In einem zunehmend emotionalisierten Diskurs, in dem die virtuelle Stichwortsuche längst als einem Hochschulabschluss gleichwertig gilt, hat sich ein Feindbild herausgeschält: der Experte. Experten sind in diesem Umfeld entweder inkompetent oder korrupt, also: blöd oder böse. Das heißt: Die Experten, die dem eigenen Wunschdenken widersprechen. Die es hingegen bestätigen, das sind die „echten“ Experten, die es im höchst subjektiven Darwinismus wissenschaftlicher oder politischer Ideen durch Passgenauigkeit geschafft haben, in der Wahrnehmung der oder des Betreffenden zu überleben. Diese selektive Wahrnehmung wird durch die je eigenen Experten zur universalen Wahrheit aufgebläht. Die anderen Experten liegen dann eben falsch. Oder lügen.
Das Problem liegt im Konzept. Freilich gibt es Definitionen von „Experte“, die alle einen hohen Wissensstand (nachgewiesen durch Ausbildung in und Erfahrung auf einem bestimmten Gebiet) als Kernkriterium benennen, doch der Begriff selbst ist rechtlich nicht geschützt. „Polier“ darf sich nicht jeder nennen, „Experte“ hingegen schon. Denn: Was heißt „hoher Wissensstand“? Braucht man den Nobelpreis, eine Habilitation oder reicht der Bachelor? Die konzeptionelle Schwammigkeit setzt eine Inflation des Expertentums in Gang, im Zuge derer frei nach dem Motto „Hat man keine, macht man sich welche!“ Menschen auch ohne dezidierte Ausbildung in und Erfahrung auf einem bestimmten Gebiet zu „Experten“ erklärt werden. Dürften etwa in Klimafragen nur aktive Klimaforscher Experten sein, nicht pensionierte Angehörige anderer ehrenwerter Fächer, dann hätten es die „Skeptiker“ unter den Bedingungen des wissenschaftlichen Konsenses noch weit schwerer als ohnehin schon, passende Stimmen zu finden. Und umgekehrt: Sagen Experten etwas, das einem nicht passt, bestreitet man die Kompetenz beziehungsweise die Integrität der Person, statt sich mit der Position auseinanderzusetzen. Das ist oft viel leichter und wird regelmäßig an außerfachlichen Dingen aufgezogen, statt etwa den Wissensstand in Zweifel zu ziehen.
Trotz des Kriteriums „viel Wissen“ ist der Titel „Experte“ immer eine Zuschreibung von außen. Expertentum darf nicht beansprucht werden, sonst macht es sich verdächtig. In einer komplexen Welt, die wissenschaftlich durchdrungen werden will, ist das Gebiet, auf dem sich auch hochgebildete Akademiker auskennen, sehr klein. Skepsis ist angezeigt, wenn die immer gleichen Personen in den Medien zu unterschiedlichen Themen referieren. Auch sind Zuschreibungen von Expertentum, das angeblich ein großes Gebiet umfasst, mit Vorsicht zu genießen. Als Mitglied eines soziologisch, politologisch und historisch aufgestellten Netzwerks zur Terrorismusforschung muss ich immer über die Zuschreibung „Terrorismusexperte“ schmunzeln, wo doch Arten und Akteure all dessen, was auf der Welt gewaltsam Schrecken verbreitet, äußerst unterschiedlich in Erscheinung treten können. Dennoch sind immer die gleichen Menschen auf dem Bildschirm, unabhängig davon, wer, wo, wie und warum Terror verbreitet hat.
Dafür können diese Menschen aber in aller Regel nichts. Wer mal das - durchaus gemischte - Vergnügen hatte, regelmäßig an Fachtagungen teilzunehmen, weiß, dass es zur strategischen Bescheidenheit des Akademikers gehört, Expertentum nur für Fragen in sehr engem Rahmen in Anspruch zu nehmen, es ansonsten empört von sich zu weisen. Es sind mithin nicht Forscherinnen und Forscher, die sich selbst „Experten“ nennen, es ist die Gesellschaft, die das tut, weil sie um Orientierung in wichtigen Fragen ringt und dabei Hilfe braucht. Und die brauchen wir. Mehr denn je.
Gleichzeitig stößt das Expertentum, vor allem, wenn es unbequeme Aussagen tätigt, auf eine geradezu trotzige Ablehnung vieler Menschen, die es zwar auch nicht besser wissen können, aber dennoch meinen, so, wie vom Experten vorgetragen, sei es auf keinen Fall. Beispiele lassen sich gerade dort finden, wo gesellschaftlich relevante Fragen wissenschaftlich beantwortet werden, etwa am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Stefan Rahmstorf, der dort die Abteilung Erdsystemanalyse leitet, kann von Anfeindungen schon seit Jahren ein Lied singen. In einem Tagesschau.de-Beitrag vom Februar 2023 mit dem vielsagenden Titel „Feindbild Wissenschaft.
Früchte des Expertentums
Pöbeleien, Drohmails und Ekelbriefe“ versucht er zu beschwichtigen. Er wisse ja, „dass es nicht gegen mich persönlich geht, sondern denen gefallen die Ergebnisse der Klimaforschung nicht“, wird Rahmstorf zitiert. Früchte des Expertentums heute, mit denen der Klimaforscher „professionell“ umzugehen versucht.
Problematisch ist die gleichförmige Verwendung des Begriffs in den Medien. Dabei ist Experte nicht gleich Experte. Von einem Fußballexperten erwartet niemand die richtige Vorhersage des Spielergebnisses, allenfalls, dass er gut begründen kann, warum es dann doch ganz anders kam. An die Prognosen eines Experten in epidemiologischen oder klimatologischen Fragen knüpft man hingegen schon die Erwartung einer gewissen Präzision beim Zeichnen eines Zukunftsbilds unter Angabe nachvollziehbarer Bedingungen und klarer Wahrscheinlichkeiten. Die Aufgabe des Experten ist jeweils eine andere. Durch die gleichförmige Verwendung des Wortes, bei je anderem Konzept, leisten die Medien gravierenden Missverständnissen Vorschub. Nur so lässt sich erklären, dass etwa Kernbegriffe der Klimaforschung wie das Modell von vielen Menschen offenbar nicht gut verstanden werden. Es ist etwas anderes, wenn eine Prognose der Klimaforschung lautet, die globale Durchschnittstemperatur steige bis 2100 voraussichtlich um 3,1 Grad, als wenn Per Mertesacker sagt, das Spiel gehe 3:1 aus.
Und wenn es dann 0:2 ausgeht, lässt das keine Rückschlüsse auf Sinn und Unsinn von Experteneinschätzungen insgesamt zu.
Die etwas differenziertere Kritik an der Rolle von Experten betrifft demokratietheoretische Fragen. Experten werden nicht gewählt, Politiker schon. Wenn nun aber diese genau das tun, was jene sagen (wenn sie es denn tun), stellt sich die Frage nach der Legitimation dieses Delegierens politischer Entscheidungen an die Wissenschaft. Das Wort „Expertokratie“ macht die Runde. Die Erzählung dahinter: Das Volk wird einer Handvoll Experten ausgeliefert, die eigentlichen Volksvertreter bekommen ihre Texte diktiert. Dem ist jedoch nicht so. Politikberatung hat es immer gegeben, neu ist, dass diese unter den Augen der Öffentlichkeit stattfindet, sodass der Eindruck entstehen kann, wir würden - zumindest zeitweilig - von einigen wenigen Experten beherrscht. Doch was wäre die Alternative zu Expertenanhörungen, die nicht nur pro forma stattfinden? Eine ideologische Politik, beratungsresistent und faktenscheu. Es gibt Parteien, die so etwas bieten. Eine echte Alternative stellt das wohl kaum dar.
Nötig: Mehr Einordnung
Wo immer man selbst im Diskurs auf Experten zurückgreift, schallt es - wenig durchdacht - zurück: „Selber denken“. Ist sich der Social-Media-Kantianismus der Folgelast seiner Forderung bewusst? Runter von den Schultern der Giganten, das heißt ja, wieder ganz von vorne zu beginnen, im Schlamm nach Spuren zu suchen. Keiner will das, keiner meint das so. Gemeint ist vielmehr: Denken, wie es mir selbst gefällt. Dabei ist echtes „Selber denken“ eine prima Sache, die noch besser wird, schließt sie eine Prise echter Selbsterkenntnis ein. Dazu gehört das aufrichtige Klären von Interessen genauso wie das Wissen um die Grenzen der Informiertheit. Man muss drei Fragen beantworten: Weiß ich alles, was nötig ist, um mir zumindest ein erstes Urteil zu bilden? Gibt es Dinge, die ich nicht weiß und vielleicht auch gar nicht wissen kann? Gibt es Menschen, die dieses Wissen haben, Einrichtungen, die es bewahren? Experten eben.
Es hilft nichts. Wir müssen vertrauen. Besser den Menschen, die sich auskennen und deswegen warnen, als denen, die Versprechungen machen, weil ihnen kein gegenteiliges Wissen im Wege steht. Vertrauen heißt nicht Kritiklosigkeit, bedeutet nicht, alles zu glauben, nur weil es eine mit „Experte“ gelabelte Person vorträgt. Es bedeutet nur, besonders gut zuzuhören und Einschätzungen besonders sorgfältig zu prüfen, wenn sie von jemandem stammen, der sich nachweislich auskennt. Weil sie es oft wert sind. Und weil die Menschen, die einen großen Teil ihrer Lebenszeit dafür aufwenden, bestimmte Dinge gut zu verstehen und dieses Verständnis an die Allgemeinheit weiterzugeben, unseren Respekt verdienen, nicht unser Misstrauen.
Keine Abhandlung kommt heute ohne Blick auf den Einfluss der KI auf das Gesagte aus. Beim Thema „Expertentum“ ist der Blick besonders relevant, hat doch beides etwas mit Wissen zu tun. Droht mit KI (und LLM) das „Ende der Experten“, wie Stefan Holtel in seinem 2024 erschienenen Buch über „ChatGPT und die Zukunft der Wissensarbeit“ fragt? Ich denke, eher umgekehrt wird ein Schuh draus: Wir brauchen mehr Einordnung, genauere Orientierung, wenn alle alles zu wissen glauben, bloß weil die KI zu allem Informationen bietet. Und dafür brauchen wir auch weiterhin – Experten.
Der Autor ist Philosoph und lebt in Berlin.
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