Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Audienz beim Papst

Wer zu spät kommt, der wirbt für das Leben

Leo XIV. empfing eine rund 100-köpfige Delegation des Cartellverbandes (CV) zur Audienz. Dabei rief der Papst zum „christlichen Humanismus“ auf.
Papst Leo XIV. empfängt deutsche Studenten
Foto: Vatican Media (Romano Siciliani) | Teilnehmer überreichen Papst Leo XIV. eine Studentenmütze beim Empfang von Mitgliedern im Cartellverband deutscher katholischer Studentenverbindungen zu einer Audienz am 5. Juni 2026 im Vatikan.

Beinahe eine Stunde verspätet: Als Papst Leo XIV. am Freitagvormittag in der Audienzhalle „Paolo Sesto“ im Vatikan circa 1.000 Vertreter des Cartellverbandes der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen (CV) und deren Angehörige zu einer exklusiven Audienz empfing, befanden sich die katholischen und farbentragenden Studenten und „Alten Herren“ inklusive vieler Kinder und Jugendlicher bereits annähernd vier Stunden in der Audienzhalle.

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Doch bereits ein kurzer Blick auf seine Smartwatch und der lakonische Kommentar, er habe es ja mit besonders pünktlichkeitsliebenden Besuchern zu tun, denen er sich aber – bei allem Respekt – nicht zurechnen könne, ließen eine spürbare Welle der Sympathie und jener „sprezzatura“ durch die Halle wehen, die seit jeher so viele ernste deutsche Besucher in das beschwingtere Rom zieht.

Leos Grußwort mit aktuellem Schwerpunkt

Dabei waren die Grußworte des Papstes, die er an die zur jährlichen „Cartellversammlung“ erstmals außerhalb Deutschlands zusammengekommenen Akademiker richtete, keineswegs leichte Unterhaltung. Wo frühere Grußworte der Päpste an den größten katholischen Akademikerverband Europas ganz auf Linie mit der verbandseigenen Selbstdarstellung vor allem auf die verdienstvolle und wechselhafte Vergangenheit der Studentenverbindungen rekurrierten, wählte Leo XIV. einen außergewöhnlich aktuellen Schwerpunkt.

Natürlich kamen auch in seiner knapp 20-minütigen Ansprache die vielen Bereiche, in denen einzelne Cartellbrüder sich auf deutscher wie europäischer Ebene Verdienste erworben haben, nicht zu kurz. Doch seine Überlegungen zur generationen- und disziplinübergreifenden Brüderlichkeit als zentralem Gestaltungsprinzip der Verbindungen führte der Pontifex in einem deutlich größeren Deutungsrahmen aus.

Auf die geografisch zentrale Position Deutschlands in Europa anspielend, rief Leo XIV. dazu auf, angesichts der „Herausforderungen der technologischen Revolution“ das „gemeinsame Menschsein“ in den Mittelpunkt der akademischen Verantwortlichkeit des Verbandes zu rücken. Die leitenden Prinzipien ebenso wie das Verbandsmotto „in necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ („Im Notwendigen Einheit, in Zweifeln Freiheit, in allem Liebe“) – mit deren Rezitation ebenso wie mit dem gemeinsamen Gesang der alten Studentenhymne „Gaudeamus igitur“ sich der Papst gleich zu Beginn die Sympathie seiner Zuhörer erwerben konnte – seien deutlicher Ausdruck, dass katholischer Glaube niemals eine bloße Parteiangelegenheit darstellen könne. Er solle vielmehr unseren Geist als „fruchtbaren Boden“ beflügeln und eine Kultur des Lebens und der Menschlichkeit erschaffen, so Leo XIV.

Anstöße von  Papst Benedikt XVI. aufnehmen

Es gelte dabei, Anstöße etwa von  Papst Benedikt XVI. aufzunehmen, der ebenfalls dem CV angehört hat. Der deutsche Papst habe in seiner Rede vor dem Bundestag 2011 die unbedingte Liebe zu den Möglichkeiten wie den Beschränkungen des Menschen angemahnt. Im gesellschaftlichen Rahmen „Kompromisse mit dem Zeitgeist“ einzugehen oder „individualistische Vorlieben über die gemeinsame Tradition der Kirche“ zu stellen, so Papst Leo XIV. weiter, sei nicht gerechtfertigt. Vernunft und Glaube sollten nicht, wie es gerade in akademischen Berufen nahezuliegen scheint, gegeneinander balanciert werden – beide sollten vielmehr als aufklärendes Licht jedem Einzelnen Ansporn geben, „die Verheißungen und Täuschungen der heutigen Zeit“ kritisch zu hinterfragen, „um zum Aufbau einer gerechten und friedlichen Gesellschaft beizutragen“.

Dieser entschiedene Aufruf zu einem „christlichen Humanismus“, dessen subtile Gegenwartsdiagnose zweifelsohne an die jüngst veröffentlichte Enzyklika „Magnifica Humanitas“ anknüpft, dürfte in zweierlei Hinsicht besonderes Interesse im Cartellverband erwecken. Zum einen hob Leo XIV. die „Evangelisierung der Kultur“ als letztliches Ziel aller im CV gepflegten „Freude der Brüderlichkeit“ hervor. Damit bekräftigte er erneut, dass gerade die wirtschaftlich und wissenschaftlich saturierten Gesellschaften Europas die Kerngebiete einer neuen Missionsbewegung bilden müssten.

Vor dem Hintergrund innerverbandlicher Diskussionen um eine Abkehr vom katholischen Profil des CV dürfte dies als klare Warnung vor einer Verwässerung eigener Inhalte verstanden werden. Die Strahlkraft des gelebten Glaubens auf junge Menschen sollte nicht gegenüber bloßen Äußerlichkeiten wie einer ausgedehnten und prominent besetzten Mitgliederliste unterschätzt oder gar unterschlagen werden.

Von der Berufung eines katholischen Akademikers

Zum anderen betonte der Papst, dass die katholischen Akademiker in ihren beruflichen Aufgaben ebenso wie in ihrem kulturellen Engagement nicht nur „Beruf“, sondern „Berufung“ erkennen sollten. Wer seine Stimme als katholische Statusgruppe in den öffentlichen Diskurs einer durchsäkularisierten Gesellschaft einbringen möchte, kann dieses geistige Fundament nicht weiter einfach voraussetzen. Ein buntbemütztes Sonntagschristentum, das in der Kirche nur einen sozialen Akteur unter vielen sieht, kann nicht als das Salz der Erde in den drängenden Gegenwartsfragen wirken.

Der Mensch, so Papst Leo XIV., müsse sich und seinen Mitmenschen zuvorderst wieder als transzendentes, nach Gott strebendes Individuum begreifen. Erst auf dieser christlich-humanistischen Grundlage sind sinnvolle Zusammenschlüsse und Initiativen möglich, die nicht allein materiellen Interessen dienen, sondern von der Beziehung zu Gott, vom „Weg der Heiligkeit“ her ihren kulturellen Mehrwert begründen. „Die kulturelle Aufgabe der Christen besteht darin, die Gesellschaft und die Geschichte auf dieses erhabene Ziel eines gottzentrierten Lebens auszurichten“, so die eindrucksvollen Schlussworte des Pontifex an die Verbindungen.

Nach dem Ende der Audienz strömten die Besucher scharenweise in die umliegenden Gassen des Petersdomes. Sichtlich ermüdet durch die lange Wartezeit und das frühe Aufstehen, aber beglückt durch die sehr persönliche Begegnung mit dem Stellvertreter Petri, bevölkerten Jung und Alt mit Bändern aller Farben die Cafés um den Tiber. Das wird noch bis Sonntag so sein, wenn die Cartellversammlung mit der Heiligen Messe im Petersdom, zelebriert von Kardinal Hollerich, enden wird.

Die Ansprache Papst Leos XIV. dürfte hingegen noch weit über das Frühsommerglück der deutschen Rombesucher hinaus zu programmatischen Überlegungen und Diskussionen Anstoß geben – im Cartellverband ebenso wie im deutschen Katholizismus insgesamt.

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Themen & Autoren
Sebastian Zellner Leo XIV.

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