Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Die Weisheit der Großeltern: Merz will das Europa Robert Schumans

Papst Franziskus hat Europa mal eine alte Großmutter genannt. Männer aus der Großeltern-Generation haben einst Europa aufgebaut. Merz hat einen von ihnen gewürdigt: Robert Schuman. Der deutsche Kanzler ist ein Opa für Europa – im besten Sinne.
Friedrich Merz Meets PM Donald Tusk In Warsaw, Poland - 07 May 2025
Foto: IMAGO/Attila Husejnow (www.imago-images.de) | Friedrich Merz zu Besuch bei Polens Premierminister Donald Tusk. Der Bundeskanzler könnte zum Opa für Europa werden – im besten Sinne.

Papst Franziskus hat Europa mehrere Male eine alte Großmutter genannt. Darin steckte durchaus Wertschätzung für die Geschichte und die kulturelle Kraft des Kontinents. Vor allem waren diese Worte aber als Mahnung gedacht: Europa vergreist, nicht nur demographisch, sondern auch spirituell. Wo sind die jungen christlichen Familien, die diesen Kontinent prägen und ihm sein Gesicht geben? Diese Frage stand dahinter.

Lesen Sie auch:

Großeltern sind aber nicht nur alt, sie verfügen vor allem über Lebenserfahrung. Davon hat Europa nach dem Krieg profitiert: Während die Generation 40 plus vielfach durch die nationalistischen Exzesse der ersten Jahrhunderthälfte geprägt und traumatisiert zugleich war, waren es Männer, die allesamt schon hätten Opa sein können, die den Weg in Richtung europäische Einigung vorgegeben haben. Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und eben Robert Schuman.

Die seltsame Europa-Skepsis gläubiger Katholiken

An ihn, den früheren französischen Außenminister, der aus dem Elsass kam und in Bonn und Berlin studiert hatte, erinnerte nun Friedrich Merz bei seinen Besuchen in Paris und Warschau. Morgen ist es nämlich genau 75 Jahre her, dass Schuman seinen berühmten Plan vorgelegt hat, mit dem der Grundstock für alles Weitere gelegt worden ist. Es ist gut, dass Merz mit Schuman an die christlichen Gründerväter Europas – alle drei waren gläubige Katholiken – erinnert. Denn vielfach hat leider auch unter gläubigen Christen eine seltsame Europa-Skepsis eingesetzt. Manche lassen sich von nationalistischen Parolen verführen, nur weil sie in ein Konzept von einer vermeintlich besseren Gesellschaft verpackt sind, einem Staat ohne Kulturkämpfe und mit den angeblich so guten alten Werten.

Das zeigt sich in der verstörenden Affinität mancher zum russischen Regime oder aber auch an der kritiklosen Bewunderung für Orbáns Ungarn. Zurecht hadern viele Christen mit Akzenten, die mit Blick auf die natürliche Anthropologie, die Familienpolitik vor allem aber den Lebensschutz auf der EU-Ebene gesetzt werden. Aber ist es deswegen schon zulässig, über grundsätzlich anti-christliche Tendenzen in den EU-Gremien zu spekulieren – wie kürzlich geschehen durch den deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Interview mit der Schweizer „Weltwoche“?

Es ist gut, dass Merz an die Ursprungsideen der europäischen Einigung erinnert

Es ist gut, dass Merz an die Ursprungsideen erinnert, die hinter der europäischen Einigung stehen. Natürlich, es ist vieles nicht in Ordnung in der EU. Ihre Gegenwart entspricht sicher auch nicht dem, was Schuman, „der Heilige im Straßenanzug“, sich erträumt hat. Aber dass sich etwas ändert, das liegt vor allem an den Christen selbst. Statt im Schmollwinkel zu verharren oder sich in kulturpessimistischen Spekulationen zu ergehen (alles übrigens ziemlich Opa-mäßig), sollten sie die Gelegenheiten nutzen, Europa mitzugestalten. In unseren freien Gesellschaften bestehen alle Möglichkeiten dazu. Und bei allem, vielfach ja auch begründeten Rumgenörgel sollten gerade Christen nicht vergessen: Die europäische Einigung ist das erfolgreichste Friedenswerk der Weltgeschichte.

Um sich dessen immer klar zu sein, braucht es die weite Perspektive. Hier ist die Weisheit der Großeltern-Generation gefragt. Auch Merz ist siebenfacher Großvater. Der 69-Jährige ist übrigens seit Helmut Kohl der erste Kanzler mit eigenen Kindern und Enkeln. Merz könnte zum Opa für Europa werden – im beschriebenen besten Sinne. Und natürlich gehört dazu, dass sich die Großeltern mit den Enkeln gegen die auf den Status quo-fixierte Eltern-Generation verbünden. Das war auch schon nach dem Krieg so: Die Alten haben vorgedacht, die Jungen haben die Schlagbäume eingerissen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Alcide de Gasperi Christen Familienpolitik Friedrich Merz Gerhard Ludwig Müller Helmut Kohl Katholikinnen und Katholiken Konrad Adenauer Papst Franziskus Robert Schuman

Weitere Artikel

Bruder Augustin fährt mit jungen Menschen nach Paris, zum Papst. Mit der „Tagespost“ spricht er über Neutaufen, die marianische Dimension der Papstreise, Berufung und Robert Schuman.
25.09.2026, 08 Uhr
Elisabeth Hüffer
Ein Kontinent ohne Seele: Was Papst Benedikt in Regensburg zu „Nine/Eleven“ sagte und der Westen nicht hören wollte.
03.09.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Die Kiew-Reise von Friedrich Merz war ein Zeichen der Führung. Merz mag noch so sehr der innenpolitische Schuh drücken, als Außenkanzler ist er unverzichtbar.
05.10.2026, 18 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

Das Bischofstreffen in Rom zur Familienpastoral stößt auf wenig Interesse bei den Medien. Grund ist die Art und Weise, wie die Versammlung gelenkt und gesteuert wird.
10.10.2026, 12 Uhr
Guido Horst
Papstjubel und Protestwut: Hunderttausende Franzosen gingen zuletzt aus verschiedenen Gründen auf die Straßen. Eins hat sie dennoch vereint.
09.10.2026, 11 Uhr
Elisabeth Hüffer
Johannes Zehe, früher Geiger und seit 2023 Regens für die Priesterausbildung im Erzbistum, wird an diesem Samstag im Mariendom zum Bischof geweiht.
09.10.2026, 14 Uhr
Dorothea Schmidt
Gott will glückliche Menschen, schreibt Erzbischof Georg Gänswein. Gott lädt zur Hochzeit seines Sohnes ein. Doch die Gäste haben vermeintlich Wichtigeres vor.
10.10.2026, 21 Uhr
Georg Gänswein