Lilly: Opa, du hast letztes Mal erzählt, dass die Dame an der Grotte mit Bernadette gesprochen hat. Was hat sie ihr denn alles gesagt?
Bob: Sie hat erst bei der dritten Begegnung mit ihr geredet!
Opa: Gut gemerkt. Bei dieser Begegnung bat sie Bernadette, fünfzehn Tage lang zur Grotte Massabielle zu kommen. Bernadette wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wer die schöne Dame war. Als sie täglich dorthin ging, sprach die Dame immer wieder mit ihr. Manche Worte waren nur für sie. Andere waren für alle Menschen. Und sie gelten sogar für uns heute. Bei der achten Erscheinung zeigte die Muttergottes zum Beispiel, wie wichtig ihr Gebet und Umkehr sind. Dabei sagte sie immer wieder ein Wort. Es hieß: „Buße.“
Bob: Was bedeutet das?
Opa: Buße heißt: etwas wiedergutmachen. Die Muttergottes lädt uns ein, über unser Leben nachzudenken, Gott für unsere Fehler um Vergebung zu bitten und mutig neu anzufangen. Buße zeigt sich nicht nur in Gedanken, sondern auch im Tun: im Gebet und in liebevollen Taten für andere Menschen.
Bob: Zum Beispiel im Rosenkranzgebet!
Opa: Genau. Die Muttergottes sprach mit Bernadette im südfranzösischen Dialekt. Das war die Sprache, die damals bei ihr zu Hause gesprochen wurde. So konnte sie die Dame gut verstehen.
Bob: Spricht die Muttergottes denn alle Sprachen der Welt?
Opa: Es gibt über 7000 Sprachen, die heute weltweit gesprochen werden. Aber wenn die Muttergottes eine Botschaft bringt, spricht sie immer die passende Sprache.
Lilly: Für Gott ist eben nichts unmöglich!
Opa: So ist es. Bei der neunten Erscheinung konnte man Gottes kraftvolles Wirken ebenfalls erfahren. Die Dame bat Bernadette, sich in der Quelle an der Grotte zu waschen, daraus zu trinken und von den Kräutern in der Nähe zu essen. Dabei war dort kein Wasser zu sehen.
Bob: Vielleicht meinte sie den Bach oder den Fluss?
Opa: Das dachte Bernadette zuerst auch. Doch die Muttergottes zeigte auf den Boden direkt an der Grotte. Deshalb begann Bernadette, mit bloßen Händen in der Erde zu graben. Und da geschah es: Es kam schlammiges Wasser. Daraus entstand eine kleine Quelle, die von Tag zu Tag größer wurde. Ein paar Tage später tauchte eine Frau ihren Arm, der starr und unbeweglich war, in das Wasser und konnte ihn wieder bewegen! Da merkten die Menschen, dass es keine gewöhnliche Quelle war.
Lilly: Hat das Wasser etwas Besonderes in sich?
Opa: Nein, es ist ganz normales Wasser. Es ist auch nicht das Wasser, das heilt. Es ist Gott.
Bob: Bestimmt kamen jetzt ganz viele Menschen zur Grotte, oder?
Opa: Ja, es kamen sogar Tausende von Neugierigen. Die Nachricht von Lourdes verbreitete sich in ganz Frankreich und darüber hinaus. Das machte den Behörden vor Ort große Angst. Solche Menschenmengen waren schwer zu kontrollieren für die Polizei. Bernadette wurde deshalb sogar vor den Bürgermeister und den Richter gebracht. Man sagte, sie würde lügen, und drohte ihr mit dem Gefängnis. Auch der Stadtarzt untersuchte sie. Er bestätigte aber, dass sie nicht verrückt sei.
Bob: Die arme Bernadette!
Opa: Ja, es war eine schwierige Situation für sie. Trotzdem ging sie weiterhin mutig zur Grotte. Bei der 13. Begegnung gab die Muttergottes ihr einen besonderen Auftrag. So ging sie zum Pfarrer und erzählte ihm den Wunsch der Dame: Er solle an der Grotte eine Kapelle bauen. Dorthin sollten die Menschen dann in Prozessionen ziehen. Doch der Pfarrer glaubte Bernadette nicht. Er forderte ein Zeichen: Die Dame sollte ihren Namen sagen und den Rosenstrauch am Eingang der Grotte mitten im Winter zum Blühen bringen.
Bob: Hoffentlich hat die Muttergottes ganz viele Rosen blühen lassen! Dann hätte sie dem Pfarrer mal so richtig gezeigt, dass sie von Gott kommt!
Opa: Nein, sie ließ nicht einmal eine einzige Rose erblühen.
Bob: Schade. Aber stimmt, sich erpressen lassen, wäre ja auch falsch.
Lilly: Warum will der Pfarrer noch einen Beweis? Die Muttergottes hat doch schon ein Wunder mit der Quelle gezeigt!
Opa: Glaube lässt sich eben nicht erzwingen. Bernadette fragte die Dame immer wieder nach ihrem Namen. Zuerst lächelte sie nur freundlich, doch bei der 16. Begegnung sagte sie schließlich: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“
Bob: Was soll das heißen? Das ist doch kein Name!
Opa: Bernadette verstand das auch nicht. Auf dem Weg zum Pfarrer wiederholte sie die Worte immer wieder, damit sie sie nicht vergaß. Der Pfarrer war sehr erstaunt, als er die Worte hörte.
Bob: Warum denn?
Lilly: Die Muttergottes war sehr klug. Hätte sie einfach gesagt: „Ich bin Maria, die Mutter von Jesus“, hätte der Pfarrer nur gedacht, dass Bernadette sich das ausgedacht hat.
Opa: Genau so ist es. Aber Bernadette konnte diesen Ausdruck nicht kennen. 1854, also erst vier Jahre zuvor, hatte Papst Pius IX. eine verbindliche Lehre der Kirche über die „Unbefleckte Empfängnis“ verkündet. Für den Pfarrer war das der Beweis, dass die Dame tatsächlich die Muttergottes war.
Lilly: Und was bedeutet „Unbefleckte Empfängnis“?
Opa: Ich fange einmal so an: Unsere Welt ist in Unordnung, weil wir Menschen immer wieder Böses tun. Das nennt man sündigen. Wir können nicht einfach sagen: Von heute an sind wir nur noch gut. So steckt sich jede Generation wieder an. Das nennen wir Erbschuld. „Unbefleckte Empfängnis“ heißt, dass Gott Maria von Anfang an darauf vorbereitet hat, die Mutter von Jesus zu werden. Dafür sollte sie ganz rein, also „unbefleckt“, sein. Und zwar schon bei ihrer Empfängnis, das ist der Moment, als sie im Bauch ihrer Mutter angefangen hat zu leben. Deshalb war Maria von Geburt an von der Erbschuld befreit.
Bob: Das ist ja kompliziert.
Opa: Ja, aber wichtig ist: Die gewünschte Kapelle wurde acht Jahre später geweiht. Bernadette war bei der Weihe dabei. Heute steht über diesem Gebäude eine große Kirche.
Bob: Können wir die mal anschauen?
Lilly: Und wann war die letzte Erscheinung?
Opa: Am 16. Juli 1858. Also ungefähr fünf Monate nach ihrer ersten Begegnung. Bei dieser letzten Erscheinung sagte Bernadette, sie habe die Muttergottes noch nie so schön gesehen. Und ja, Bob, wir können gern einmal gemeinsam nach Lourdes fahren. Dort können wir mit vielen anderen Pilgern Wasser an der Grotte abfüllen und an einer Prozession teilnehmen.
Bob: Oh ja!
Die Autorin ist Lehrerin, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie war an der Erstellung des YOUCAT for Kids beteiligt.
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