Draußen klopfte der Regen gegen die Scheiben, und der Wind trieb die letzten Reste des Winters durch den Garten. Es war der 9. März. Drinnen am Küchentisch bastelte Leni an einem kleinen Kreuz aus Weidenzweigen, während Maxi in einem alten Buch mit Bildern aus Italien blätterte.
Cousin Simon saß am Fenster und balancierte einen Bleistift auf seinem Finger. Er sah gelangweilt aus. „Opa“, sagte er plötzlich, „du hast gesagt, wir feiern heute einen Jungen, der mit 14 Jahren gestorben ist? Er war also genauso alt wie ich. Warum ist er ein Heiliger? Hat er Drachen besiegt oder ein Land gerettet?“
Opa, der gerade das Kaminfeuer schürte, schaute auf. „Nein, Simon. Dominikus Savio hat keine Kriege gewonnen. Er hat etwas viel Schwierigeres getan: Er hat versucht, jeden Tag so zu leben, dass Gott sich darüber freuen kann. Sein Lehrer war kein Geringerer als der berühmte Priester Johannes Bosco.“
Simon lachte kurz auf. „Jeden Tag brav sein? Das klingt ja furchtbar anstrengend und ehrlich gesagt ziemlich langweilig. In diesem Alter will man doch Abenteuer erleben und nicht nur beten.“
Oma stellte eine Kanne Tee auf den Tisch. „Glaub mir, Simon, Dominikus war alles andere als langweilig. Er war der Anführer auf dem Spielplatz, er konnte Leute zum Lachen bringen und Streit schlichten, bevor die erste Faust flog. Aber er hatte ein Geheimnis, das ihn stärker machte als die Muskeln der älteren Jungen.“
Um ein paar Nägel für Lenis Kreuz zu holen, gingen sie rüber in Opas alte Werkstatt. Dort trafen sie auf einen jungen Mann namens Lukas, der Opas Werkstatt immer mal für Arbeiten nutzen durfte. Lukas war ein kräftiger Kerl mit tätowierten Armen, der eigentlich immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte.
„Lukas“, fragte Opa, „was meinst du? Wir haben gerade über Dominikus Savio gesprochen. Kann man mit 14 schon ein Held sein?“
Lukas legte den Hammer weg und wischte sich den Staub von den Händen. Er sah Simon an. „Wisst ihr, als junger Erwachsener war ich früher in einer Jugendbande. Wir dachten, wir wären die Größten, wenn wir andere ärgerten und ihnen manchmal sogar wehtaten. Aber dann hat mir jemand von diesem Dominikus erzählt. Es gab da eine Geschichte: Zwei Jungs wollten sich im Streit mit Steinen bewerfen, einer blutete schon. Und sie wollten weitermachen. Dominikus stellte sich genau zwischen sie. Er hielt ein kleines Holzkreuz hoch, wie das hier von Leni, und sagte: ‚Schaut auf das Kreuz und werft den ersten Stein auf mich!‘“
Leni hielt den Atem an. „Haben sie geworfen?“
„Nein“, sagte Lukas leise. „Sie schämten sich so sehr, dass sie die Steine fallen ließen. Dominikus war vielleicht nicht stark in den Armen, aber er hatte einen Mut, der aus seinem Inneren kam. Er sagte immer: ‚Ich bin nicht der Herr meines Lebens, Gott ist es.‘“ Lukas fuhr sich über den Arm. „Diese Geschichte hat mich damals dazu gebracht, meine Gang zu verlassen. Ich habe gemerkt, dass es mutiger ist, ‚Nein‘ zum Bösen zu sagen, als mit der Masse mitzulaufen.“
Sie gingen zurück ins Haus. Die Wärme des Kaminfeuers empfing sie. Opa holte ein kleines Heiligenbildchen hervor, auf dem die Vorsätze standen, die Dominikus zu seiner Erstkommunion aufgeschrieben hatte.
„Lies das mal vor, Simon“, bat Opa.
Simon las langsam: „Ich will oft beichten und kommunizieren. Ich will die Feiertage heiligen. Meine Freunde sollen Jesus und Maria sein. Lieber sterben als sündigen.“ Simon hielt inne. „Lieber sterben als sündigen? Das ist doch extrem krass, oder?“
Das Geheimnis der Fröhlichkeit
„Für ihn war es ganz einfach“, erklärte Oma. „Er sah die Sünde wie eine dunkle Wolke, die das Licht in seinem Herzen auslöschte. Er wollte aber immer im Licht bleiben. Don Bosco sagte über ihn: ‚Dominikus ist wie ein kleiner Riese des Geistes.‘ Er war immer fröhlich. Das war sein Markenzeichen. Er glaubte, dass ein trauriger Heiliger ein trauriger Heiliger ist.“
Plötzlich klopfte es an der Tür. Es war ein Junge aus Maxis Klasse, Julian. Er sah verheult aus und suchte seinen Hund, der weggelaufen war. Simon, der sonst oft Witze über Julian machte, weil dieser ein wenig schüchtern war, stand plötzlich auf.
Maxi beobachtete, wie Simon zu Julian ging. Simon suchte nicht nach einer Ausrede, um weiter an seinem Handy zu spielen. Er nahm seine Jacke vom Haken. „Komm, Julian“, sagte Simon fest. „Ich helfe dir suchen. Wir gehen zum Park, da laufen Hunde oft hin.“
Leni flüsterte Oma ins Ohr: „Schau mal, Simon ist gerade ein bisschen wie Dominikus, oder?“
Oma nickte lächelnd. „Er hat gemerkt, dass es wichtiger ist, einem Freund zu helfen, als cool zu sein.“
Es dauerte fast eine Stunde, bis die Jungen zurückkamen – mit einem klatschnassen, aber wedelnden Hund. Julian bedankte sich überschwänglich und ging nach Hause. Simon setzte sich wieder an den Tisch. Er war erschöpft, aber seine Augen leuchteten.
Heiligkeit ist keine Sache für alte Leute
„Weißt du, Opa“, sagte Simon, während er seinen Tee trank, „Lukas hat recht. Es ist gar nicht langweilig, das Richtige zu tun. Es gibt einem ein Gefühl, als hätte man innerlich ein Licht angeknipst. Dominikus Savio... er war eigentlich ein ziemlich cooler Typ. Er hat nicht gewartet, bis er erwachsen war, um etwas zu bewirken.“
Opa legte Dominikus’ Bild auf den Tisch. „Er starb kurz vor seinem 15. Geburtstag. Seine letzten Worte waren: ‚Oh, was für schöne Dinge sehe ich!‘ Er hatte keine Angst vor dem Tod, weil er sein ganzes kurzes Leben lang ein Freund Gottes war.“
Das Zimmer war erfüllt vom Duft des Tees und der Ruhe des frühen Abends. Maxi fühlte sich ganz leicht. Er verstand nun, dass Heiligkeit keine Sache für alte Leute ist. Es ist eine Entscheidung für junge Menschen – genau hier und jetzt.
„Morgen“, sagte Maxi zu Leni, „versuche ich auch, auf dem Schulhof den Streit zu schlichten, wenn die Großen sich wieder um den Fußball zanken.“
Leni nickte. „Und ich schenke meine Zeichnung der kranken Sarah.“
Simon schaute noch einmal auf das kleine Bildchen von Dominikus. Er tippte nicht mehr auf seinem Handy. Er schien in Gedanken bei dem Jungen aus Italien zu sein, der gezeigt hatte, dass man kein langes Leben braucht, um ein großes Leben zu führen. Das Licht von Dominikus Savio brannte nun ein kleines bisschen weiter – in einem modernen Wohnzimmer, viele Jahre später, in den Herzen von drei Kindern, die verstanden hatten: Fröhlichkeit und Gutes tun ist der kürzeste Weg zu Gott.
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