Es sind zwei verschiedene Anlässe der vergangenen Wochen, bei denen das zutiefst Menschliche des Prince of Wales aufscheint. Auf der Tribüne im Villa Park bei seinem geliebten Club Aston Villa sah man William, der sichtlich gelöst Fußballlieder mitsang und sich ganz dem Spektakel hingab. Nur wenige Tage zuvor hatte er auf der Bühne der Royal Albert Hall eine weitere Facette seiner Persönlichkeit gezeigt, als er eine würdevolle Hommage zum 100. Geburtstag von Sir David Attenborough hielt – dem weltberühmten Naturforscher und Naturfilmer, der im Land als moralische und ökologische Instanz gilt. William zeigt sich nahbar, menschlich und ist deshalb im Land beliebt. Darin zeigt sich schon jetzt die mögliche Handschrift seiner Regentschaft, wenn er eines Tages einmal seinen Vater, Charles III., ablösen wird.
König Charles’ Amtszeit hat die Gepflogenheiten, die unter Queen Elizabeth II. am Hof herrschten, weiterentwickelt und an seine Persönlichkeit angepasst. So lässt der Monarch Nähe zu, lässt sich, anders als seine Mutter, anfassen und brilliert bei öffentlichen Auftritten mit Witz und der Kunst, schnell mit jedem Gegenüber ein kurzes Gespräch anbahnen zu können. Fußballlieder singen hat man Charles indessen noch nicht gehört.
Egal wie unterschiedlich die Persönlichkeit und die Präferenzen britischer Monarchen sein werden: Allen ist gemein, dass sie mit Amtsantritt zum „Head“, zum Helm, der Anglikanischen Staatskirche werden. Queen Elizabeth II. hat in dieser Eigenschaft ihren persönlichen christlichen Glauben in ihre Weihnachtsansprache an die Nation einfließen lassen.
König Charles III. sagte in seiner ersten Ansprache an das Vereinigte Königreich, dass auch er gedenkt, das Engagement der Krone für diese Kirche fortzuführen. Der veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung gemäß hat Charles, schon zu der Zeit, da er noch der Prince of Wales war, geäußert, er möchte den traditionellen Titel des Monarchen, „Defender of the Faith“, „Verteidiger des Glaubens“, erweitern zu „Defender of the Faiths“, frei übersetzbar mit „Anwalt aller Religionen“. Schon lange gehört keine Mehrheit der Engländer mehr der Staatskirche an, nur noch zwölf Prozent geben in Umfragen an, Anglikaner zu sein. Bei den unter 25-Jährigen rangiert dieser Wert sogar noch niedriger, bei zwischen einem und zwei Prozent. Und schon längst leben Menschen anderer Religionen in großer Zahl im Vereinigten Königreich. Rund sechs Prozent aller Menschen im Land sind Muslime, außerdem gibt es unter anderem eine Million Menschen hinduistischen Glaubens.
Fühlt sich nicht zuhause im kirchlichen Umfeld
Der nächste in der Reihe der Thronfolge, William, Prince of Wales, hat, wie eine übergroße Mehrheit seiner Landsleute, bislang eine gewisse Distanz zur Kirche erkennen lassen. „Er fühlt sich nicht automatisch im kirchlichen Umfeld zu Hause“, fasste es die Royal-Expertin Roya Nikkah in einem Porträt des Thronfolgers für die Times, das im Januar 2024 abgedruckt wurde, zusammen. Man finde William, so der Text, an einem Sonntagmorgen eher auf dem Rugby-Feld, wo er seinen Sohn beim Spielen anfeuere, denn in einer Kirche. Das löste im Land eine Debatte über die kirchenpolitische Rolle des Monarchen aus. Zwar ist der Erzbischof von Canterbury das spirituelle Oberhaupt der Anglikanischen Weltgemeinschaft, vom König werden also keine theologischen Exkurse erwartet. Allerdings ist ein König, der am Sonntag zur Kirche geht, in den Augen der Kirche ein gutes Vorbild für den Rest der Herde.
Die Debatte ebbte nicht ab, sondern erhielt, im Gegenteil, neuen Auftrieb, als im März 2026 die neue Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally, in ihr Amt eingeführt wurde. William gab in diesem Zusammenhang der Times am Sonntag ein Interview, in dem er, ausdrücklich auf den Bericht aus dem vorvergangenen Jahr, sagte: „Ich werde die Kirche von England voll und ganz unterstützen, wenn die Zeit gekommen ist, und ich verwende jetzt Zeit darauf, ihre Strukturen und die lebenswichtige Rolle, die sie in unseren Gemeinden spielt, zu verstehen.“ Das klang dann doch so, wie es die Vertreter der Staatskirche von einem Thronfolger erwarten. In England sitzen die Bischöfe noch allesamt im House of Lords, einer Kammer des Parlaments.
Die Rolle der Kirche in einer Monarchie, auch wenn diese nur zeremoniell wahrgenommen wird, liefert den weitreichenden Begründungszusammenhang zwischen jahrhundertealter Monarchie und moderner, liberaler Demokratie. Nichts verdeutlichte diesen geschichtlichen Anachronismus mehr als die Rede, die Charles III. in der ehemaligen Kolonie Englands in der „Neuen Welt“ aus Anlass von 250 Jahren Vereinigte Staaten von Amerika gehalten hat, in der sich der Monarch, traditionell „von Gottes Gnaden“, den Werten jener Demokratie verpflichtet und damit auch unterordnet, die in der Wahrnehmung vieler gerade in Amerika durch Donald Trump unter Beschuss geraten ist.
Charles versteht sich als König im christlichen Sinn
Charles III. versteht seinen Dienst als König in einem strikten christlichen Sinne. Das wurde bei seinem persönlichen Gebet deutlich, das er während seiner Krönung in der Westminster Abbey betete. Es war das erste Mal, dass ein Monarch ein solches, von der Liturgie nicht vorgesehenes, freies Gebet sprach: „Gott des Mitgefühls und der Barmherzigkeit, dessen Sohn gesandt wurde, nicht um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen: Schenke mir die Gnade, dass ich in deinem Dienst die vollkommene Freiheit finde, und in dieser Freiheit die Erkenntnis deiner Wahrheit. Gewähre, dass ich ein Segen sei für alle deine Kinder, jeglichen Glaubens und Überzeugung, damit wir gemeinsam die Wege der Sanftmut entdecken und auf die Pfade des Friedens geführt werden; durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.“
Auch sein Engagement für die Bewahrung der Schöpfung leitet der König aus seinem christlichen Glauben ab: „Wir haben unseren Sinn für das Heilige verloren, unseren Sinn für die Welt als Schöpfung einer höheren Macht. (…) Wir haben vergessen, dass wir Teil der Schöpfung sind, nicht ihre Herren. In unserer Arroganz haben wir die Erde wie eine zu plündernde Ressource behandelt und nicht wie ein heiliges Vermächtnis, das es zu pflegen gilt. Wahre Bewahrung der Umwelt ist im Innersten eine religiöse Pflicht. Es geht darum, den Schöpfer zu ehren, indem man die Schöpfung respektiert“, sagte er bereits im Jahr 2000 bei einer Rede aus Anlass einer Synode der Kirche Schottlands. Charles III. ist ein Monarch, der ganz so wie seine Mutter, Elizabeth II., vor ihm aus dem Glauben die Kraft für die Ausübung des Amtes gewinnt.
William verwendet, anders als sein Vater und seine Großmutter, in seinen Reden bislang keine religiös konnotierte Sprache. Im englischen Staatswesen ist das Christliche, als politisch verstandene Größe, indessen so fest verankert, dass sich William als Monarch irgendwie dazu verhalten muss. Dass er das eingesehen hat, legt seine Äußerung nahe. Und es wird sehr wahrscheinlich noch einige Zeit vergehen, bis William als König einmal seine erste Weihnachtsansprache halten wird.
Bis dahin kann er den Blick auf das Religiöse schärfen, das er vom Verständnis seines Vaters „defender of the faiths“ durchaus in seiner königlichen Rolle weiterentwickeln und so zuschneiden kann, dass er sich selbst nicht verbiegen muss. Vielleicht entsteht dadurch eine Chance, dass mit William auch die Angehörigen seiner Generation, die sich nicht mehr als Mitglieder einer Kirche begreifen, für sich einen neuen Zugang zum ererbten Christentum entdecken.
Der Autor ist katholischer Theologe Er unterrichtet Politische Philosophie an der New York University.
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