Das Buch liegt auf dem Küchentresen. Frisch aus dem Verlag eingetrudelt und mit dem anmutigen Duft einer Schatzkiste, die darauf wartet, geöffnet zu werden. Mein Mann starrt auf das Buch. „Möchtest Du mir etwas sagen? Gibt es ein Problem?“
Der Titel „Schluss mit toxisch. Dein Weg zu gesunden sozialen Beziehungen“ hat ihn nervös gemacht. Er befürchtete eine unzufriedene Ehefrau, die sich mit dem Buch neu finden und dann von ihm trennen werde. Ich murmele gedankenverloren irgendetwas Beruhigendes zu ihm herüber, während ich das Buch von Alexandra Lüthen und Alexandra Stock zur Hand nehme. Was ist eigentlich eine toxische Beziehung?
Keine Autonomie möglich
Dort gebe es, schreiben die Autorinnen, „ein Ungleichgewicht bei Macht, Kontrolle oder Respekt. Sie zeichnet sich durch Merkmale wie Manipulation, Missbrauch, Dominanz, mangelnde Kommunikation, Respektlosigkeit, Eifersucht und Unsicherheit aus… Selbstbestimmung und Autonomie sind nicht möglich“. Als Standardbeispiele nehmen die Autorinnen typische Events in den Blick, die toxische Beziehungen zutage fördern: Weihnachten, Hochzeiten, Elternabende, und so weiter. In fast allen Szenen finde ich mich wieder. Herrlich authentisch wird der Leser hineingenommen in Beispiele wie die Hochzeit eines jungen Paares, „das eigentlich nur seinen Tag genießen will, während im Hintergrund ein stilles Kräftemessen zwischen Familientradition und individuellen Wünschen tobt“. Oder die Grillparty, wo „neben den Würstchen auf dem Grill so mancher schon lang marinierte(r) Konfliktstoff“ brutzelt.
Unsere Katze reißt mich aus meinen Gedanken. Sie will gefüttert werden. Mehr will sie leider nicht. Sie ist ein widerspenstiges Vieh und der Konzentration beim Schreiben von Texten nicht sehr förderlich. Ich beschließe, ihren Wunsch nach Nahrung zu ignorieren, die Rezension muss vorankommen. Unsere Kinder sind übrigens ständig mit Katzenkratzern tätowiert und passen somit gut ins Berliner Stadtbild.
Ich frage mich, ob ich selbst eine toxische Beziehung habe und überdenke meinen Kontaktekreis. Nun ja, mit irgendjemandem hat man immer „ein Hühnchen zu rupfen“. Die Autorinnen gehen mit einer sachlichen und wissenschaftlichen Herangehensweise durch viele wohlbekannte Situationen. Das Vier-Ohren-Modell zum Beispiel ist mir in meiner pädagogischen Arbeit schon oft begegnet.
Friedemann Schulz von Thun hat die These aufgestellt, „dass wir Aussagen auf vier Ebenen tätigen beziehungsweise hören können“. Es werden Beispiele genannt und im Vier-Ohren-Modell durchgearbeitet. Toxische Strukturen können damit aufgedeckt und behandelt werden. Ich frage meinen Mann, was er hört, wenn ich (wie es so oft vorkommt) sage: Die Küche ist dreckig. Er wundert sich über die Frage und wiederholt schulterzuckend die Aussage.
Damit wäre Punkt eins der Aussage angekommen: Die reine Information darüber, dass die Küche dreckig ist. Die weiteren Ebenen erschließen sich meinem Gegenüber nur schwer. Beziehung, Selbstaussage und vor allem Aufforderung – das alles soll in diesem Satz zu finden sein? Ist es ein männliches Dilemma, oder einfach nur Unwissenheit? Der Unwille, Aussagen zu hinterfragen, schauen, ob noch mehr dahintersteckt als „Die Küche ist dreckig“? Aus eigener Erfahrung heraus kann ich allerdings sagen, dass es da oft mehrere Anläufe braucht, bis verstanden wird, was ich meine. Toxisch finde ich das nicht, mühsam aber schon manchmal.
Vieles im Buch Genannte kenn ich auch schon von meinen Freundinnen, die gerne „manifestieren“, „sich abgrenzen“, mehr „Me-Time“ brauchen. Ich lerne viel von ihnen. Und teilweise von den im Buch ausgearbeiteten Lösungsansätzen. Beim Lesen lässt mich aber durchgehend ein einziger Gedanke nicht los: Was ist, wenn ich selbst toxisch für andere bin? Wo bleibt im Buch der Abschnitt über Selbstentgiftung? Bin ich nicht oft selbst diejenige, die anderen das Leben schwer macht oder Prägungen verleiht, die sie später aufarbeiten müssen?
Ich denke an meine Kollegen. Bis auf die Tatsache, dass ich meist den Kuchen im Teamzimmer wegschnappe, haben wir ein gutes Verhältnis miteinander. Mein Mann? Ich habe zum Glück ein sehr pflegeleichtes Exemplar. Er sieht mir nichts nach, ist sehr verständnisvoll. Hängen bleibe ich beim Gedanken an meine Kinder. Das Buch weist darauf hin, wie schwierig (aber nicht unmöglich) es ist, aus toxischen Kindheitsprägungen auszubrechen und wieder selbstbestimmte und gesunde Beziehungen mit Eltern und anderen aufzubauen. Mir wird bewusst, dass auch meine Kinder etwas aufzuarbeiten haben werden. Deshalb fasse ich den Vorsatz, überzogene Leistungsansprüche an sie beiseite zu schieben und wieder mehr auf ihre Stärken zu achten.
Gott kündigt uns nicht auf
Jetzt miaut wieder die Katze, und mir wird plötzlich klar, dass ich zu ihr auf jeden Fall eine toxische Beziehung habe. Leider kann man mit ihr keine Kommunikationsmodelle durchsprechen – ich muss klarkommen mit diesem Schnurrmonster. Ich lande bei einem Gedanken, der bei den rein säkularen Ausführungen im Buch nicht vorkommt: Was ist mit unserer Beziehung zu Gott?
Wir sind doch toxische Beziehungen par excellence: wollen ihn manipulieren, sind respektlos, übergehen ihn, laden ihn nicht ein, suchen Ausreden, halten seine Größe nicht aus und wollen ihn daher klein machen. Ich sollte wohl hoffen, dass er dieses Buch nie in die Hände bekommt. Na ja – wir wissen zum Glück aus der Bibel und aus eigener Erfahrung, dass er nie eine Beziehung aufkündigt. Er ist der, der gerne auch mal über das Vier-Ohren-Modell mit uns spricht.
Abschließend bleibt zu sagen: Das Buch eignet sich für Leser, die sich auf unterhaltsame und illustrative Weise häufig auftretende Beziehungsmuster vor Augen führen wollen, was Gedankenanstöße und Anregungen für das Entwickeln von Exit-Strategien aus unguten Beziehungsmustern für das eigene Leben geben kann. Wer tiefgründige Erörterungen, umstürzende wissenschaftliche Erkenntnisse oder eine theologische Durchleuchtung des Themas erwartet, muss allerdings woanders suchen.
Alexandra Lüthen, Alexandra Stock: Schluss mit toxisch! Dein Weg zu gesunden sozialen Beziehungen. Vandenhoeck & Ruprecht Verlage 2025, 220 Seiten, EUR 23,–
Die Autorin lebt als Exilbayerin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bei Berlin.
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