Napoleon Bonaparte

200. Todestag Napoleons: Französische Medien sind gespalten

Die Gedenkfeier am 5. Mai anlässlich des 200. Todestages von Napoleon Bonaparte ist in Frankreich höchst umstritten. Freunde und Feinde des Franzosenkaisers äußern sich in der französischen Presse kontrovers.

Napoleon Bonaparte
Der französische Kaiser Napoleon I. in der Uniform eines Obersten seiner Gardejäger auf einem undatierten, zeitgenössischen Stich. Der 200. Todestag Napoleons führt auch in Frankreich zu einigen Diskussionen um den früheren Kaiser. Foto: -- (dpa)

Seit Monaten wirft das Ereignis seine Schatten voraus - in Presseartikeln, Buchpublikationen und Fernsehsendungen. Frankreich diskutiert über das „Bicentenaire“ – den 200. Todestag Napoleons - und die Frage, wie das Gedenken an den Kaiser angemessen zu begehen sei. Dabei stehen sich unversöhnliche Fronten gegenüber: die einen, vornehmlich einer linken Gesinnung anhängend, werfen Napoleon Sklaverei, Frauenfeindlichkeit, Autoritarismus und den Verrat an der Französischen Revolution vor. Die anderen beschwören die glorreiche Vergangenheit ihres Landes, verteidigen ihren Helden im Hinblick auf die Anwürfe und rücken in den Fokus, dass eine anachronistische Haltung gegenüber Napoleon nicht sachgerecht sei. 

Augenfällig und exemplarisch zeigt sich die Spaltung der Franzosen zu diesem Thema in den Überschriften der dieser Tage zuhauf erscheinenden Artikel: „Napoleon zwischen Diabolisierung und Rehabilitierung“ (L’Express), „Napoleon: Grandios oder verabscheuenswürdig?“ (Le Point), „Weißer Suprematist, Frauenfeind, Totengräber der Republik: Napoleon auf der Anklagebank“, „Muss man Napoleon lieben oder hassen?

Im Zeichen der Spaltung

Ein Bicentenaire im Zeichen der Spaltung“ (beide Überschriften aus Valeurs actuelles) und „Ist eine große Ehrung nötig?“ (Le Figaro). So etwa kritisiert der Chefredakteur des Figaro, Bertrand de Saint-Vincent, in einem Leitartikel diejenigen, die Napoleon verdammen: Die „Antikolonialisten, die leidenschaftlichen Feministen, die Antimilitaristen – sie führen die Anklage. Indem sie sich über jeglichen historischen Kontext hinwegsetzen, erhebt sich diese ultraaktive Minderheit gegen die geplante Rückkehr dieses Giganten in den Vordergrund“. Ob man Napoleon nun liebe oder hasse – die Debatte sei noch lange nicht geschlossen, schreibt de Saint-Vincent. Für den Causeur gehe es hierbei sogar um einen Bürgerkrieg, schließlich sei Napoleon ein „Opfer par excellence der Cancel-Kultur“.

Das Wochenmagazin Le Point fasst die Kritikpunkte der Gegner Napoleons zusammen. Laut der Ministerin für die Gleichheit zwischen Mann und Frau, Élisabeth Moreno, sei Napoleon „einer der größten Frauenfeinde“ gewesen, der Abgeordnete Alexis Corbière der linksradikalen Partei „La France Insoumise“ nennt Napoleon den „Totengräber“ der Republik, den man nicht öffentlich ehren dürfe, und der Historiker Jean Tulard fragt sich, ob Napoleon „der Stammvater der Diktaturen des 20. Jahrhunderts“ sei. Wichtigster Anklagepunkt sei meistens die Fortführung der 1794 in den französischen Kolonien von der Konvention abgeschafften Sklaverei auf den Antillen 1802 durch Napoleon.

Ein Fehler

In L’Incorrect beleuchtet David Chanteranne, „einer der wichtigsten Kenner Napoleons und seines Wirkens“, die Angriffe auf den Kaiser aus Sicht eines Historikers. Dabei kritisiert er die anachronistische Sichtweise, mit der etwa der Sklavenhandel mit den Augen der Gegenwart betrachtet und beurteilt werde. Gesellschaftliche Fragen dürften zwar „legitim“ sein. Doch „man beurteilt die Vergangenheit aus heutiger Sicht und das ist, meiner Meinung nach, ein schwerwiegender Fehler“, so Chanteranne.

Schon zu Lebzeiten habe Napoleon Empörung auf sich gezogen, so etwa von dem großen französischen Schriftsteller François-René de Chateaubriand, der Napoleon, Valeurs actuelles zufolge, die vielen Toten der von ihm geführten Kriege vorhielt und ihm „vorgeworfen hatte, ein ausgeblutetes Frankreich hinterlassen zu haben“. Der Kaiser der Franzosen sei heute zur „Zielscheibe der Dekolonisatoren und einiger Politiker der Linken geworden, die die Helden des französischen Nationalromans hassen“, heißt es in Valeurs actuelles weiter. 

Im Figaro antwortet der Historiker und Direktor der „Fondation Napoléon“, Thierry Lentz, auf die Vorwürfe und thematisiert zudem Napoleons Beitrag zum Bürgerlichen Gesetzbuch, dem „Code civil“ sowie die militärischen Unternehmungen des Kaisers: „Je glänzender seine militärischen und diplomatischen Erfolge wurden, umso weniger hörte Napoleon auf seine Berater. So glaubte er, dass er den alten französischen Traum der Vorherrschaft in Europa allein gegen alle, einzig mit seinem Willen und seiner Vorstellungskraft erreichen könnte“.

Katholisch erzogen 

Statt den Akzent nur auf die Frage nach den politischen und gesellschaftlichen Implikationen zu legen, die die Herrschaft Napoleons mit sich brachte, widmet sich die katholische Zeitschrift La Nef in ihrem Titelthema unter anderem den spirituellen Voraussetzungen des streng katholisch erzogenen Napoleon sowie dessen religiöser Weiterentwicklung im Jugend- und Erwachsenenalter. Der Beitrag „Napoleon und die Religionen“ von Yves Chiron wirft einen Blick auf seine katholische Sozialisation. So ging er auf eine von Ordensschwestern geführte Schule und bezeichnete den Tag seiner Erstkommunion an der Militärschule von Brienne als „glücklichsten“ Tag seines Lebens.

Fern von Dogmen

Als junger Mann sei er jedoch durch die Lektüre von Schriften Rousseaus beeinflusst worden, vor allem durch dessen „Glaubensbekenntnis des Savoyischen Vikars“: „Er wurde durch das Konzept einer Naturreligion beeinflusst, die fern der Dogmen war. Sein Glauben an ein höchstes Wesen bestand fort – aber bekannte er den ganzen Glauben des Credo?“ Diese Frage werde weiter diskutiert, denn „seine Verstoßung von Josephine, die nicht-kanonische Annullierung seiner ersten Ehe, seine zahlreichen Liebesbeziehungen und seine beiden unehelichen Kinder zeigen, dass sein Privatleben nicht immer in Übereinstimmung mit der katholischen Moral standen“. Außerdem sei „seine Angehörigkeit zur Freimaurerei mehr als wahrscheinlich, seine religiösen Gefühle ließen sich gut mit dem Relativismus der Freimaurerei vereinbaren“.

Wenn Staatspräsident Emmanuel Macron am 5. Mai des 1821 auf Sankt Helena im südlichen Atlantik Verstorbenen gedenkt und Blumen an dessen Sarg niederlegt, wird die Spaltung des Landes in Kritiker und Bewunderer des Kaisers noch nicht vorbei sein. Über seinen Pressesprecher ließ Macron mitteilen, das Bicentenaire als „Gedenken“ und nicht als „Feier“ zu begehen. Der Élysée-Palast habe laut Causeur „halbherzig“ geäußert: „man wird nicht feiern - das würde als Provokation wahrgenommen werden – man wird gedenken“. DT/ks

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