In seinem 1995 erschienenen Essay „Facing Up to the Problem of Consciousness“ (dt.: „Das Problem des Bewusstseins angehen“) hat der australische Physiker und Philosoph David Chalmers das Bewusstsein das „rätselhafteste Problem der Wissenschaft des Geistes“ getauft. In dem legendären Aufsatz unterscheidet Chalmers zwischen den leichten („easy problems“) und dem schweren Problem („hard problem“), die das Bewusstsein für die Wissenschaft darstellen.
Unter die „einfachen“, bislang allenfalls in Teilen verstandenen Probleme, subsumiert Chalmers Phänomene des Bewusstseins, „die sich direkt mit den Standardmethoden der Kognitionswissenschaften“ angehen ließen, und die „kognitive Fähigkeiten und Funktionen“ beträfen. Etwa „die Fähigkeit, Umweltreize zu unterscheiden, zu kategorisieren und darauf zu reagieren“, die „Fokussierung der Aufmerksamkeit“ oder die „Steuerung bewussten Verhaltens“. Für ihre Lösung veranschlagt Chalmers nicht weniger als „ein oder zwei Jahrhunderte schwieriger empirischer Arbeit“.
Von anderer Natur sei hingegen das „Problem der Erfahrung“. Eines, das den New Yorker Philosophen Thomas Nagel zu dem nicht minder legendären Essay „What Is It Like to Be a Bat?“ (dt.: „Wie es ist, eine Fledermaus zu sein?“) veranlasste. Bewusstsein, muss man Nagel und Chalmers verstehen, sei immer an eine subjektive Perspektive gebunden. Eine, bei der wir uns als Subjekte erleben, die eine bestimmte Erfahrung machen. Diese Innenperspektive lässt jede wissenschaftliche Erklärung, die ja nur aus der Perspektive des äußeren Beobachters erfolgen kann, unvollständig erscheinen.
Was sind „Qualia“?
Angenommen, Licht, eine elektromagnetische Strahlung mit einer Wellenlänge von etwa 700 Nanometern, dringt in das Auge eines Menschen ein, trifft dort auf die Netzhaut und löst elektrische Signale im Sehnerv aus, die von dort zu einem im hinteren Teil des Gehirns befindlichen Ort, dem visuellen Kortex, wandern. Hier verarbeiten sodann Neuronen die eintreffenden elektrischen Signale weiter, verstärken und verknüpfen sie zu komplexen Mustern. Und obgleich damit – grob, aber vollständig und korrekt – beschrieben wäre, wie der menschliche Organismus Licht „verarbeitet“, das in sein Auge dringt, erklärt nichts davon, weshalb sich dieser – physikalisch betrachtet – aus Molekülen, Atomen und Quanten bestehende Körper dabei als Subjekt erfährt, das eine visuelle Empfindung erlebt. In diesem Fall die, wie es ist, die Farbe Rot zu sehen. Philosophen sprechen in diesem Zusammenhang auch vom „phänomenalen Bewusstsein“ oder „Qualia“.
In „Materialism and Qualia: The Explanatory Gap“ hat der US-amerikanische Philosoph Joseph Levine dies die „Erklärungslücke“ genannt. Während einige Philosophen, Physiker und Neurowissenschaftler das Problem prinzipiell für unlösbar erachten, leugnen andere dessen Existenz.
Zu Letzteren zählen die Vertreter des „eliminativen Materialismus“. Besonders vehement wird er von den kanadischen Neurowissenschaftlern Paul und Patricia Churchland verfochten. Ihrer Auffassung nach handelt es sich bei Begriffen wie Qualia oder phänomenalem Bewusstsein um Relikte einer irrigen „Alltagspsychologie“. So wie Menschen einst meinten, die Erde sei eine Scheibe oder die Sonne kreise um die Erde, würden sie eines Tages auch einsehen, dass es in Wahrheit nur materielle Zustände und Vorgänge gäbe. Diese Wette auf die Zukunft hat nur ein Problem: Die Behauptung der Churchlands, niedergelegt in Aufsätzen und Büchern, ist ja selbst kein neuronaler Prozess, sondern die Verbalisierung einer These oder – anders formuliert – einer Abfolge von Gedanken. Wenn aber Gedanken wie die übrige mentale Welt lediglich Einbildungen einer irrigen Alltagspsychologie sind, was gilt dann für die Behauptung, diese seien Einbildungen? Eben. Daher untergräbt der eliminative Materialismus sich selbst und endet, wie die US-amerikanische Philosophin Lynne Rudder Baker (1944–2017) in einem gleichnamigen Aufsatz zeigte, als „kognitiver Suizid“.
Der Epiphänomenalismus widerspricht jeglicher Intuition
Verwandt, aber nicht identisch mit dem eliminativen Materialismus ist der „Epiphänomenalismus“. Ihm zufolge können physische Phänomene geistige verursachen, aber nicht umgekehrt. Bewusstseinsinhalte seien reine Begleiterscheinungen ohne kausale Wirkung. Ein entschiedener Vertreter des Epiphänomenalismus war der britische Biologe Thomas Huxley (1825–1895), Großvater der Halbbrüder Aldous (1884–1963) und Julian Huxley (1887–1975). Huxley verglich das Bewusstsein mit dem Dampf einer Lokomotive. Der entstehe als Begleiterscheinung einer fahrenden Lokomotive, treibe aber selbst nichts an.
Das Problem hier: Der Epiphänomenalismus widerspricht jeglicher Intuition. Angenommen, eine Person, nennen wir sie Thomas, verspürte während einer Wanderung Hunger und sänne auf Abhilfe. Er startet eine App auf seinem Handy, die ihm die Restaurants und Gasthöfe der Umgebung anzeigt. Thomas vergleicht nun die angezeigten Entfernungen und setzt sie in Beziehung zur Intensität seines Hungergefühls. Er besucht die Webseiten der nächstgelegenen Gastronomen, prüft Ruhetage und vertieft sich in Speisekarten. Schließlich trifft er eine Wahl, gibt den Standort in die Navigations-App ein und setzt sich in Bewegung. Epiphänomenalisten behaupten, nichts von alledem sei ursächlich dafür, wo Thomas am Ende einkehrt. Was nach einer bewusst geplanten Handlung einer Person namens Thomas aussehe und von ihr als solche erlebt wird, werde in Wahrheit von Anfang bis Ende durch eine Vielzahl äußerst komplexer chemisch-physikalischer Prozesse determiniert, die in einem Organismus abliefen, der Thomas genannt wird.
Zwei metaphysische Vorannahmen
Ähnlich verhält es sich mit dem „Illusionismus“, zu dessen prominentesten Vertretern Daniel Dennett (1942–2024), Susan Blackmore und Keith Frankish zählen. Vertreter des Illusionismus behaupten, dass das, was wir als einheitliches substanzielles „Selbst“ erleben, kein ontologisches Subjekt, sondern eine vom Gehirn erzeugte Konstruktion sei. Dennett zufolge ist der menschliche Geist „mehr oder weniger eine serielle virtuelle Maschine“, die „ineffizient“ auf der „Hardware“ montiert sei, zu der uns die „Evolution“ gemacht habe. Was wir als „inneres Erleben“ wahrnähmen, sei nichts anderes als das Resultat paralleler, miteinander konkurrierender Verarbeitungsprozesse, die das Gehirn aus den eingehenden Sinnesdaten erzeugt, fortlaufend überarbeitet, selektiert und im Nachhinein zu einer kohärenten Selbstbeschreibung verdichtet. Für Materialisten mag das plausibel erscheinen. Das Problem ist jedoch: Auch eine Illusion ist eine Form von Erfahrung. Folglich setzt der Illusionismus entweder ein erlebendes Subjekt voraus, das getäuscht werden kann und damit das, was er bestreitet. Oder der Begriff Illusion verliert seine Bedeutung. So oder so verstrickt sich der Illusionismus in Widersprüche.
Wundern braucht das nicht. Denn bei Licht betrachtet liegen sämtlichen Varianten des „materialistischen Monismus“ zwei metaphysische Vorannahmen zugrunde, die wie ontologische Tatsachen behandelt werden. Erstens: Alles, was es gibt, ist entweder für jeden erkennbar physikalisch oder lässt sich, wo nicht, auf physikalische Prozesse reduzieren und ist damit den Naturgesetzen unterworfen. Zweitens: Die gesamte Welt ist kausal geschlossen. Das bedeutet: Die Ursache einer physikalischen Erscheinung kann ebenfalls nur eine physikalische sein. Was methodologisch Sinn macht – anders lassen sich Naturwissenschaften nicht betreiben –, wird zum Problem, wo es ontologisch für bare Münze genommen wird.
Wer dagegen Geist für kein Produkt des Gehirns hält und Bewusstsein nicht auf physikalische Prozesse reduzieren will, muss sich von mindestens einer dieser beiden Vorannahmen lösen. Bedauerlicherweise macht das die Lösung des harten Problems nicht einfacher. Zur Wahl stehen hier: der „spiritualistische Monismus“, der „interaktionistische Dualismus“, der „psychophysische Parallelismus“ oder der „Perspektivismus“. Der spiritualistische Monismus, bisweilen auch „Idealismus“ genannt, dem Physiker wie Hans-Peter Dürr (1929–2014) und Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007) zuneigten, reduziert Materie auf Geist. Materie galt ihnen als „geronnener“ oder „gefrorener“ Geist.
Thomas und die Form des Leibes
Für Katholiken wichtig: Hier gilt das Diktum des heiligen Thomas von Aquin (1224/25–1274): „Anima forma corporis“ („die Seele ist die Form des Leibes“). Dennoch gibt es auch hier Varianten, die unmöglich alle richtig sein können: den „Panpsychismus“, dem zufolge alles, was es gibt, Bewusstsein besitzt, wenn auch in höchst unterschiedlicher Intensität; den „Absoluten Idealismus“ Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831), der einen überindividuellen, „absoluten“ Geist für das letztlich bestimmende Prinzip der Wirklichkeit hält, sowie den etwa von George Berkeley (1685–1753) verfochtenen „Subjektiven Idealismus“. Ihm zufolge existieren sämtliche Dinge ausschließlich als Wahrnehmungen des menschlichen Geistes.
Dagegen behauptet der „interaktionistische Dualismus“, wie er etwa von Karl Popper (1902–1994) und John Eccles (1903–1997) vertreten wurde, die Eigenständigkeit von Geist und Materie, die sich zueinander wie Pianist und Klavier verhielten. Der „Perspektivismus“ schließlich behauptet, dem Bewusstsein lasse sich weder allein aus der Innen- noch allein aus der Außenperspektive auf die Schliche kommen. Zur Verdeutlichung bemühen seine Vertreter häufig die Wasserdampf-Analogie. Von außen erscheine Wasserdampf als Wolke, während er von innen als Nebel erlebt werde. Verstehen lasse sich das Phänomen nur durch die Zusammenführung beider Perspektiven. Der Perspektivismus betrachtet das Bewusstsein also als Phänomen, das sich zwischen Erlebnis und Erklärung bewegt. Das mag wenig befriedigend erscheinen. Doch was, wenn die „Erklärungslücke“ gar kein Manko ist, das überwunden werden muss? Vielleicht ist Bewusstsein ja gar kein Objekt der Wissenschaften, sondern bloß eine Voraussetzung, um sie betreiben zu können.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










