Blicken wir doch einmal unverwandt in den Spiegel unserer hiesigen Befindlichkeit. Dort starrt uns oft ein Gesicht entgegen, das die Mundwinkel so tief trägt, dass man darauf Schlitten fahren könnte. Wir haben uns in einer Kultur des chronischen Zeigefingers eingerichtet. Doch Vorsicht bei dieser gymnastischen Übung: Wenn wir mit dem ausgestreckten Finger auf „die da oben“, auf die Regierung oder das ferne Brüssel deuten, dann vergessen wir die physikalische Grundregel: Vier Finger zeigen dabei auf uns selbst zurück. Es ist eine ebenso bequeme wie fatale Haltung geworden, sich aus dem demokratischen Miteinander zu verabschieden, als wäre unser Staat ein Online-Shop, bei dem man eine gepfefferte Rezension schreibt, wenn die Lieferung der perfekten Welt nicht binnen 24 Stunden erfolgt. Wer sich aber nur noch als beleidigter Kunde begreift, der den Kundenservice für seine schlechte Laune haftbar macht, beweist einen Mangel an menschlicher Reife. Wahre Resilienz wächst nicht in der hasserfüllten Kommentarspalte, sondern auf dem Acker des eigenen Anpackens.
Wir riskieren gerade, menschlich, politisch und wirtschaftlich schlichtweg vor die Hunde zu gehen, wenn wir das Band der Solidarität so lange dehnen, bis es reißt. Ein Europa, das nur noch aus Einzelinteressen und mürrischem Motzen besteht, ist so stabil wie ein Wackelpudding im Windkanal. Wenn jeder nur noch seine kleine Parzelle der eigenen Wahrheit bewacht, verlieren wir das große Ganze aus den Augen. Wir brauchen in diesen krisenhaften Zeiten den Mut zur Mitverantwortung statt memmenhafter Metzeleien am Stammtisch. Es ist doch ein Treppenwitz der Geschichte: Wir leben in einem der sichersten und wohlhabendsten Länder der Welt, benehmen uns aber, als müssten wir den Weltuntergang bereits im Abonnement bezahlen. Statt in den Chor der Unkenrufe einzustimmen, sollten wir lieber den Zusammenhalt zementieren.
Es geht um die schlichte Erkenntnis, dass Demokratie kein Lieferdienst ist, sondern eine Mitmachküche. Wenn wir uns gegenseitig nur noch die Fehler vorhalten, statt gemeinsam die Suppe zu löffeln, verhungern wir am Ende vor vollen Töpfen. Wir müssen wieder lernen, die Meinung des Nachbarn auszuhalten, ohne ihn gleich für vogelfrei zu erklären. Das ist das Fundament, auf dem Europa steht – oder eben fällt. Dazu passt die diesjährige Pfingstaktion von Renovabis. Unter dem Leitwort „Zusammen_wachsen. Damit Europa menschlich bleibt“ wird uns vor Augen geführt, dass das Fundament der Gesellschaft nicht in der Abgrenzung, sondern im Miteinander liegt. Dazu müssen wir begreifen, dass wir in Europa zusammengehören – Ost und West, Nord und Süd, arm und reich. Wir müssen lernen, die Verantwortung für unser gemeinsames Haus nicht nach oben zu delegieren, sondern sie selbst zu tragen: direkt hier, mitten unter uns. Nur so haben wir eine Zukunft: alle zusammen!
Der Autor ist Honorarprofessor für Unternehmensführung und Organisation an der Universität Augsburg und Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis.
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