deutlich, dass Rom die Handreichung zu Segensfeiern nie gebilligt hat.

Lügen haben kurze Beine, sagt ein Sprichwort. Früher oder später kommt die Wahrheit ans Licht. In der Frage der Segensfeiern scheint dieser Moment nun gekommen zu sein. Nicht, dass nicht schon zuvor vielen klar gewesen wäre, wie sehr die Wirklichkeit rhetorisch zurechtgebogen wurde, um Segensfeiern deutscher Prägung mit einem vermeintlichen römischen Gütesiegel zu versehen. Auch unter Verweis auf „Fiducia supplicans" wurde suggeriert, die deutschen Sonderwege seien kirchlich gedeckt und mit Rom abgestimmt. Doch inzwischen liegt das Gegenteil schwarz auf weiß vor.

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Die jüngsten Äußerungen aus dem Vatikan, etwa vom Präfekten des Glaubensdikasteriums, Kardinal Victor Manuel Fernández, machen unmissverständlich deutlich, dass Rom die Handreichung zu Segensfeiern – entgegen der Behauptung des ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, vom September 2025, alles sei in Rücksprache mit dem Glaubensdikasterium erarbeitet worden – niemals gebilligt hat.

Gesellschaftlicher Kuschelkurs wichtiger als kirchliche Einheit

Für die betreffenden Bischöfe dürfte die Entlarvung durch Rom unangenehm, ja peinlich sein. Ein besonders mulmiges Gefühl dürften jene haben, die über Jahre den Eindruck erweckt haben, verbindliche Lehre könne durch medialen Druck, synodale Beschlüsse oder nationale Mehrheiten relativiert werden – und für die ein gesellschaftlicher Kuschelkurs offensichtlich wichtiger war als kirchliche Einheit.

Zumindest wäre zu hoffen, dass es ihnen nun unbehaglich zumute ist, denn nur, wo sich noch das Gewissen regt, ist auch Umkehr möglich. In Deutschland braucht es einen Kurswechsel: zurück zur Treue zu Rom. Zu hoffen ist jedenfalls, dass nun auch dem Letzten, der diese Segensfeiern mit Nachdruck vorantreiben wollte, bewusst geworden ist, wie problematisch diese demonstrative Vorreiterrolle tatsächlich war.

Manche Bischöfe stehen nun vor einer Entscheidung: Gehorsam oder Ungehorsam, Einheit oder Bruch, Starrsinn oder Treue? Sollten sie jedoch weiterhin darauf beharren, im Recht zu sein, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Was dann? Werden irgendwann Sanktionen folgen?

Kardinalstaatssekretär Parolin betont zwar weiterhin die Bedeutung des Gesprächs: Sanktionen seien derzeit weder angezeigt („es ist zu früh“) noch generell wünschenswert. „Dialog" klingt nach Offenheit, doch wer genau hinhört, merkt: Das ist kein Verhandlungsangebot über ewige Wahrheiten, sondern geduldige Eindeutigkeit. Selbst Papst Leo XIV. hatte sich zuvor persönlich und unmissverständlich gegen die förmlichen Segensfeiern ausgesprochen. Das ist ein Signal, das schwer zu überlesen ist. Die deutsche Rechnung, Rom werde sich schon fügen, geht unter dem neuen Pontifikat offensichtlich nicht auf. Allein die Tatsache, dass überhaupt von möglichen Sanktionen die Rede ist, zeigt, wie viel Geduld Rom noch übrig hat. Zu früh für Sanktionen heißt nicht: nie Sanktionen. Offenbar ist man im Vatikan die ständigen deutschen Sonderwege leid. Römische Mahnungen und Einhegungsversuche wurden in der Vergangenheit allzu oft ignoriert, relativiert oder kreativ umgedeutet – während man den synodalen Kurs unbeirrt fortsetzte.

Selbstüberschätzung statt pastoraler Fortschritt

Dieser wurde über Jahre hinweg als pastoraler Fortschritt verkauft. Nun zeigt sich, dass er Ausdruck kirchenpolitischer Selbstüberschätzung war. Nun lässt auch die bisher bis zum Äußersten geduldige Weltkirche die scharfe Klinge aufblitzen und macht noch deutlicher, dass sie weder bereit ist, deutsche Sonderentwicklungen einfach zu übernehmen, noch zentrale Fragen der Glaubens- und Morallehre regional zu fragmentieren. Rom hat deutlich gemacht, unter welchen Umständen Sanktionen denkbar wären. Irgendwann ist Schluss mit lustig – und dieser Moment scheint näher, als mancher wahrhaben wollte.

Auch für manche Vertreter des deutschen Funktionärskatholizismus dürfte das aktuelle Einschreiten Roms eine Mahnung sein: Kirchliche Verantwortung besteht nicht darin, gesellschaftlichen Stimmungen hinterherzulaufen und Eigeninteressen zum Maßstab zu machen, sondern darin, Jesus nachzufolgen. Dazu braucht es Demut, Umkehr, Glaubenstreue. Doch auch jene, die mit Rom gegangen sind, sollten sich vor Triumphgefühlen hüten. Noch ist der Konflikt nicht entschieden; vieles wird davon abhängen, wie die deutschen Bischöfe reagieren. Gefragt sind daher nicht Siegestaumel oder Rechthaberei, sondern Barmherzigkeit: die Bereitschaft, die Tür zur Einheit offen zu halten. Die Frage ist, wer von den Betroffenen auch den Mut haben wird, hindurchzugehen.

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