Würzburg

Der Kult des großen Mannes

Was Napoleon von einem bloßen Militärherrscher unterscheidet - Zum 250. Geburtstag Napoleon Bonapartes.
Papst Pius VII. war bei Napoleons Krönung 1804 in Paris nur noch Zuschauer.
Foto: IN | Vor 250 Jahren wurde Napoleon Bonaparte geboren.

Am Marienfeiertag im August 1769 ist der Mann geboren, der sein Leben 1821 auf einer kleinen Insel im Süd-Atlantik aushauchen sollte. Auf einer Insel mit höchst kompliziertem Eigenleben war er auch geboren, Spross einer archaischen Stammeskultur, an der Aufklärung und der in seiner Geburtszeit herrschende Rationalismus wenig Spuren hinterlassen zu haben schienen. 1762, als auf Korsika, das einen verwickelten staatsrechtlichen Status hatte, ein Unabhängigkeitskrieg tobte, meldete sich Jean-Jacques Rousseau zu Wort: „Ich habe eine Vorahnung, dass diese kleine Insel eines Tages Europa in Staunen versetzen wird.“ Napoleons Familie, wiewohl ursprünglich aus Italien kommend, war dort verwurzelt. Er hatte einen gefälligen, lokalpolitisch aktiven, letztlich schwachen Vater und eine starke Löwin als Mutter, die den Clan zu absoluter Familien-Loyalität anhielt, aber auch einen unbeirrten katholischen Glauben vorlebte. Zunächst schien wenig auf eine außergewöhnliche Karriere des Sohnes hinzudeuten. Es war die übliche Mischung aus Protektion und Glück, dem nicht planbaren Umstand, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, die aus Napoleon, der seinen Nachnamen zunächst noch italienisch Buonaparte schrieb, einen königlich französischen Artillerieoffizier machte. Richtiges Französisch sprach er damals noch nicht, auch in seinem späteren Leben sollte sich, zumal in Spannungs-Situationen, der bäurisch-italienische Dialekt seiner Heimat in der Sprache melden.

Napoleon hat systematisch und zugleich maßlos gelesen

Einige Details aus dieser frühen Zeit verdienen Beachtung: Napoleon wird geschildert als einer, der systematisch und zugleich maßlos las. Er hatte sicherlich einiges nachzuholen im Vergleich zu seinen aus besseren Familien und gebildeteren Verhältnissen stammenden Kameraden. Einigen von ihnen sollte er sein ganzes Leben lang die Treue halten, was kein ungünstiges Licht auf seinen Charakter wirft. Doch wird auch von einem großen Hang zu Zurückgezogenheit, ja Eigenbrötelei berichtet. Mit einem Buch in der Hand setzte sich der junge Kadett in eine stille Ecke der Kriegsschule, las, dachte nach, lud gelegentlich einen der anderen zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Schließlich ist auch die Wahl der Sparte der Artillerie von Interesse. Es war die damals modernste Waffengattung, die gerade begonnen hatte, Berechenbarkeit und damit größeren Nutzen zu entwickeln. Kannte man bis dahin mehr die statische Fußartillerie, deren wichtigster Zweck darin bestand – wie im Mittelalter – Festungen sturmreif zu schießen, rückte nun die bewegliche Feldartillerie ins Interesse. Ihre leichteren Geschütze konnten gegen dicke Mauern wenig ausrichten, dafür aber den entscheidenden Unterschied in der Schlacht ausmachen.

Die Kriegsführung des späteren Generals sollte sich unter anderem durch den wohlüberlegten Einsatz der Kanonen im Wechselspiel mit überfallartigen Kavallerieattacken auszeichnen. Doch Napoleon hatte vor allem gelernt, seine Schlachten zu planen. Was ihn als wirklich großen Militär auszeichnete war, dass die in Gefechtssituationen notwendig geforderte Spontanität von ihm bewusst gesetzt wurde, trotz allen Drucks eben keine emotionale Sekundenentscheidung war. Solange das militärische Glück ihn nicht verließ, wusste Napoleon genau, was er auf dem Schlachtfeld erreichen wollte und hatte eine klare Idee, wie dies am besten zu bewerkstelligen war.

Er ließ sein Badezimmer zu einer Kapelle umbauen

Der nächste Abschnitt in seinem Leben könnte etwas salopp mit „Wie putsche ich mich an die Spitze?“ überschrieben werden. Nach dem Ende der Monarchie schien alles möglich. Napoleon, der die Hinrichtung Ludwigs XVI. und seiner Frau für unnötig hielt und seit den Blutorgien der frühen Revolutionsjahre einen lebenslangen Abscheu gegen Volkserhebungen pflegte, die nur den Pöbel nach oben brachten, war einer von den möglichen Kandidaten, die an die Spitze der jungen Republik strebten. Nun war ihm seit den italienischen Feldzügen das Waffenglück mehr hold als anderen Generälen, insbesondere war er bei der Truppe, die er – lief alles gut – kameradschaftlich und verschwenderisch mit Gunstbeweisen zu behandeln pflegte, beliebt. Dann meinte einer der „Direktoren“ genannten Oberen im Lande, der frühere Priester Sieyes, den korsischen General zur Beseitigung von Konkurrenten benutzen zu können, ohne zu ahnen, dass er selber benutzt wurde: Schon war die Zahl derer, die der Republik vorstanden, auf drei geschmolzen. Zu diesen drei „Konsuln“ gehörte nun auch er. Vor allem aber war in jener ersten Phase der Revolution der Appetit auf militärische Siege und Durchsetzung des eigenen Machtanspruchs gegen eine ohnehin feindlich gesinnte Staatenumwelt noch nicht geschwunden. Noch waren die Franzosen es nicht leid, ihre Söhne auf diversen Schlachtfeldern zu opfern, wenn dies nur der Festigung der Republik und zugleich der Ausdehnung ihrer Grenzen diente. Napoleon konnte das über lange Zeit verlässlich sicherstellen. Er war mittlerweile auch ein begabter Machtpolitiker geworden – gewisse auf dem Erbweg mitgegebene Erfahrungen korsischer Inselfehden mögen da eine Rolle gespielt haben – doch verdankt er seinen Aufstieg an die Spitze doch in erster Linie seiner militärischen Begabung.

Das, was ihn aber endgültig zum Mann seines Jahrhunderts, zum großen Staatenlenker werden ließ, war der gänzlich neue Kurs, den er einschlug, nachdem alle Konkurrenten aus dem Weg geräumt waren und er ganz oben angekommen war. Er begann ein beispielloses Gesetzgebungswerk, das der Befriedung nach innen diente. Er war ihm klar, dass er, wie alle anderen Revolutionäre von 1789, viel zerstört, damit aber eine riesige Leere geschaffen hatte. Die galt es zu füllen, wenn das neue Frankreich – samt eroberter Annex-Staaten – Bestand haben sollte. Die Präfekturen, durch ihren Leiter direkt dem Kaiser zugeordnet, ersetzten die alten königlichen Provinzen und waren im Gegensatz zu diesen rational durchgeplant. Der Code Civil und weitere Gesetzbücher, als Gemeinschaftswerk führender Juristen entstanden, deren Entwürfe aber bis ins Detail vom Kaiser gelesen und korrigiert wurden, schufen eines der großen, bis heute überzeugenden Rechtssysteme. Es wurde ein Regelwerk aufgerichtet, das anders ist als das germanische Rechtsdenken und das britische Common Law, bei dem aber jedenfalls an alles gedacht war, so dass es bis heute Bestand hat. Wenn es etwa heute auf der linken Rheinseite noch den sogenannten „rheinischen Nur-Notar“ gibt – im Gegensatz zum Anwalt, der zugleich Notar ist auf der anderen Seite – ist dies nachwirkendes napoleonisches Recht. Auch in anderen deutschen Gegenden hat das französische Recht Spuren hinterlassen. So revolutionär die Franzosen im übrigen auf vielen Gebieten waren, dieses vom korsischen Kaiser verordnete Recht ist sehr eigentumsorientiert. Napoleon war insofern Kind seiner Zeit, als er selbstverständlich Günstlinge hatte und insbesondere seine Familie sich alles erlauben konnte. Aber außerhalb dieser Sphären konnte er sehr streng und gesetzesorientiert auftreten und Unrecht bestrafen.

Weil Bonaparte aber eben doch nicht vom Olymp herabgestiegen war, sondern seine Sterblichkeit mit allen Menschen teilte, kam unaufhaltsam das nächste Kapitel, der Abstieg. Es ist wenig originell, sind es doch immer die gleichen Ingredienzen von Verblendung, langsamer gewordenen Reflexen und einer endlich geeinten Gegnerschar, die ihn stellte. Hatte er schon bei dem Versuch, Großbritannien in die Knie zu zwingen, wenig Realismus gezeigt, war der Versuch, das russische Riesenreich zu erobern, schlicht Wahnsinn – wie auch ein anderer nach ihm erfahren sollte. Lange noch konnte er sich auf die Seinen, insbesondere auf die von ihm stets verwöhnte kaiserliche Garde verlassen.

Doch hat Fortuna einmal ihre Hand abgezogen, erinnern sich die schwachen Menschen, dass sie durchaus auch ohne Napoleon leben können. Der Versuch, von dem Mini-Fürstentum Elba aus, das ihm seine Besieger immerhin zugestanden hatten, noch einmal das Blatt zu wenden, war nur noch peinlich. Man kann das Abenteuer der „Hundert Tage“ allerdings auch vom Beginn her interpretieren. Der gealterte und wohl schon kranke Kaiser wollte wie in den Tagen seiner Jugend noch einmal alles auf eine Karte setzen. Anfänglich flogen ihm die Herzen wieder zu. Aber der eine große Erfolg blieb aus – und die Menschen wussten, dass die Magie dahin war.

Napoleon Verhältnis zu Religion und Christentum blieb ambivalent. Er wird wohl über weite Strecken seines Lebens ein Deist gewesen sein. Das war das, was die Aufklärung noch gerade vom Gottesglauben übrig ließ. Doch war er von der „Staatsnützlichkeit“ des Christentums überzeugt, eines von ihm gebändigten und dienstbar gemachten Christentums freilich. Das haben andere Autokraten auch so gesehen, ohne dass es sie zu frommen Männern machte. Als er aber Kaiser wurde, opferte er eines seiner geliebten Badezimmer, um es zur eleganten Kapelle umbauen zu lassen. Hier erschien er jeden Morgen, nahm an der Messe teil, ohne zu kommunizieren. Das hätte er nicht gemusst, in der Tat machten sich viele seiner Weggefährten darüber lustig. Als es ans Sterben ging, musste ein korsischer Priester, den er aus der Kindheit kannte und schätzte, den beschwerlichen Weg nach St. Helena auf sich nehmen. Mit ihm konnte er im vertrauten Dialekt reden, von ihm empfing er die Sterbesakramente.

Sein Leben ist als Teil der Geschichte zu verstehen

Versucht man für die Gesamtgestalt des Kaisers der Franzosen ein Bild zu finden, wäre es vielleicht das des „guten Diktators“. Ein Mann des Schwertes, der die nach dem Ancien Régime zertrümmert daliegenden Institutionen seines Heimatlandes neu aufgerichtet und dauerhaft befestigt hat. Der dann allerdings auch durch das Schwert wieder umkam, weil das das Schicksal aller Gewaltherrscher ist. Josef Stalin dagegen, auch er in der Revolution groß geworden, würde einem als Gegenbeispiel eines „schlechten Diktators“ einfallen.

Noch etwas hat Bonaparte hinterlassen als vergiftetes Erbe für Frankreich, den Kult des großen Mannes, die Verheißung, dass einer alles zum Besten wenden kann. Noch jeder, der nach ihm dort regierte, stand in der Gefahr, sich zu überschätzen und das seit dem letzten Weltkrieg recht provinziell gewordene Land zu überfordern. Doch das muss Napoleon I. in seiner pharaonisch anmutenden Grabanlage im Pariser Invalidendom nicht bekümmern. Napoleon ist einer jener ganz wenigen Menschen, deren Leben als Teil der Geschichte selbst zu verstehen ist. Alles wach in sich aufnehmend in der Entwicklung der Nationen und Ideen, die er ihrerseits zu prägen verstand.

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