Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

In der Tiefe der Nacht

Der Ball ist rund und die Erde nicht flach: Schade, das zwingt zum spät aufbleiben. Denn der echte Fußballfreund guckt ja in der Vorrunde nicht nur „Deutschland“.
Deutscher Fußballfan liegt spätabends im Bett und schaut ein WM Spiel.
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Augen auf? Deutscher Fußballfan liegt spätabends im Bett und schaut ein WM Spiel.

Das Wichtigste bei dieser Weltmeisterschaft ist nicht der Ball oder das Bier oder preisgekrönte Schiedsrichter aus Somalia, sondern der Wecker. Denn der echte Fußballfreund guckt ja in der Vorrunde nicht nur „Deutschland“ (19 Uhr – 22 Uhr – 22 Uhr) oder die Spiele der Schweiz, mit der sich die Fifa aus steuerlichen Gründen gut stellen muss (Anstoßzeit: dreimal 21 Uhr), sondern eben auch Haiti gegen Schottland (3 Uhr). Oder Iran gegen Neuseeland (auch 3 Uhr).

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Der echte Fan ist bei dieser XXL-WM gefordert. Rund um die Uhr. Und das ist gerade mit dem Grundgefühl, dass man die Spiele am liebsten boykottieren würde und eigentlich auch boykottieren sollte, eine echte Herausforderung. Zumal das mit dem Aktionsangebot im Eiscafé „Venezia“ (Gratis-Cappuccino für jedes Italien-Tor) diesmal schwierig wird. Ausgerechnet jetzt, wo eine schier endlose Vorrunde einen Spielplan im A2-Format nötig macht. Und an deren Ende sind dann immer noch doppelt so viele Mannschaften im Rennen („Sechzehntelfinale“ – ein neues Wort gelernt) wie 1974 an den Start gingen, als Haiti zuletzt dabei war.

Bereits in der ersten WM-Nacht, in der zwischen Eröffnungsspiel und Spiel 2 von 104 (Südkorea gegen Tschechien) nur ein Powernap drin ist, muss man als Zuschauer „über den Kampf zum Spiel finden“ (Seneca). Nachdem ich um 3.30 Uhr aufgestanden bin, um das für 4 Uhr angesetzte Topspiel nicht zu verpassen, beschleicht mich eine gewisse Müdigkeit. Und das nach nicht einmal einem Vorrundenspieltag. Ich schäme mich.

Grönland ist ja nicht dabei

In der Halbzeitpause von USA gegen Paraguay tue ich das, was derzeit so viele Menschen hierzulande tun. Nein, nicht die Terrasse kärchern, sondern sorgenvoll in die Zukunft blicken. Wie werde ich Schweden gegen Tunesien durchhalten können, wenn ich schon bei Kanada gegen Bosnien und Herzegowina (eine Mannschaft – und der Grund, warum es heuer keine Gratis-Cappuccinos gibt) Schwächen zeigte? Und was wird mit Australien gegen die Türkei? Man wünscht sich, die Facebook-Gruppe „Flache Erde“ hätte Recht – keine Zeitzonen und damit keine 3-Uhr-Spiele in der Vorrunde.

Immerhin hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon drei weitgehend inhaltsgleiche Eröffnungsfeiern (Musik, Fahnen rein, Musik) überstanden und kenne jetzt alle teilnehmenden Nationen dem Namen nach. Curaçao kannte ich bisher nur als Getränk. Das 7 zu 1 weckt Erinnerungen. Obwohl es damals ein Auswärtsspiel war. Dennoch werden wir auch jetzt Weltmeister. Die meisten Tore der WM-Geschichte haben wir seit Sonntagabend schon auf dem Konto (239). Italien kommt auf gerade mal 128 Cappuccinos.

Zumindest dürften wir die Vorrunde überstanden haben, denn es kommt ja ins – Achtung! – Sechzehntelfinale auch so mancher Gruppendritte. Mit drei Punkten und sieben Toren kann es also schon reichen. Um der Langeweile in den Deutschland-Spielen zwei und drei etwas entgegenzusetzen, kann man ja mal austüfteln, was passieren muss, damit die USA im Sechzehntelfinale (langsam gefällt mir das) auf den Iran treffen. Oder wenigstens auf Kanada. Grönland ist ja nicht dabei. Obwohl sie es sportlich verdient hätten.

Eine Lektion fürs Leben

Jetzt ist es 2 Uhr 47 und ich freue mich auf Argentinien gegen Algerien. Die hatten mal einen ganz bekannten Torwart: Albert Camus. Der spielte 1929/30 bei Racing Universitaire d’Alger, die in den 1930er-Jahren immerhin dreimal algerischer Meister wurden. Eine Tuberkuloseerkrankung zwang Camus aber schon bald zur Aufgabe der Torwartposition und damit zum Existenzphilosophieren und Literaturnobelpreisgewinnen.

Camus blieb jedoch dem Fußball treu. Echte Liebe. 1953 schrieb er – mittlerweile längst in der intellektuellen Champions League angekommen – einen Beitrag für die Vereinszeitung seines ehemaligen Clubs. Darin heißt es: „Jeden Sonntag fieberte ich dem Donnerstag entgegen, wenn wir Training hatten und an jedem Donnerstag dem Sonntag, an dem gespielt wurde. Das Spielfeld hatte mehr Schrammen, als das Schienbein eines Mittelfeldspielers der gegnerischen Mannschaft. Ich begriff sofort, dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet. Das war eine Lektion fürs Leben, vor allem für das Leben in der Hauptstadt, wo die Menschen nicht ehrlich und gerade heraus sind“. Camus soll einmal gesagt haben: „Alles, was ich über Moral weiß, verdanke ich dem Fußball“. Angesichts dessen, was im Vorfeld der WM so alles passiert ist, kann man ihm nur beipflichten.

Aber immerhin haben es ein paar Spieler doch durch die Grenzkontrolle geschafft, sodass für 6 Uhr noch Österreich gegen Jordanien angesetzt ist. Schlafen kann man ja tagsüber. Also, bis 19 Uhr (Portugal gegen die Demokratische Republik Kongo). Vorausgesetzt, dass niemand kärchert.

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