Anfang Mai war ich mit Freunden einige Tage in den italienischen Marken. Dort in Urbino, der alten Hauptstadt der Region, besuchten wir natürlich den Palast des Herzogs Federico, ein herrliches Bauwerk der Blütezeit der Renaissance, was ja wörtlich „Wiedergeburt“ heißt: Nach dem vermeintlich finsteren Mittelalter und der großen Pest von 1347/48 sollte der alte Mensch der Antike, der Mensch in der Sicht des Sokrates, des Plato und des Aristoteles im christlichen Gewand wiedergeboren werden. Der Anklang an das nächtliche Gespräch des Nikodemus mit Jesus im Johannesevangelium war keineswegs zufällig: Der alte Mensch der Erbsünde wird nicht einfach durch eigene Anstrengung der Tugend verwandelt, sondern durch die helfende Gnade Gottes in der Taufe, verstanden als zweite Geburt, als Wiedergeburt. Jetzt ist der Weg frei zum neuen Menschen, wie Gott ihn gedacht hatte in den wenigen Sekunden vor dem Sündenfall. Und der Weg wird gangbar durch gute Werke des Menschen und durch die Gnade der Sakramente Gottes.
Ganz tief im Inneren des Palastes hängt das faszinierende kleine Bild „Die ideale Stadt“ von Piero della Francesca von 1475: In der Mitte der (kurz zuvor wieder entdeckten) Zentralperspektive ein Rundtempel, nein: eine runde Kirche, umgeben von eckigen, ebenmäßigen Palästen. Gott allein hat die zentrale Perspektive auf das Leben aller Menschen; die kreisrunde Kirche symbolisiert die Ewigkeit; die eckigen Bauten stehen für den Versuch der Menschen, trotz allen Aneckens zu vollkommener und abgerundeter Tugend zu gelangen. Ohne Gott fehlt die Mitte der Stadt und des Staates; das wusste schon Plato in seinem berühmten Werk „Über die Gesetze“ mit der fast verzweifelten Frage: Welcher Gott?
Was fehlt ohne Gott? Ewige Vergebung!
Was fehlt ohne Gott? Bei Licht und zentraler Perspektive gesehen, fehlt vor allem eins: ewige Vergebung! Der Samariter hilft im biblischen Gleichnis dem Menschen im Straßengraben in der ständigen Hoffnung, dieser werde wieder auf den rechten Weg kommen. Und der ideale Staat hilft jedem Menschen in der von Gott inspirierten Hoffnung, die unsterbliche Seele noch des übelsten Übeltäters werde sich bekehren, meinetwegen auch weniger pathetisch: resozialisieren lassen. Denn der Mensch ist am Ende nicht Täter, sondern Bild Gottes, wenn auch oft fast völlig verschmutzt. Daher dann die strikte Ablehnung der Todesstrafe, die in vielen nichtchristlichen Ländern der Welt aber munter praktiziert wird, Iran an der Spitze, dicht gefolgt von China, Saudi-Arabien, Ägypten, auch Bundesstaaten der USA.
Was fehlt ohne Gott? Oft wird als Antwort einfach das zu Tode zitierte Böckenförde-Zitat genannt: Der Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Schon recht, aber wenn man nachfragt, ist meist verschämtes Schweigen die Antwort oder, noch schlimmer, der Verweis auf sogenannte Grundwerte, die entweder nicht benannt werden oder sich in staatlicher Garantie individueller Lebensermüdung erschöpfen. Nein, so nicht! Am Grund des idealen Staates und in der Mitte des eckigen Zusammenlebens steht der Glaube an Gott und die von ihm geschaffenen unsterblichen Seelen, nichts anderes. Ansonsten wäre jeder wohl organisierte Ameisenhaufen einem bloß menschlichen Zusammenleben vorzuziehen.
Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn.
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