Am 9. Mai 1950 verkündete der französische Außenminister Robert Schuman den nach ihm benannten Schuman-Plan, der zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vor 75 Jahren geführt hat und damit zu einem zentralen Anstoß für die europäische Integration geworden ist. Seit der Gründung als Wirtschaftsintegration entwickelt sich die Europäische Union Stück für Stück zu einer politischen Gemeinschaft. Doch die aktuellen globalen Entwicklungen stellen Anfragen an Europa, den Prozess hin zu einer politischen Union zu beschleunigen.
Dass die USA nicht mehr uneingeschränkt als Partner gelten können und die Nato erodiert, führt zwangsläufig zur Frage nach der (Selbst-)Verteidigungsfähigkeit Europas. Insgesamt stellt sich die Frage nach Europas Souveränität, die der französische Präsident Macron in seiner Amtszeit immer wieder aufgeworfen hat und auf die Deutschland in seiner Selbstbeschäftigung der vergangenen Jahre keine Antwort hatte. Wirtschaftliche Krisen wie der Ölpreisschock durch den Iran-Krieg stellen gleichermaßen Anforderungen an die EU, koordinierte Maßnahmen zu ergreifen. Doch es ist nicht leicht, auf die großen Fragen europäische Antworten zu finden, weil die Zunahme von rechtspopulistischen Kräften auch innerhalb der Mitgliedstaaten die Mehrheitsfindung in der EU erschwert.
In dieser Situation, in der Europa nicht so recht vorankommt, wie es eigentlich müsste, zeigt sich ein vielfältiges kirchliches Europaengagement: Pünktlich zum Europatag haben die deutschen Bischöfe einen „Zwischenruf“ veröffentlicht, der eine größere europapolitische Stellungnahme der Bischofskonferenz aus dem Jahr 2021 fortschreibt und dessen Titel „Europa, zeig’ dich selbstbewusst“ den Inhalt treffend wiedergibt. Besonders bemerkenswert war zudem eine Initiative der Vorsitzenden der französischen, italienischen, polnischen und deutschen Bischofskonferenzen im Februar, die eine gemeinsame Erklärung zu Europa veröffentlicht haben. Es ist zwar kein gutes Zeichen für den Zustand des Zusammenschlusses der Bischofskonferenzen aus den EU-Mitgliedstaaten, der ComECE, wenn die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der wichtigsten Mitgliedstaaten jenseits ihrer Struktur eine solche Europaerklärung veröffentlichen, aber die Forderung des Appells ist umso wichtiger: „In dieser Situation muss Europa seine Seele wiederfinden, um der Welt seinen unverzichtbaren Beitrag zum ‚Gemeinwohl‘ anzubieten.“
Und nicht zuletzt hat sich Ende April auch Papst Leo XIV. anlässlich des Besuchs der Fraktion der Europäischen Volkspartei zu Europa geäußert und dabei seinen Vorgänger zitiert: „Die Einheit steht über dem Konflikt.“ Angesichts der Fülle von kirchlichen Appellen an Europa zur Rückbesinnung und Weiterentwicklung muss man konstatieren, dass die Kirche von einem konstruktiven Begleiter zu einem Promotor der europäischen Einigung wird. Robert Schuman hat am 9. Mai 1950 erklärt: „Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“ In diesem Sinne wären die europäischen Staaten gut beraten, den kirchlichen Appellen zu folgen und mit weiteren Schritten Europas Einheit voranzubringen.
Der Autor ist Politikwissenschaftler und stellvertretender Vorsitzender von Ordo socialis.
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