Berlin

Corona-Expertenrat schlägt wegen Omikron Alarm

Gremium legt erste Stellungnahme vor. Vor dem Bund-Länder-Treffen am Dienstag mehren sich die Stimmen, die auch keinen Lockdown mehr ausschließen wollen.
Corona - Omikron-Variante
Foto: Mike Egerton (PA Wire) | Wie es in der Stellungnahme des Corona-Expertenrats heißt, treffe die heranrollende Omikronwelle „auf eine Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist und in der massive ...

Der Corona-Expertenrat der Bundesregierung rechnet mit einer „erheblichen Überbelastung der Krankenhäuser“ durch die Virusvariante Omikron (B1.1.529) und sieht politischen „Handlungsbedarf bereits für die kommenden Tage“. „Wirksame bundesweit abgestimmte Gegenmaßnahmen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens“ seien vorzubereiten, „insbesondere gut geplante und gut kommunizierte Kontaktbeschränkungen“. Geltende Maßnahmen müssten „noch stringenter fortgeführt“ und „die Impfkampagne erheblich intensiviert“ werden. „Boosterimpfungen, wie auch die Erst- und Zweitimpfungen“, mussten auch über die „Feiertage mit allen verfügbaren Mitteln fortgesetzt und weiter beschleunigt“ werden.

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Allerdings zeigten „alle Modelle, dass Boosterimpfungen alleine keine ausreichende Eindämmung der Omikronwelle bewirken, sondern zusätzlich Kontaktbeschränkungen notwendig“ seien. „Neben den notwendigen politischen Entscheidungen“ müsse „die Bevölkerung intensiv zur aktiven Infektionskontrolle aufgefordert werden“. Dazu gehörten „die Vermeidung größerer Zusammenkünfte, das konsequente, bevorzugte Tragen von FFP2-Masken, insbesondere in Innenbereichen, sowie der verstärkte Einsatz von Schnelltests bei Zusammenkünften vor und während der Festtage“.

Omikron unterläuft bestehenden Immunschutz

Wie das neuberufene Gremium in seiner gestern verabschiedeten dreiseitigen Stellungnahme schreibt, zeichne sich die Virusvariante Omikron durch eine „stark gesteigerte Übertragbarkeit und ein Unterlaufen eines bestehenden Immunschutzes aus.“ Omikron infiziere „in kürzester Zeit deutlich mehr Menschen“ und beziehe „auch Genese und Geimpfte stärker in das Infektionsgeschehen ein“. Bislang sei „nicht davon auszugehen“, dass „Menschen ohne Immunschutz“ einen im Vergleich zur Delta-Variante „milderen Krankheitsverlauf aufweisen werden“. Erste Studienergebnisse zeigten, „dass der Impfschutz gegen die Omikron-Variante rasch nachlässt und auch immune Personen symptomatisch erkranken“. Der Schutz vor „schwerer Erkrankung“ bleibe jedoch „wahrscheinlich teilweise erhalten“. Mehrere Studien zeigten „einen deutlich verbesserten Immunschutz nach erfolgter Boosterimpfung mit den derzeit verfügbaren mRNA-Impfstoffen“. Wegen der „vergleichsweise großen Impflücke, die insbesondere bei Erwachsenen besteht“, sei jedoch in Deutschland „mit einer sehr hohen Krankheitslast durch Omikron zu rechnen“.

Schnellere Verbreitung als bei allen bisherigen Varianten prognostiziert

Die „angenommene Verdopplungszeit der Omikron-Inzidenz“ liege aufgrund der derzeit in Deutschland gültigen Maßnahmen „aktuell im Bereich von etwa 2-4 Tagen“. Sie sei damit „im Vergleich zu England zwar etwas langsamer, aber deutlich schneller als bei allen bisherigen Varianten“. Sollte sich die Ausbreitung der Variante in dieser Geschwindigkeit fortsetzen, „wäre ein relevanter Teil der Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in Quarantäne“.

Dadurch wäre „das Gesundheitssystem und die gesamte kritische Infrastruktur unseres Landes extrem belastet“. Weitere „Kollateraleffekte“ seien „insbesondere in der berufstätigen Bevölkerung“ unter anderen aufgrund der dann „notwendigen Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Menschen“ zu erwarten. „Eine massive Ausweitung der Boosterkampagne“ könne die Dynamik zwar „verlangsamen und damit das Ausmaß mindern, aber nicht verhindern“. „Mathematischen Modelle“ zufolge könne „eine Überlastung des Gesundheitssystems und die Einschränkung der kritischen Infrastruktur nur zusammen mit starken Kontaktreduktionen eingedämmt werden“.

Kritische Infrastruktur gefährdet

In der einstimmig verabschiedeten Stellungnahme fordern die 19 Experten eine „umfassende und sofortige Vorbereitung des Schutzes der kritischen Infrastruktur unseres Landes“. Schnell steigende Inzidenzen seien mit „hohen Risiken für die kritische Infrastruktur (KRITIS)“ verbunden. Hierzu zählten „unter anderem Krankenhäuser, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung und die entsprechende Logistik“. In den kommenden Tagen müssten daher „auf politischer und organisatorischer Ebene des Bundes, der Länder, der Städte und Gemeinden“ Vorkehrungen „für die ersten Monate des Jahres 2022 getroffen“ und „mögliche Partner wie Bundeswehr, THW oder Hilfsorganisationen frühzeitig eingebunden“ werden. „Aktivierungswege und Steuerungsmechanismen müssen kurzfristig verfügbar sein sowie ausreichende Testkapazitäten und Versorgungsketten sichergestellt werden. Die Krankenhäuser müssen eine hinreichende Vorratshaltung von Material und Medikamenten herstellen.“ „Schnelle politische Handlungsfähigkeit muss zu jedem Zeitpunkt auch während der Feiertage gewährleistet sein“.

Angemessene Versorgung aller werde nicht mehr möglich sein

Aufgrund „des gleichzeitigen, extremen Patientenaufkommens“ rechnen die Experten mit einer „erheblichen Überlastung der Krankenhäuser“. Das gelte auch „für den wenig wahrscheinlichen Fall einer deutlich abgeschwächten Krankheitsschwere im Vergleich zur Delta-Variante“. Selbst wenn sich alle Krankenhäuser „ausschließlich auf die Versorgung von Notfällen und dringlichen Eingriffen“ konzentrierten, werde „eine qualitativ angemessene Versorgung aller Erkrankten nicht mehr möglich sein“. Aufgrund der zu erwartenden „flächendeckend hohen Belastung“ könne auch eine „strategische Patientenverlegung“ dann „nicht mehr nennenswert zu einer regionalen Entlastung beitragen“.

Wie es in Stellungnahme weiter heißt, treffe die heranrollende Omikronwelle „auf eine Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist und in der massive Spannungen täglich offenkundig sind“. Daher sei eine „umfassende Kommunikationsstrategie mit nachvollziehbaren Erklärungen der neuen Risikosituation und der daraus folgenden Maßnahmen“ nun „essentiell“. Nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie arbeite das deutsche Gesundheitssystem „aktuell unter sehr hoher Last. Durch die „starke Belastung, insbesondere der Intensivbereiche, ist die Versorgung der nicht-COVID Erkrankten bereits in Teilen eingeschränkt. Schwerwiegende Verluste im Personalbereich der Krankenhäuser“ seien „eingetreten und werden weiter zunehmen“. In der „hochdynamischen Lage“ lasse sich die Omikronwelle nur noch „durch entschlossenes und nachhaltiges politisches Handeln bewältigen“.

Städte- und Gemeindebund schließt flächendeckenden Lockdown nicht aus

Unterdessen mehren sich im Vorfeld der für Dienstag geplanten Bund-Länder-Konferenz die Stimmen, die die Ergreifung zusätzlicher Maßnahmen fordern. So geht die SPD etwa von Einschränkungen auch für Geimpfte nach Weihnachten aus. Es müsse zusätzliche Kontaktbeschränkungen nach den Festtagen geben, erklärte der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil. Co-Chefin Saskia Esken forderte die Schließung von Clubs und Bars.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund sieht durch die Geschwindigkeit, mit der sich Omikron ausbreite, die Funktionsfähigkeit des Staates bedroht. Fielen viele Beschäftigte bei Feuerwehr, Polizei, Gesundheitsämtern, Ordnungsämtern, Verwaltungen und in Krankenhäusern aus, „sind unsere Reaktionsmöglichkeiten beschränkt“, sagt Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg den Zeitungen der „Funke Mediengruppe“. Dann könne es sein, „dass als letzter Ausweg nur ein flächendeckender Lockdown bleibt.“ Da die Corona-Notlage ausgelaufen sei, gebe es für diesen jedoch derzeit keine Rechtsgrundlage. Daher sollte der Deutsche Bundestag in einer Sondersitzung noch in diesem Jahr erneut die epidemische Lage von nationaler Tragweite feststellen.

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