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Rogate! Beten, auch wenn nichts passiert

Beten, suchen, klopfen —und dann? Der sogenannte Rogate-Sonntag lädt zu einer Betrachtung über das Beten ein. Auch alle, die längst zu wissen glauben, wie das geht.
Rogate!Beten, auch wenn nichts passiert
Foto: IMAGO/imageBROKER/Oleksandr Latkun (www.imago-images.de) | Gebet ist der Anfang einer Bewegung: weg vom eigenen Ich, hin zu Gott und zum Nächsten

Warum beten, wenn Gott ohnehin weiß, was man will? Das fragt sich manch moderner Mensch. Der mittelalterliche Mensch fragte das nicht — er hatte schlicht keine andere Wahl. Und vielleicht war er damit klüger als wir. Der Rogate-Sonntag lädt ein, dieser Frage nachzugehen. „Rogate! Bittet!", ruft die Kirche. Aber was bedeutet das wirklich? Und was passiert, wenn die Antwort ausbleibt? Jesus selbst gibt im Matthäusevangelium eine schlichte Antwort: „Bittet, und es wird euch gegeben; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet." So einfach ist das. Und dann fügt er das Bild des Vaters hinzu: Kein guter Vater gibt seinem Kind eine Schlange, wenn es um Fisch bittet. „Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten."

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Und doch machen nicht wenige eine andere Erfahrung: Gott antwortet scheinbar nicht. Er erhört Gebete nicht immer so, wie man es sich wünscht. Das ist die Erfahrung von Generationen von Gläubigen, Heilige eingeschlossen. Und hier liegt die eigentliche Herausforderung des Betens: Nicht die Technik, eine richtige Formel oder viele Worte sind gefragt. Wer glaubt, dies sei nötig, damit Gott handelt, hat ihn offenbar noch nicht gut genug kennengelernt. Was es braucht, ist das Vertrauen, dass hinter dem scheinbaren Schweigen keine Gleichgültigkeit steckt, sondern eine Logik, die den Menschen übersteigt.

Beten im Glauben, dass Gott weiß, was er tut

Irdisches und himmlisches Denken prallen aufeinander, und der Mensch, der betet, muss lernen, die Dinge aus Gottes Perspektive zu betrachten. Die Kirche nennt das Glauben und Gottvertrauen; glauben, dass Gott genau weiß, was er tut, dass er das Beste tut, es besser weiß als wir und er immer das Ganze im Blick hat. Es ist für viele die schwerste Übung überhaupt.

Mutter Teresa, die ein Leben lang mit dem gefühlten Schweigen Gottes rang, hat das so beschrieben: „Oft bewirken unsere Gebete deshalb nichts, weil wir nicht mit Herz und Sinn auf Christus ausgerichtet sind." Ihr Gegenmittel war das „innigste Gebet“. Dies bestehe „oft einfach darin, mit inniger Liebe auf Christus zu schauen. Ich blicke Ihn an, und Er blickt mich an — das ist das vollkommene Gebet." 

Das bedeutet nicht, dass konkrete Bitten fehl am Platz wären, im Gegenteil. Als Jesus durch Galiläa zog und Menschen heilen wollte, fragte er sie: Was willst du, dass ich dir tue? Sogar den blinden Bartimäus fragte er das, obwohl die Antwort für jeden offensichtlich war. Gott möchte, dass wir konkret bitten. Er möchte das Gespräch. Und doch geht es ihm um mehr als die Erfüllung von Wünschen. Er möchte, dass wir ihm vertrauen. Und umkehren.

Gott liebt es, zu wirken

Dabei ist Glaube keine Voraussetzung dafür, dass Gott wirkt. Menschen bezeugen heute, dass Gott Wunder gewirkt hat, wo der Glaube kaum größer war als ein Senfkorn oder Zweifel gar übermächtig waren. Dennoch lädt Jesus immer wieder zum Glauben ein. Glaube ist Beziehung. Wer glaubt, öffnet sich. Und wer sich öffnet, kann empfangen. Dazu braucht es manchmal ein entschiedenes Umdenken; das Entlarven innerer Lügen, die flüstern: In meinem Leben wirkt Gott keine Wunder. Diesen Stimmen darf man die Wahrheit entgegensetzen: Gott liebt es, auch in meinem Leben zu wirken. Das ist keine Selbstsuggestion, sondern gelebtes Evangelium.

Wie man das gläubige Beten lernen kann, erklärte der heilige Pfarrer von Ars erfrischend pragmatisch: durchs Beten. „Je mehr man betet, desto mehr kann man beten. Es ist wie mit einem Fisch, der zuerst an die Oberfläche schwimmt, dann immer tiefer taucht. So taucht auch die Seele in die tiefste Tiefe und verliert sich in der Freude am Gespräch mit Gott." Papst Franziskus beschrieb das Beten auch als ständige Verbindung zu Gott — was an Paulus' Aufforderung „Betet ohne Unterlass“ erinnert: Er bete das Stundengebet, den Rosenkranz, gehe in die Anbetung, bete aber auch „im Geist, wenn ich beim Zahnarzt warte" - was wohl auch das Klügste ist, was man dort tun kann. 

Gebet als Lebenshaltung

Spaß beiseite: Was Franziskus beschrieb, war Gebet als Lebenshaltung, eine Haltung, die verändert. John Henry Newman schrieb: „Der Mensch ist dann nicht mehr, was er zuvor war; allmählich hat er eine neue Ideenwelt eingesogen und ist von neuen Grundsätzen durchdrungen." Und Mutter Teresa zog die Linie noch weiter: „Wenn wir beten, werden wir glauben. Wenn wir glauben, werden wir anfangen zu lieben. Wenn wir lieben, werden wir anfangen zu dienen."

Gebet ist also weder Selbstgespräch noch das Herunterrattern eines Wunschzettels: Es ist der Anfang einer Bewegung weg vom eigenen Ich, hin zu Gott und zum Nächsten. Wer wirklich betet, kommt bei der Fürbitte an: beim Beten für andere, für die Welt, für die, die selbst nicht mehr beten können oder wollen. Und auch das ist die reife Frucht des Gebets. „Bittet", sagt Jesus. Er bat nicht um kluge Formulierungen, sagte auch nicht „Zweifelt nicht." Er sagte: Fürchte dich nicht. Glaube nur. Und: Bittet. Der Rest ist seine Sache.

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