Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Europa sollte auf russische Touristen verzichten

Ein EU-weiter Visa-Stopp wäre eine nicht-militärische Waffe, die die bisherigen Profiteure des „Systems Putin“ träfe.
Debatte um Visavergabe an russische Staatsbürger
Foto: IMAGO/Kirill Kukhmar (www.imago-images.de) | Sanktionen – und ebenso Einreisebeschränkungen für russische Bürger – sind eine nicht-militärische Waffe in diesem Krieg, in dem Schuldige wie Unschuldige zu Schaden kommen.

„Europa zu besuchen ist ein Privileg, kein Menschenrecht“, begründete Estlands Regierungschefin Kaja Kallas ihre Entscheidung, für Staatsbürger der Russischen Föderation keine Touristenvisa mehr auszustellen. Ähnlich optieren Finnland, Litauen und Lettland. Aber auch Belgien, Dänemark, die Niederlande und Malta setzen restriktivere Regeln für russische Bürger in Kraft. Spätestens jetzt, da sich Politiker von CDU und CSU für ein Aussetzen von Touristenvisa an Russen aussprechen, ist die Debatte unausweichlich.

Haarrisse in einem zementierten Machtkonstrukt

Die Gegenargumente sind rasch auf dem Tisch: Man dürfe die Russen nicht kollektiv für Putins Krieg bestrafen, würde russische Ressentiments gegen Europa nur weiter steigern – und außerdem habe eine solche Maßnahme keinen Einfluss auf den Fortgang des Kriegs in der Ukraine. Mit denselben Argumenten ließe sich gegen viele Russland-Sanktionen der EU polemisieren.

Lesen Sie auch:

Jedoch, es herrscht Krieg in Europa – ein brutaler, blutiger Eroberungs- und Vernichtungskrieg, den Russlands Präsident Wladimir Putin begonnen hat und immer weiter intensiviert. Die Europäische Union ist in diesem Krieg nicht neutral, sondern steht politisch und (durch Waffenkäufe und Waffenlieferungen) militärisch an der Seite der Ukraine. Die Sanktionen – und ebenso Einreisebeschränkungen für russische Bürger – sind eine nicht-militärische Waffe in diesem Krieg, in dem Schuldige wie Unschuldige zu Schaden kommen.

Klagen vor dem Internationalen Strafgerichtshof, das Einfrieren oder die Beschlagnahme von Vermögenswerten sollen tatsächlich die „Schuldigen“, also Akteure und Kollaborateure des „Systems Putin“ treffen. Das Aussetzen von Touristenvisa dagegen soll jene zehn Prozent der russischen Gesellschaft treffen, deren Ärger und Missmut für dieses System nicht völlig irrelevant ist. Das mag Putins Amoklauf in der Ukraine nicht stoppen, könnte aber die Haarrisse in seinem zementierten Machtkonstrukt verbreitern. Die schmale russische Oberschicht, die von Putins tyrannischer Herrschaft bisher profitierte und sich zugleich einen Luxus jenseits der russischen Grenzen leisten konnte, muss jetzt spüren, dass Putins Krieg in der Ukraine ihre Privilegien und ihren Luxus ins Wanken bringt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier CDU CSU Russlands Krieg gegen die Ukraine Ukraine-Krieg Vernichtungskriege Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Während Donald Trump der Ukraine immer neue Zugeständnisse abringt, führt Wladimir Putin seinen Eroberungskrieg ungebremst weiter.
17.12.2025, 11 Uhr
Stephan Baier
Der Kreml-Chef sieht seine Soldaten in einem heiligen Krieg. Mit Christentum hat diese Anmaßung rein gar nichts zu tun. Nur Patriarch Kyrill merkt das nicht.
08.01.2026, 11 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Peter Kohlgraf ist „gerne Bischof von Mainz“, könnte sich aber wohl auch den DBK-Vorsitz vorstellen. Zumindest geizt er vor der Wahl nicht mit geschickten Positionsbestimmungen.
13.02.2026, 15 Uhr
Jakob Ranke
Nach Treffen zwischen Fernández und Pagliarani lässt der Vatikan verlauten: Bischofsweihen würden ins Schisma führen. Stattdessen soll ein Dialog theologische Differenzen klären.
12.02.2026, 15 Uhr
Guido Horst
Die Gebote sollen keine Überforderung sein, sondern ein Hilfe für die Christen, ihre eigene Berufung zu leben. Christsein ist schließlich kein Moralismus.
14.02.2026, 21 Uhr
Martin Grichting